, daß sein Vater ihm ein paar Blätter hinreichte , damit er sie mit ihm zusammen abstimme ; aber er kannte seinen Vater in der Beschäftigung nicht wieder . Er fragte sich : wie ist es möglich , daß er in der Stunde meiner Ankunft an nichts Anderes , als an diese Geschäfte denkt , und er sah es ein , wie dieses nicht der Augenblick und nicht der Zeitpunkt sei , in welchem er seinem Vater mit der Nachricht , daß er sich versprochen habe und eine eigene Familie in Schloß Richten zu begründen wünsche , eine Freude machen könne . Es war ihm schwer ums Herz , er bemitleidete seinen Vater . Der Freiherr und die Zeiten hatten sich so sehr verändert . Wie weit hatten sich sonst Thür und Thor jedem Gaste geöffnet , wie hatte man sich , als seine Mutter noch gelebt , zu jeder Stunde beeilt , den Ankommenden zu bewirthen und zu erquicken ! Jetzt nahmen Sorgen des Vaters Sinn durchaus gefangen , jetzt dachte Niemand daran , daß Renatus weit geritten , daß er durch Regen und Nebel gekommen war , daß der Sohn des Hauses eine Erfrischung und Stärkung nöthig haben könne , und so traurig , so erschreckt , so niedergeschlagen und so fremd fühlte er sich , daß er sich nicht entschließen konnte , sie zu fordern ! Die baumlose , kahle Fläche vor dem Schlosse schwebte ihm immer vor den Augen , das Wort von dem letzten Thaler lag ihm immer noch im Sinne . Es half ihm nicht , daß er sich vorhielt , wie natürlich es sei , daß sein Vater der Geschäfte denke , wie thöricht er selber handle , daß er nicht verlange , was er nöthig habe . Er fand endlich eine Art von düsterer Genugthuung darin , sich die Wandlung recht empfindlich zu machen , die hier vorgegangen war , und weil er niemals rechnen und erwägen gelernt hatte , so unterschätzte er jetzt die Lage , in welcher sein Vater und seine Familie sich befanden , wie er sie bisher zu überschätzen gewohnt gewesen war . Es ängstigte ihn , daß seine Vorgesetzten , seine Kameraden einen Einblick in die veränderten Verhältnisse seines Hauses thun konnten ; er dachte mit Schrecken daran , wie gleich die niedergehauene Allee es Jedem verkünden müsse , daß die Axt auch an den Wohlstand seines Stammes bereits gelegt sei . Er kam sich wie ein Heimathloser , wie ein Bettler vor - und Hildegard erwartete von ihm das Glück ihres Lebens , eine schöne , reiche Zukunft ! Zweites Capitel Man hatte sich mühsam durch den Abend hingebracht , und der nächste Morgen ließ sich auch nicht besser an . Es regnete noch immer fort . Nirgends war ein Durchbruch der Wolken zu bemerken , der auf eine baldige Aenderung des Wetters hätte schließen lassen . Auf dem Lande aber hat ein lange anhaltender Regen etwas Einbannendes , das ihn weit lästiger macht , als in der Stadt . Der Freiherr hatte früh den Amtmann rufen lassen , weiterhin gegen Mittag kamen ungefordert die Schulzen und verschiedene Bauern in das Schloß , um bei dem Freiherrn ihre Beschwerden und Bitten wegen der bevorstehenden Einquartierung anzubringen . Renatus sah daraus , daß sein Vater die Verwaltung seiner Güter fast ganz in seine Hand genommen hatte ; aber er konnte sich nicht daran gewöhnen , daß die schweren Schritte der Bauern auf den Treppen und Gängen des Schlosses erschallten , daß ihr erdiger Stiefel den Teppich in dem Zimmer des Freiherrn betrat , und sein Vater that ihm leid , wenn er ihn Geschäfte verhandeln , ihn um Kleinigkeiten dingen und feilschen sehen mußte , an welche zu denken er in früheren Jahren weit unter seiner Würde gehalten haben würde . Es war still im Schlosse , aber nicht so ruhig , wie dereinst . In dem Zimmer , welches das Wohngemach der Baronin Angelika gewesen , waren die Fenster alle geschlossen , obschon trotz des Regens die Luft sehr mild war . Im Kamine brannte das Feuer . Vittoria lag auf einem türkischen Polster , Renatus saß ihr gegenüber . Sie hatte ein vielfarbiges Tuch um Kopf und Schultern geschlagen , als ob sie trotz der großen Wärme , welche in dem Zimmer herrschte , an Kälte leide , und bewegte , im Gegensatz dazu , mechanisch und zerstreut den mit Edelsteinen besetzten Fächer in ihrer Hand , als müsse sie sich Kühlung fächeln . Renatus sah , wie ihre schwarzen Locken an ihren Schläfen niederfielen , wie ihr kleiner Fuß unter dem gelbseidenen Morgen-Gewande hervorblickte , wie ihre langen Wimpern einen Schatten auf ihre Wangen warfen und wie sie es vermied , seinem Auge zu begegnen , so geflissentlich er das ihrige suchte . Eine geraume Zeit verging auf diese Weise . Mitunter machte der junge Mann eine Bewegung , als ob er sich erheben und das Zimmer verlassen wolle ; dann folgte ihm der Blick Vittoria ' s schnell und unmerklich , aber er stand immer wieder von seinem Vorhaben ab , obschon es ihn Ueberwindung kostete , zu bleiben ; und wenn sie sich seines Verweilens auf ' s Neue sicher wußte , senkte sich das Auge seiner Stiefmutter wieder auf den Boden nieder , als gäbe es gar nichts , was ihre Theilnahme erregen oder sie von ihren eigenen Gedanken abwendig machen könnte . Sie hatten eine lange Unterhaltung mit einander gehabt ; eine jener Unterredungen , die , von dem völligsten Vertrauen ausgegangen , sie plötzlich zu einem Punkte gelangen lassen , auf dem sie sich getrennt empfunden hatten . Im Erstaunen über diese Möglichkeit , im Erschrecken über sie , war von der einen wie von der andern Seite manches Wort gefallen , das man gesprochen , ohne es sprechen zu wollen , Worte , die man bereute und die man doch nicht zurückzunehmen vermochte , weil sie zu tief in die Seele des Andern eingedrungen waren . Renatus hatte