Schmerzenslager habe ich Dir vergeben , Dich gesegnet ; « erwiederte Dagobert : » ich kenne keinen Groll mehr gegen Dich . « - » So nimm auch ein Geschenk von mir ; « fuhr Wallrade fort . - » Was Deine Liebe mir zugedenkt ; « entgegnete Dagobert : » mein sey es , und ich will Dir ' s danken , als ein Pfand unsers Geschwisterbundes . « » Du schwörst mir , daß Du nichts verschmähst , es sey auch noch so dürftig und gering , oder noch so köstlich und begehrenswerth ? « - » Ich schwör ' Dir ' s zu , Schwester ; « antwortete Dagobert rasch , und über die Gesichter aller Anwesenden ging die Sonne der Freude auf . - » So empfange von mir Deine Freiheit ; « sprach gewichtig und betonend Wallrade : » Unser Vater verzweifle nicht kinderlos . Bleibe Du ihm , da sein lieberer Sohn ihm starb . Des Papstes Brief läßt zu , daß Mann oder Weib Deine Stelle im Chor vertrete . Ich thue das Gelübde an Deiner Statt , und löse also das Deiner Mutter , die auch die meinige war . « - Das hatte Dagobert nicht gedacht ; unüberlegt hatte er sich in der Betheuerung fangen lassen , und suchte nun auf Wallradens Stirne zu erforschen , ob Wahrheit , ob Lüge sie sprach . Wallradens Antlitz blieb sich jedoch gleich , als wie aus Stein geformt , und dankend umarmte sie Margarethe , und dankend schüttelte ihr der Vater die Hand , obgleich der Eltern Brust erbebt hatte unter der schonungslosen Berührung des Absterbens ihres kleinen Johannes . Dagobert allein sah lange stumm vor sich hin , und reichte hierauf ziemlich kühl und verstimmt ebenfalls der Schwester seine Rechte . - » Ich will wohl glauben , « sprach er , » daß das Vergangene Dein Herz gewendet , Schwester . Ein Erdstoß stürzt ja auch Felsen ein . Allein , die Art , wie Du das Gute thust , ist ganz der Schlangenlist ähnlich , die Dich früherhin beseelt . Du hast mich in einer Schlinge gefangen , und zerstörst grausam das Gebäude eines wehmüthig stillen Einsiedlerglücks , daß sich meine Einbildung in die Zukunft hinein , aus der Welt hinaus gebaut hatte . Ich müßte nicht ein Mann seyn , dem sein Wort heilig ist , ich müßte nicht die Freudenthränen meines Vaters , meiner zweiten Mutter sehen , wenn ich länger unerbittlich bleiben sollte . In Gottesnamen denn ! geh ' hin an meiner Statt , und diene dem Herrn , aber diene ihm ohne Falsch , mit redlichem Herzen . Erwarte aber keinen Dank von mir , denn ihr Alle , die ihr mich liebt , ihr raubt mir die Ruhe , die ich hoffte , und schleudert mich als Beute hin dem Strudel eines unruhvollen Lebens , auf dessen schönsten Fluren mir dennoch ewig das Schönste fehlen wird . « - Nicht wie einer , dem eine wohlthätige Hand die unverdienten Ketten abgenommen , - nein ; - wie ein Knecht , den tyrannische Gewalt erst auf die Ruderbank gezwungen , ging er zu der Versammlung zurück . - » Kehrt Euch nicht an den Sonderling , Wallrade ! « sprach zu dieser entschuldigend Margarethe : » Wir achten oft eine Wohlthat gering , die wir nachher nicht hoch genug zu schätzen vermögen . « - » Laßt das , liebe Frau ; « erwiederte Wallrade kalt : » Nicht ihm zum Guten , sondern mir zu Liebe thue ich das , was ihm mißfällt . Mein Gewerbe ist jetzo hier vollendet , darum , Vater , bitt ' ich um ein tröstend Aschiedswort , und sag ' Euch Lebewohl . « - » Wie ? « fragte Diether besorgt : » Schon willst Du scheiden ? nicht den Freunden unsers Hauses diejenige zeigen , deren Aufopferung mir den Erben erhält ? « - » Wo denkt Ihr hin , Vater ? « fragte Wallrade bitter lächend entgegen : » Mein abgezehrtes Antlitz taugt nicht in den Kreis der Fröhlichen . Ihre Blicke , ihr Flüstern , ihr Achselzucken würde mir den Tod geben . Ich gehe zu meiner Zelle zurück . « - » Aber , Wallrade , « - redete Margarethe sanft in ihr Ohr : » wollt Ihr nicht wenigstens den Knaben sehen , der Euch angehört ? Euern Johannes ? « - Da fuhr Wallrade empor , und schoß einen Blick auf Margarethen , daß diese zusammenfuhr , denn alle Flammen einer auflodernden Hölle sprühten daraus ihre Funken . Dabei schüttelte sie heftig den Kopf , und rief aus gepreßter Brust : » Nein ! nein ! nimmer ! in Ewigkeit nicht ! « - Während sie bei diesen Worten den Schleier rasch zusammenzog , daß er gänzlich verhüllend herabfiel über die drohende Gestalt , und das noch drohendere Antlitz , faßte Margarethe den staunenden Diether bei der Hand , und zog ihn hinweg aus der Thüre . » O kommt ! « flüsterte sie : » Ich fürchte mich . Gewiß hat sie sich nicht ganz gebessert , denn unmöglich kennt ein Mutterherz solche Härte und Grausamkeit , hat es die Sünde nicht versteinert , « - Eben so kopfschüttelnd , als Diether seiner Gattin folgte , also blickte die Oberin Walburg , die Freundin an , da sie zusammen zum Kloster gekehrt waren . » Erkläre mir doch das größte Räthsel , « sprach sie mit forschendem Auge . » Wallrade erkläre Dich selbst ; denn ich höre auf , Dich zu begreifen . Wo ist die Weichheit hin , die unter bitterm Leiden Deine Stirn verklärte , und jedes Deiner Worte in Honigseim tauchte ? Wohin die Liebe , die Du damals für den Sohn aussprachst , den Du mißhandelt ? Welche Wendung nahm der Auftritt heute in Deines Vaters Hause ? Die gottgeweihte Magd , - die , die sich selbst hingibt , um Andrer Willen , zum