Welch ein Kommen und Gehen in diesem Chaos ! Auch die Geburt und der Tod , die Hebamme und der Leichenträger , sind immer und immer zugleich auf Besuch hier . Der Tod tritt gleich sicher auf . Er nimmt mit fester Hand . Die Geburten sind zaghafter , mit scheuem Gewissen , mit wenig Freude . Manches Kind , eben gekommen , erhält gleich die Nothtaufe , wozu die Wöchnerinnen , da meist die Väter fehlen , den Vizewirth hinaufrufen oder den Alten , der die Pudel scheert , oder den silbergrauen Uhrmacher Eisold vom dritten Hofe , der noch sein Zöpfchen trägt und mit philosophischer Ehrwürdigkeit in den Häusern altmodische Uhren reparirt . Ganze Tragödien spinnen sich da an und enden , ohne daß sie ihren Dichter anders finden , als höchstens bei Jahrmärkten die Bänkelsänger . In den Criminalakten stehen die einzelnen Rollen geschrieben . Da heißt ' s : Aus Brandgasse Nr. 9 ein Observat ... lernte im Zuchthause eine Diebin kennen ... sie hat Kinder aus früherer Bekanntschaft ... sie schließen , frei gelassen , auch eine wilde Ehe ... er kehrt die Gassen und reinigt des Nachts Cloaken ... sie verdingt sich zu jeder groben Hanthierung ... die erwachsene Tochter der Frau ... natürlich unehelich ... geht in eine Fabrik ... ein junger Arbeiter , ihr Liebhaber , zieht zu ihnen ... die Mutter gefällt ihm wie die Tochter ... wild geht das durcheinander ... der Trunk erhitzt den Zorn ... Eifersucht und blinde Wuth ... der Gassenkehrer schlägt den Arbeiter ... die Tochter würgt fast die Mutter ... Und dieses Gemetzel noch nicht so schlimm , wie die spätere Versöhnung ... die Beruhigung bei dieser Verwirrung ... Trinkgelage , lustiges Lachen ... die Tochter verläßt die Fabrik und treibt sich auf den Gassen umher ... der Vater zweischlächtiger Bastarde erhält seine Arbeiterstellen gekündigt ... dennoch fließen Mittel ... Woher ? ... Heute Morgen wurde das ganze Nest ausgehoben , Jung und Alt davon geführt ... der Gassenkehrer , die Mutter , die Tochter , der Liebhaber ... Die übrig gebliebenen kleinen Kinder holt die Besserungsanstalt . Frau Mullrich erzählte diese tragischen Begegnisse , die in der Brandgasse gäng und gäbe waren , so leicht , so obenhin , wie wir etwa eine sogenannte Müchler ' sche Anekdote von Friedrich dem Großen erzählen würden . ... Mullrich , der Vizewirth , hatte sein Nachtessen beendigt und kehrte auf seinen nächst dem Oberkommissär Pax wichtigsten Vorgesetzten Herrn Bartusch zurück . Hat der Alte nicht nach 86 gefragt ? Und das ordentlich und gezankt hat er , warum wir ihm nichts mehr über 86 meldeten ! sagte Frau Mullrich und klagte dann , daß die Tage schon so kurz würden . War ja zehnmal da in der Kanzlei und hab ' s sagen wollen : 86 ist einmal wieder heidi ! Wie ich das elfte mal kam , ging ich zum Justizrath selber , der eben von Hohenberg zurück war und da hieß es : Danke , Mullrich , ich weiß es schon . Er gab mir einen halben Thaler . Wenn der Bartusch das Herz hätte von dem guten Manne , dem Justizrath ! Er war heute ganz wild der Graue . Warum denn ? Gewiß weil Nr. 17 ausgeflogen war . Nicht ? Ha , ha ! Das wird ' s sein , der alte Schleicher ! Wenn nur ' mal die Justizräthin dahinter käme , die - Pst ! Stille ! Mullrich ! Weß ' Brot ich eß ' ... Laß ihn auf Nr. 17 gehen und rede von solchen Sachen nicht . Nr. 17 taugte nur nichts , sonst hätte sie ihr Glück machen können , wie die Jule Spieß ... Jule Spieß ! Die Frau Amtsdienerin ? Ah ! So , wie Nr. 17 hat sich doch die Jule nicht aufgeführt ... Ach ! Ach ! antwortete Frau Mullrich , die tiefer zu sehen , als ihr Mann , immer das Privilegium hatte . Ach , Ach , das war eine Feine ! Die wußte es subtiler anzufassen . Wie oft hab ' ich zu Nr. 17 gesagt : Guste , hab ' ich gesagt , Sie haben anständige Verwandte , Sie sind schön , wie ein Bild , Sie haben Freunde , die vornehme Gönner haben : nehmen Sie die Mamsell Jule , die Frau Rathsdienerin Spieß geworden ist , und damit stichelte ich auf den Bartusch , der doch die Jule Spieß zur Rathsdienerin gemacht hat ... durch einen Rathsdiener und Executor , der sich nichts daraus macht , daß Bartusch seiner Frau noch jetzt Jaconnetkleider schenkt . Da gab Dir aber wol Nr. 17 eine Ohrfeige , die Auguste ? Was ? Ihre zerbrochene Kaffeekanne wollte sie mir über den Kopf gießen . Das ist ein Satan ! Und doch war der Alte ganz zornig , als er hörte , Nr. 17 ist ausgeflogen und hat uns blos die zerbrochene Kaffeekanne , den Spiegel und die Bettstelle zurückgelassen . Ich bin froh , daß sie fort ist ; tröstete sich Mullrich , der hier noch von einer defekten Kaffeekanne hörte ; ich bin froh ; durch die Person wäre noch einmal Feuer ausgekommen . Mit Nr. 86 haben wir so schon unsere Noth , daß der nicht einmal die Häuser ansteckt , wenn er die Nacht auf die Dächer ... Sei still von Dem , Mullrich . Sei still ! Es ist mir immer ängstlich mit Dem ! unterbrach seine Ehehälfte und schüttelte sich , als fröstelte sie ' s. Mit diesen vorsorglichen , fast erschrockenen Worten wollte sie überhaupt dies Gespräch abbrechen , aber der Diensteifer und die Dankbarkeit für den Justizrath Schlurck war für den Viezewirth zu anregend . Er fuhr fort : Ich möchte nur wissen , was die Justizraths mit 86 eigentlich haben . So ein grober , impertinenter , rothköpfiger Schlingel ! Schreiben kann er schön ! Das ist wahr . Er hat mir manchmal was ins Buch hier geschrieben wie gestochen .