entgehen , daß sein Schritt jetzt in dem Klappenstiefel nicht mehr so wohl gemessen war , als in dem seidenen Strumpfe und in dem Schnallenschuh , und selbst das hohe , weiße Halstuch , das den Nacken des Freiherrn vielmals umgab und sein Kinn , wie die Mode es mit sich brachte , hoch empor hob , konnte es nicht verbergen , daß er sein Haupt nicht mehr so stolz trug , nicht mehr so frei bewegte , als in alter Zeit . Der Freiherr hatte die Anzeige schweigend hingenommen . Erst nach einer Weile sagte er : Und Du beeiltest Dich , Dich zum Ueberbringer dieser angenehmen Neuigkeit zu machen ; das ist ein sonderbarer Einfall , ein sonderbar Gelüsten ! - Er schüttelte das Haupt und lächelte dazu spöttisch . Renatus regte sich nicht . So entstand eine lange Pause , und wo eine solche sich in den ersten Augenblicken eines Wiedersehens zwischen Menschen , die eng zu einander gehören , einstellt , ist es eben so ein Zeichen als der Vorbote irgend welcher Mißverhältnisse . Der wohlgeschulte Diener war still hinausgegangen , da er sah , daß man ihm für jetzt keine Befehle zu geben habe , um nicht anzuhören , was man ihn sicherlich nicht hören zu lassen wünschte ; auch Vittoria hatte , nachdem sie bei dem unerwarteten Eintritt ihres Stiefsohnes in freudiger Ueberraschung aus ihrer Ruhe aufgesprungen war , sich entfernt . Sie war es nicht gewohnt , von Renatus nicht gleich mit Zärtlichkeit begrüßt , von dem Freiherrn nicht berücksichtigt zu werden , und ernsthaften Verhandlungen , geschäftlichen Erörterungen oder gar einem Streite beizuwohnen , widerstrebte ihrer innersten Natur . Und doch bedurften der Freiherr und sein Sohn eines Vermittlers , dessen leise Hand ihnen über den Zwiespalt forthalf , der sich zwischen ihnen aufthat und der unausfüllbar werden konnte , wenn man ihm nicht in dieser ersten Stunde Schranken setzte . Es war der Caplan , der ihnen diesen Dienst zu leisten unternahm , denn er wußte , was es zu bedeuten hatte , wenn der Freiherr seinen Kopf so langsam in die Höhe hob , wenn seine Lippen sich so fest zusammenpreßten , und was Renatus fühlte , wenn er so die Augen senkte . Mit jener ruhigen Bewegung , die von jeher eine der schönen Eigenschaften des Geistlichen gewesen war , ging er , obschon auch ihm Renatus noch die Begrüßung schuldete , auf diesen zu und sprach , indem er ihn in seine Arme schloß : Du wünschtest Deinem Vater offenbar die üble Nachricht weniger empfindlich zu machen , indem Du Dich zu ihrem Boten hergabst , denn Du hattest Dir es selbst gesagt , daß es der schweren Belästigungen und der noch schwereren Sorgen für den Herrn Baron bereits mehr als zu viel gegeben habe , und Du bist vorausgekommen , um zu sehen , ob Du nicht Deinen Antheil davon tragen könntest . Das macht Deinem Herzen und Deiner Einsicht Ehre , daran erkenne ich Dich und Deinen guten Willen . Die Worte , welche den Vater wie den Sohn behutsam aber entschieden auf ihren rechten Standpunkt wiesen , beschämten beide und befreiten sie doch zugleich . Sie warfen weit mehr , als der Caplan es ahnen konnte , dem Sohne vor , daß er in jeder Beziehung nur an sich und sein Bedürfen gedacht habe , sie erinnerten den Vater daran , daß der Sohn sicherlich in freundlicher Absicht gekommen sei , und geboten dem Sohne Schonung für den Vater , dem Vater Rücksicht und Anerkennung für den Sohn . Aber man findet sich nicht gleich zurecht , wenn man einmal von der richtigen Straße abgekommen ist und die Gegenstände und die Menschen von einer falschen Seite angesehen hat . Renatus erwartete , daß der Freiherr , wie das früher in ähnlichen Fällen geschehen war , nach kurzem Ueberlegen mit der Angelegenheit fertig sein , daß er dem Amtmanne durch einen Boten noch heute seine Befehle senden oder ihn in der Frühe des nächsten Morgens kommen lassen werde , um mit wenigen Worten die Sache durchzusprechen , und daß von derselben danach nicht mehr die Rede sein werde , bis zur Ankunft der Einquartierung . Statt dessen nahm der Freiherr eine Brille zur Hand , setzte sich am Schreibtische nieder , verzeichnete die Namen und den Rang der Offiziere , die man im Schlosse unterzubringen hatte , ließ sich vom Caplan aus der Registratur , die er , seit Steinert aus seinem Dienste geschieden war , von Rothenfeld nach dem Archive in Richten und in eigene Verwahrung genommen hatte , verschiedene Acten und Papiere herbeiholen und machte sich daran , die Vertheilung auf die einzelnen Häuser eben nach jenen Papieren und Acten selbst auszurechnen und festzusetzen . Renatus sah mit Verwunderung , wie genau der Freiherr jetzt von der Lage und von den Verhältnissen der einzelnen Gutsinsassen unterrichtet war ; aber eben so setzte ihn die hartherzige Strenge in Erstaunen , die sich bei dem Freiherrn gegen alle jene Leute aussprach , welche seit Jahrhunderten Hörige seiner Familie gewesen und nun in Folge der neuen Gesetzgebung freie Bauern und freie Arbeiter geworden waren . Der Caplan hatte beständig Nachsicht für sie von dem Freiherrn zu fordern , und es kamen dabei so traurige Schilderungen ihrer Noth zur Sprache , Renatus erfuhr durch die Entgegnungen des Freiherrn so viel von den Lasten , welche dieser bereits zu tragen gehabt hatte , sein Vater äußerte sich so unumwunden über den Mangel an Lebensmitteln , der auf den Gütern herrsche , und über die Schwierigkeit , welche man haben werde , das Geld zur Beschaffung der für die Aufnahme des Stabes nothwendigen Bedürfnisse aufzutreiben , daß Renatus sich abermals die Frage aufwarf , in welcher Welt er denn lebe , und ob er , ob sein Vater noch dieselben Freiherren von Arten-Richten wären , die sonst in stolzer Sorgenfreiheit in diesem Schlosse gleichsam Hof gehalten hatten . Er mußte es als ein Zeichen des Vertrauens , der Verzeihung ansehen