die Ferne zeigte jedem die zweite teure Gestalt in verklärten Umrissen . Daher kannten sie einander , als er ihr bei Rotterdam aus dem Boote half , aber sie kannten einander in der edelsten und köstlichsten Weise . Den ewigen Menschen hatte eines in dem andern erschauen gelernt , nicht den zufälligen . Die Begeisterung des ersten Liebesrausches hatte die süßeste und zugleich die ernsteste hohe Schule durchgemacht . In allen Tiefen des Bewußtseins hatte sich das Aufjauchzen des Gefühls als hohe Vernunft wiedergefunden . Und nun haben sie einen Glauben , den nichts erschüttern kann . Wenn der Tag seinen Schaum heranspült und das Bild des Liebsten verunreinigt ; wenn die Laune kommt und das Sonderbare , Dumpfe , so sprechen sie : Das ist nicht Oswald , das ist nicht Lisbeth , das ist der Zufall . Eines ist für das andere nur da in der schönen Figur jener akademischen Zeit ihrer Liebe . Nach allen Seiten hin erbaut sie die Ehe , die den Namen einer heiligen verdient . Denn sie haben einander einen Doppelschwur geleistet ohne Worte . Eins wollen sie sein und bleiben , aber eins im Leben und in der Welt , nicht sich versteckend vor Leben und Welt . Mit Liebe wollen sie den stumpfen Widerstand der Materie überwinden . Der ist groß . Denn ihr Schritt hat freilich in alle Verhältnisse den tiefsten Riß gemacht . Man läßt Lisbeths Liebenswürdigkeit zwar gelten , aber das Findelkind bleibt ihnen doch ein Findelkind . Die Bekannten haben gestutzt , die Freunde getrauert , die Familie ist außer sich gewesen , habsüchtige Vettern schielten froh nach der Zukunft . Zwischen diesen dürren Klippen , in solcher Wildnis ist ihnen die Aufgabe gesetzt , den Garten eines schönen , fruchttragenden Lebens auszusäen . Daher hat denn ihre Geschichte nur erst begonnen . Überallhin müssen sie sich aufstellen , jeden Schatz aus sich zutage fördern , sie müssen sich vollenden für die Welt und für die Zwecke der Welt , um das Recht des Herzens darzulegen . » Eine Liebesgeschichte und nichts weiter ! « werden manche sagen . Wenn es nichts weiter wurde , so ist daran meine geringe Fähigkeit , nicht mein Sinn schuld . Mein Sinn stand darauf , eine Geschichte der Liebe nachzuerzählen , der Liebe zu folgen bis zu dem Punkte , wo sie den Menschen für Haus und Land , für Zeit und Mitwelt reif , mündig , wirksam zu machen beginnt . Deine Seele hat manchen Gedanken von mir in sich empfangen , Du hast ihn gepflegt und mir schöner zurückgegeben . Von Dir vernahm ich zuweilen erst , was ich eigentlich gedacht hatte . Höre denn auch jetzt , was meine rauhe und ungestüme Lippe Dir zustammelt ; pflege es in einem feinen , guten Gemüte . Unsere Zeit ist groß , der Wunder voll , fruchtbar und guter Hoffnung . Aber irr und wirr taumelt sie noch oft hin und her , weiß die Stege nicht und plaudert wie im Traume . Das rührt daher , weil das Herz der Menschheit noch nicht wieder recht aufgewacht ist . Denn nicht abhanden kam der Menschheit das Herz , es ward nur müde und schlief etwas ein . Im Herzen müssen sich die Menschen erst wieder fühlen lernen , um den neuen Weg zu erkennen , den die Geschlechter der Erde wandeln sollen , denn vom Herzen ist alles Größte auf Erden ausgeschritten . Moses sah an das Elend seines Volkes und führete es hinweg ; Christus wollte sein göttliches Licht nicht für sich behalten , sondern in überströmender Liebe gab er es seinen Brüdern ; nach dem heiligen Grabe lechzete die durstige Brust der Kreuzfahrer , Luther tat mit seinem Herzen die tiefe Frage nach der ewigen Seligkeit , vor welche sich schmauchende Kirchenkerzen gestellt hatten , die von Meßgewändern und Weihrauchwolken verhüllt war . Wenn ich aber das viel gemißbrauchte und deshalb übel berufene Wort brauche , so weißt Du , daß ich damit nicht den schlaffen , von der Empfindelei getauften Muskel meine , der in einer Flut matter Tränen schwimmt . Das volle , starke Herz meine ich , vom Atem Gottes und göttlicher Notwendigkeiten durchweht und begeistet . Ich meine das Herz , welches das schöne Weib des Kopfes ist . Von ihm wird es befruchtet und gibt die Kraft seines Mannes und Herrn wieder als göttliches Kind mit tiefen welterlösenden Augen . Dieses Herz erscheint den Schwachen nicht selten kalt und roh , und doch ist es das Wärmste , was es gibt , denn es entzündet mit seinem Brande die Völker . Und das Zärteste ist es auch , denn nicht irdische Stümper rühren es , sondern die Himmlischen spielen darauf , wie auf einer Äolsharfe , und es tönet seine ewigen Akkorde unter den Fingern der Elohim . Unsere Zeit ist ein Kolumbus . Sie sieht wie der Genueser mit den Blicken des Geistes das ferne Land hinter der Wüste des Ozeans . Desselbengleichen erlebt sie die Geschicke des Kolumbus . Auch ihr laufen die Kinder nach , halten sie für wahnwitzig und zeigen an den Kopf . Auch sie steht vor manchem Rate von Salamanca und soll sich aus Kirchenvätern widerlegen lassen . Auch heuer gibt es diesen und jenen heuchlerischen Johann von Portugal , der ihr das Geheimnis abgekauft zu haben wähnt und die Karavelle aussendet von den Inseln des Grünen Vorgebirges , aber nach vierzehn Tagen den schlechten Bootsmann entmutigt wiederkehren sieht . - Sie hat die Anker gelichtet und steuert und steuert . Aber der Genueser hatte die Bussole am Bord und nach der richtete er sein Schiff und ließ sich nicht irremachen , als die Nadel unter entlegenen Graden abzuweichen begann . Die Nadel zeigte ihm den Pfad . In das Schiff der Zeit muß die Bussole getan werden , das Herz . Und keine Abweichung muß den Seefahrer irren , wenn die Reise immer weiter und weiter vordringt . Dann wird nach verzweiflungsvollem Hoffen und Harren