weiß , ich kann nicht entfliehen . Ich habe ja kein Haus , wohin . « Eine Leibeigene bin ich , nicht anders als die da unten auf den Bänken schlafen müssen . Jeden braucht man , wozu er gut ist , und so lange er dazu gut ist . Mich staffirt man aus mit allem Glanze , so lange es sich lohnt . Wenn ich nicht mehr hübsch bin , nicht singen , Musik machen , nicht mehr tanzen kann , nicht mehr muntere Antworten gebe , nicht mehr die Herzen entzücke , dann wirst man mich fort , wie jedes andere unnütze Werkzeug . Sie hat so wenig ein Herz für mich , als die Lupinus . Und die Andern ! Sehe ich denn nicht , wie man mich abschätzt ? Gehöre ich zu diesen Erwählten ? Fühle ich nicht unter ihren Komplimenten und schmeichelnden Reden heraus , was ich ihnen bin , was ich ihnen wäre ohne den geliehenen Lustre ? Rümpfen diese vornehmen Damen nicht die Nase , wenn ihre Töchter mich einladen , mich mit ihren Freundschaftsversicherungen überschütten ? Zittern die Mütter nicht , wenn die Söhne mir zu viel Aufmerksamkeit erwiesen ? Nahte sich mir denn mit ernster Absicht in der langen Zeit nur ein edler Mann aus diesen Kreisen ? Herr von Fuchsius ist ehrlich genug : er trat bald zurück , weil ich kein Vermögen besitze . Die Andern sagten es nicht , aber ich lese ihre Gedanken . Mitten im Zauberwirbel der Geselligkeit , der Pracht und rauschenden Lust , bin ich eine Fremde , mitten in den Schaaren , die mich umdrängen , eine Gemiedene . » Wer wird sie denn nehmen ! « hörte ich eine vornehme Dame zu einer andern flüstern , nachdem sie nachher nicht Worte genug gefunden , mir Schönes zu sagen . » Sie ist doch nur eine Gesellschafterin , « erwiderte die Andre ; » ein vornehmer Lockvogel . « - » Dann kommt zuletzt doch noch Einer , der erste Beste , « setzte die Andere tröstend hinzu . » Und unter der Haube ist unter der Haube . « » Warum hört Adelheid auf das Geschnatter ! « » Weil ich es hinter ihrem geschlossenen Munde lesen würde . Ja , ich bin eine Gebrandmarkte - erschrick nicht , Louis , vor dem Wort , es ist nicht so übel , es sind viel bessere als ich , ich könnte zuweilen sogar stolz darauf sein . So stolz , daß ich auch meines Gleichen suche . Brauchst Du noch Beruhigung um Deinen Freund , so wisse , ich hätte jetzt Waltern nicht mehr die Hand gereicht . Er war mein Mentor , mein Schutzengel , er hob mich , ihm danke ich , daß ich nicht unterging in dem Sumpfe ; aber nun steht er mir auch so hoch da , daß ich den stillen , reinen Strom seines Lebens durch meine Berührung nicht trüben , nicht stören darf und will . - Du bist mein Retter . Wir haben uns nichts vorzuwerfen , wir sind beide Fremde , Mißverstandene , Gemiedene , Ausgestoßene , und unsere Herzen schlagen zu einander . Das hinter uns lassen wir ruhen , und blicken - wir flüchten Beide - in eine bessere Zukunft . « » Wie Du selbstquälerisch Dich erniedrigst , « sprach er , ihre Hand an sein Herz drückend . » Wenn der gerechte Richter die Wage hält , ist die Schwere Deiner Schuld wie die Flaumfeder , die in der Luft sich wiegt . « » Die Welt ist kein gerechter Richter ; sie wägt auch nicht die Schuld , sie wägt nur die Verhältnisse ab . Auch der gerechte Richter fragt , was ich bin , nicht was ich hätte sein können . Was bin ich denn ! Nicht hier , nicht dort eine Wahrheit ! Ein halbes Kind , herausgerissen aus dem elterlichen Hause , lernte ich tänzeln , ehe ich gehen konnte , Komödie musste ich spielen , ehe ich von dem etwas wusste , was ich spielen sollte . Ehe ich eigen gedacht , empfunden , gelebt , lernte ich reflektiren . Die schlichte Bürgerstochter , plötzlich gestoßen in Kreise der ersten Geister und der vornehmen blasirten Menschen , musste ich Angelerntes hersagen . Louis , erschrickst Du nicht , wie ich rede ! Ist das die natürliche Sprache eines zwanzigjährigen Mädchens ? Soll , darf sie reflektiren , wie ein Mann , der die Lebensschule durchgemacht hat ! Ich erschrecke oft vor mir selbst ; ich schaudere , wenn ich in den Spiegel sehe . So haben sie mich herausgeschraubt zu einem unnatürlichen Dasein . Ich frage mich oft in Stunden der Verzweiflung : kann mich wer so lieben ? wer sich mir so vertrauensvoll hingeben ? Statt eines kindlichen Mädchens eine , die die Schlechtigkeit der Menschen im tiefsten Grunde kennen gelernt - « » Aber unberührt von ihr blieb . Deine schöne Natur hat gesiegt . « Sie strich ihm die Locken aus der Stirn : » Sei ehrlich ! Wäre es Dir nicht lieber , wenn ich ein Kind wäre , das arglos , neckisch , vertrauensvoll sich in Deine Arme würfe ? So zerdrücke ich oft eine stille Thräne , wenn ich im Hause bin , wo ich nicht mehr zu Hause bin , wenn die jüngern Schwestern mich mit neugierigen Fragen bestürmen , über die ich lächeln muß . Wäre ich wieder so ! ruft es , aber ich möchte doch wieder nicht so sein , ich könnte nicht wieder so sein , - es ist eine Kluft gerissen , und ich gehöre hierhin , nicht dorthin . Das ist der Fluch - « » Nicht Deiner Schuld . « Sie blickte sinnend vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf : » Wenn mein Herz blutete und springen wollte unter der schillernden Maske , log ich nicht , indem ich nicht aus der Rolle fiel ? Mischte sich nicht da