Gegenpol und die Kehrseite der Tiefe und Kraft , mit welcher er das Leben zu empfinden fähig wurde in diesem Hause , und nur wer den heißen Sonnenschein , die leuchtende Trockenheit des Glückes recht voll und anhaltend zu ertragen berufen ist , wird solcher Schwäche teilhaftig , wenn die Sonne sich verhüllt . So saß er eine gute halbe Stunde , und es war ihm so elend zu Mute wie noch gar nie in seinem Leben . Denn alles ging ihm durch den Sinn , was er wollte und hoffte , und formte sich sämtlich in das Bild des einzigen Dortchens , dem zu Ehren und zu Lieb er allein alles tun und erleben mochte , was ihm irgend beschieden war . Die Sakristei war der älteste Teil der ziemlich ansehnlichen Kirche und bestand aus einer uralten Kapelle , die zuerst auf diesem Platze gestanden . Es war ein dunkles romanisches Gewölbe , dessen Fenster zum großen Teil vermauert waren , und man hatte hier viele Gegenstände hingebracht und aufgestapelt , welche im Laufe der Zeit den Raum in der eigentlichen Kirche beengt . Vorzüglich aber ragte ein großes Grabmal hervor von schwarzem Marmor , auf welchem , aus dem gleichen Stein gehauen , ein langer Ritter ausgestreckt lag , die Hände auf der Brust gefaltet . An seiner linken Seite , auf dem Kranze des Sarkophags , stand eine verschlossene Büchse von Erz , reich gearbeitet und mittelst einer ehernen Kette an dem Marmor befestigt . Sie enthielt das vertrocknete Herz des Ritters , und sein Wappen war auf ihr eingegraben . Die Büchse und die feine Kette waren gänzlich oxydiert und schillerten schön grün im Zwielicht der Sakristei . Das Grabmal aber gehörte , laut den Hausberichten , einem französischen Ritter an , welcher von wilder und heftiger , aber ehrlicher und verliebter Natur gewesen und dessen Herz , als er vor allerhand Unstern und Frauenmißhandlung flüchtig herumzog , in dieser Gegend gewaltsam gebrochen war . Dies war zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts geschehen , und seine Familie hatte hier , wo er in den letzten Tagen gepflegt worden , das Grabmal errichten lassen . Dasselbe vor Augen , saß Heinrich nun da in seinem Winkel zwischen alten Tabernakeln und Prozessionsgerätschaften , als er hörte , daß wieder Leute in die Kirche traten . Es schienen zwei Frauenzimmer zu sein , und bald unterschied er Dortchens und Apollönchens Stimme , die miteinander leise sprachen . Sie schienen diesmal nicht zu lachen , sondern angelegentlich etwas zu beraten . Doch bald war ihnen der Ernst zu lang , und sie kamen in die Sakristei hereingehuscht , indem Dortchen rief » Komm , wir wollen den verliebten Ritter besehen ! « Sie stellten sich dicht vor das Grabmal und gafften dem starren Rittersmann neugierig in das dunkle ehrliche Gesicht . » O Gott ! ich fürchte mich ! « flüsterte Apollönchen , » wir wollen hinausgehen ! « - » Warum denn , Närrchen ? « sagte Dortchen laut , » der tut niemand was zuleid ! Sieh , wie es ein guter Kerl ist ! « Sie nahm das erzene Gefäß in die Hand und wog es bedächtig ; aber plötzlich schüttelte sie es , so stark sie konnte , auf und nieder , daß das arme tote Herz darin zu hören war und die Kette dazu erklang . Sie atmete heftig , war rot wie eine Rose im Gesicht , und ihr schöner Mund lachte und zeigte die weißen Zähne . » Sieh die Klappernuß ! höre die Klappernuß ! « rief sie , » da ! klappre auch einmal ! « Sie drückte dem zitternden Apollönchen die Herzbüchse in die Hände ; aber dieses schrie ängstlich auf , ließ die Büchse fallen , und Dortchen fing sie gewandt auf und klapperte abermals damit . Heinrich , von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten , sah ganz erstaunt zu . Wart , du Teufel ! dachte er , dich will ich schön erschrecken ! Er wischte sich die Augen trocken , stieß einen hohlen Seufzer aus und sprach mit trauriger Zitterstimme , welche er gar nicht zu verstellen brauchte , und in altem Französisch » Dame , s ' il vous plaist , laissez cestuy cueur en repos ! « Erbleichend und mit einem Doppelschrei flohen die Mädchen aus der Sakristei und Kirche wie besessen , und zwar Dortchen voraus , welche mit einem elastischen Satz über Schwelle und Stufen der Kirchentür hinaussprang , schneebleich , aber immer noch lachend ihr Kleid zusammennahm und über den Kirchhof wegeilte , bis sie eine Gartenbank fand , auf welche sie sich warf . Bebend lief das erschreckte Apollönchen hinter ihr drein und flüchtete sich an ihre Seite , sich kaum fassend . Dortchen , deren Gesicht fast so weiß war wie die Zähne , atmete hoch auf , lehnte sich zurück und hielt die Hände um die Knie geschlungen . » O Gott , es hat gespukt ! das ist mein Tod ! « rief Apollönchen , und Dortchen sagte : » Jawohl , es spukt , es spukt ! « und lachte wie eine Tolle . » Du Gottlose , fürchtest du dich nicht ein bißchen ? Klopft dein Herz nicht zehnmal stärker , als du das Herz da drin gerüttelt hast ? « - » Mein Herz ? « erwiderte Dortchen , » ich sage dir , es ist guter Dinge ! « - » Was hat es denn gerufen « , sagte Apollönchen und hielt sich beide Hände an die eigene pochende Herzseite , » was hat das französische Gespenst gesagt ? « - » Fräulein ! hat es gesagt , wenn es Euch gefällt , so macht dies Herz zu Eurem Nadelkissen ! Geh wieder hin und sag , wir wollten uns bedenken , ob es uns gefiele ! « Eine Stunde später war Dortchen allein auf ihrem Zimmer , das sie abgeschlossen hatte , und war eifrig damit beschäftigt , ein Körbchen mit Naschwerk