sie im Winter verkaufte oder Kartoffeln , deren sie große Vorräthe anschaffte , und Mullrich hatte dann in der Schulstraße einen Buchbinder , der die Exemplare unter Verhältnissen kaufte , bei denen Mullrich nur der Commissionär , der Bevollmächtigte der richtigen Empfänger jener Bibeln war und per Stück immer zwei Groschen Vortheil zog , was bei einem jährlichen Umsatze von etwa funfzig Exemplaren immer eine Einnahme war . Freilich fanden sich denn doch auch manche trostsuchende , leidensmüde Seelen , wie jener arme Nagelschmiedgesell , der die Bibel behielt und nicht für die Miethe angab . Dieser Ärmste las sich Trost aus ihr , wenn er am Tage mit seinem armen Meister Nägel geschmiedet hatte und mit ihnen Abends und Sonntags früh in der Stille selbst hausiren gehen mußte und seine Kinder gingen mit hausiren und liefen auf die Dörfer barfuß und boten den Leuten Nägel an und ihre Mutter wanderte sonst oft meilenweit mit , um Nägel zu verkaufen ; aber mit den letzten Nägeln , die sie an einen Schreiner verkauft hatte , ward ihr auch schon der Sarg gezimmert ... sie war todt . Ach ! welche Fülle des Elends ! Wieviel körperlicher und sittlicher Jammer ist da zusammengedrängt , Ergebung in sein Loos neben der Verzweiflung , es gewaltsam zu ändern . Armuth und Verbrechen und zwischen beiden alle Laster der Sinne . Hundert Nummern waren in diesem Hause allein an Bewohner ausgetheilt und jedes Zimmer bot ein andres Bild des Elendes und Jammers . Da ein Kranker , dort ein Sterbender , hier nebenan das kreischende Lachen einer unsittlichen Dirne oder der tobsüchtige Ausbruch eines Trunkenbolds , der seinem Weibe das Wenige , was sie besaßen , in Scherben an den Kopf wirft . Arme Käsemaden , menschliche Infusorien , die sich noch im Tod einander selbst verfolgen , mit Gier verschlucken , einer von des andern Armuth zehren , mit ihr wuchern wollen . Wer das Geheimniß des Lebens studiren will , gehe hieher und beantworte die Frage : Warum sind wir ? Was sind wir ? Was werden wir ? In dem schmuzigen Buche , das die Bewohner nach ihren Nummern anführt , sind an vielen Namen Kreuze gemalt . Das sind Observaten . Sie kamen aus dem Zuchthause und stehen nun unter polizeilicher Aufsicht . Sie haben einen leidlichen Erwerbszweig ergriffen und vermeiden vielleicht ihre alten Genossen , bis sie von ihnen doch wieder heimgesucht werden . Mancher von diesen sie dann Versuchenden und wieder Verführenden ist nur ein verkappter Verführer . Die Polizei gewann ihn zum Spion . Wohl Dem , der seine Zunge wahrt und nicht von Wiederaufnahme alter Anschläge spricht oder sie ausführt ! In diesem Hause selbst wohnen Spione genug . Mullrich ist der erste unter ihnen . Im dritten Hofe wohnt ein Schreiber Namens Schmelzing - ein früherer Arbeiter bei Schlurck - auch er rapportirt an den Oberkommissär Pax . Hütet Euch , ihr Nachbarn ! Seht Ihr nicht , wie rasch manchmal einer aus Eurer Mitte verschwindet ? Da hüpfte noch vor kurzem ein keckes Bürschchen die Stufen der engen Treppen hinauf , scherzte mit den Nähterinnen und Fabrikmädchen , die bis unter das Dach wohnen , und heute führen ihn die Häscher davon . Ein Bündel Wäsche unter ' m Arm geht er wol auf zehn Jahre in ' s Zuchthaus . Wer ahnte , daß er eingebrochen hatte und zu einer Diebsbande gehört ? Wer nicht thätig ist erregt Verdacht . Nur thätig , und sammelte man Glasscherben , wie die alte Frau auf Nr. 43 , oder ernährte man sich vom Scheeren der Pudelhunde , was ein alter Mann im zweiten Hinterhofe parterre auf Nr. 67 ausführt , der mit der Brille auf der Nase im Hofe sitzt und die Pudel scheert , deren Wolle er sammt den Flöhen an Tapezirer verkauft . Harfenspieler , Tambourinschläger üben sich Morgens Gesänge ein , die sie Abends in den Schenken ableiern und die Leierkastenbesitzer .... nein -Leiher sparen , um sich den musikalischen Brotbringer allmälig zu kaufen oder von dem Mechanikus , der ihn verleiht , die Stifte zu einem neuen zeitgemäßen Liede sich umsetzen zu lassen . Da taumelt ein Bierhaussänger daher , der in seinen jungen Jahren auf den Bühnen Buffopartieen sang und jetzt so herabgekommen ist , daß er in den Gambrinushallen zur Guitarre mit allerhand Lazzis und in Scenen gesetzten Faxen singt . Ein Violinspieler begleitet ihn , der in seiner Jugend ein Paganini zu werden versprach und durch den Trunk so herab ist , daß er mit jenem Sänger abwechselt und auf der Violine mit Strohfäden , angezündeten Fidibus statt des Bogens spielt . Halb und halb sind beide Improvisatoren geworden und wissen durch geschickt angebrachte Zweideutigkeiten in einer von Tabacksqualm rauchenden Bierhalle ihr Publikum zum wiehernden Lachen zu bringen , während ihre » Zuhälterinnen « in einer Cigarrenaschen-Schale das Honorar ansammeln und ihre Kinder von Tisch zu Tisch Strohblumengeflechte anbieten , die von einer alten Frau auf Nr. 55 gemacht werden . Diese alte Frau wohnt bei Madame Schlimpanzer zur Miethe , von der man nicht weiß , durch welche Talente sie wiederum ihrerseits einen gichtischen rückenkranken Mann ernährt . Madame Schlimpanzer und Fräulein Klapperfuß sind sich an Jahren gleich und hassen sich und lieben sich , jenachdem sie sich Nachts auf den letzten Bällen gegenseitig nicht geschadet und in ihren Wirkungskreisen beeinträchtigt haben . Ach , die Polizei weiß hier Alles ! Lacht , was Ihr wollt , Sonntags früh , ihr zwanzig Gesellen bei Mutter Klapperfuß , wenn sie » ihrer Betten wegen « darauf dringt , daß Ihr Euch von Kopf bis zum Fuß gründlich wascht ; man weiß doch , daß Eure Vorgänger vor einigen Monaten heimlich des Nachts Kugeln gossen und Patronen wickelten ! Sie wurden alle eines Sonntags früh aufgehoben und mit allen ihren Kugelformen und zinnernen alten Löffeln und bleiernen Fensterverlöthungen über die Brandgasse hin in ' s Profoßenamt geführt , von wo aus sie dann in ' s Zuchthaus wanderten !