Natur thut , wenn sie zum Beispiel den Leib von der Seele durch einen Gehirn- oder Herzschlag trennt , während der Betreffende schläft , oder das Band zwischen beiden durch eine längere Krankheit bereits hinreichend gelockert ist , so daß die Trennung kaum noch etwas Schmerzliches hat , vielleicht sogar herbeigesehnt wird . Es wäre der armen Paula vielleicht doch schwer geworden , sich von Euch zu trennen , hätte sie von Euch direct in den Eisenbahnwagen gemußt ; so waret Ihr einmal nicht da , und ob nun zwanzig Meilen oder zweihundert dazwischen liegen , das kommt schließlich auf eins heraus . « Wenn sie den Leib von der Seele trennt ! Es war eines der physiologischen Exempel , mit welchen der Doctor seine Reden zu illustriren liebte ; aber es traf mich seltsam . Den Leib von der Seele ! Und ich blickte dem Doctor starr in die Augen , der sich mit einem energischen Ansatz schnell zwei Octaven tiefer stimmte , um im gleichgültigeren Tone fortzufahren . » Und dann wird nicht blos unseren lieben Reisenden , sondern auch den Jungen , die zurückbleiben , eine zeitweilige Trennung gut thun . Benno und Kurt mußten endlich einmal von den Bändern der schwesterlichen Schürze losgelöst werden . Junge Leute müssen lernen , für sich selbst zu denken und zu sorgen und auf ihren Füßen zu stehen . Ich habe es an mir erfahren . Hätte mich mein Vater nach Heidelberg oder Bonn geschickt , anstatt mich hier in dem Schatten seiner Kirche , in dem alten , wurmstichigen Superintendentenhause vier Jahre zu claustiren , ich hätte meine Flügel besser gelüftet und wäre nicht der schnurrige Kauz geworden , der ich jetzt bin , notabene , wenn ein Mann , der einem seit zweihundert Jahren schlafen gegangenen Vorfahren zu Liebe mit dem hübschen Vornamen Willibrod - Willebrord , wie es eigentlich heißen sollte - getauft wird , überhaupt eine Chance hat , etwas anderes zu werden als ein schnurriger Kauz . « Ich hatte den Brief , in welchem Paula dem Doctor geschrieben , wie glücklich sie sich in dem fernen Lande fühle , nie zu sehen bekommen . Er hatte ihn das nächste Mal vergessen , und mittlerweile war ich es gewohnt geworden , daß der Doctor die Briefe , die Paula aus Venedig , aus Rom , aus Neapel an ihn schrieb , mir regelmäßig zeigen wollte und ebenso regelmäßig zu Hause liegen ließ . Ich weiß nicht , welche sonderbare Verlegenheit mich jedesmal befiel , so oft der Doctor jenes resultatlose Suchen nach Paula ' s Briefen begann und warum ich ihn dann jedesmal so schnell als möglich auf ein anderes Thema zu bringen suchte . Nicht , als ob ich an dem Glück , das Paula empfinden sollte , gezweifelt hätte ! lauteten doch die kurzen , seltenen Briefe , die ich selbst oder Hermine von ihr empfing , nicht anders ; aber über die Quelle , aus welcher jenes Glück floß , war ich nicht eben so sicher , und die Briefe , mochten sie nun an mich oder Hermine gerichtet sein , hatten immer dieselbe Physiognomie , in der ich nur hin und wieder eine Spur von Paula ' s theuren Zügen erkannte , und sie wurden , je länger die Trennung dauerte , immer kürzer und seltener , fast so kurz und selten , wie die Besuche des Doctors . » Das ist nun nicht anders , « sagte der Doctor , als ich ihm einmal über den letzten Punkt freundschaftliche Vorwürfe machte ; » so ein junges Paar ist wie eine junge Pflanze , die am besten gedeiht , wenn man sie unter eine Glasglocke setzt und so wenig wie möglich daran rührt . Die Menschen nennen die Liebe eine Göttin ; ich für mein Theil sehe in ihr einen Gott , den strengen , unnahbaren Gott der alten Juden , der keine anderen Götter haben will neben sich , und der die Collegen , die er in seinem gelobten Lande vorfindet , mitleidslos über die Klinge springen läßt , mögen sie nun liebenswürdige Astarten sein oder häßliche Fitzliputzli . Und er thut vermuthlich ganz recht daran . Das menschliche Herz ist ein trotzig-verzagtes Ding und braucht verzweifelt lange Zeit , bis es die zehn Gebote auch nur buchstabiren lernt . « Der Doctor sagte das und Aehnliches derart immer in einem freundlichen Ton , in demselben Ton , in welchem ich ihn noch stets mit seinen Kranken hatte sprechen hören , und war überhaupt voller Güte und Aufmerksamkeit , und das noch mehr gegen Hermine , als gegen mich . Zwischen Hermine und ihm bestand ein eigenthümliches Verhältniß . Hermine hatte in ihrer lebhaften Art Anfangs aus der Abneigung , mit der sie meinen alten Freund betrachtete , kein Hehl gemacht und oft genug seine wunderlichen Manieren verspottet , sogar in seiner Gegenwart . Aber der Mann , der sonst gegen einen Angreifer , er mochte kommen , von woher er wollte , und sein , wer er wollte , stets die schärfsten Pfeile in seinem Köcher trug , und der nicht leicht einem Gegner Pardon gab , - er hatte gegen sie auch bei keiner Gelegenheit von seinen gefährlichen Waffen Gebrauch gemacht ; und diese sich stets gleichbleibende Milde , die dem schneidigen Sonderling gewiß nicht immer leicht wurde , hatte zuletzt Herminen , wie sehr sie sich auch innerlich dagegen sträubte , gerührt und gefangen genommen . Vielleicht , daß zu dieser glücklichen Wendung der Umstand beitrug , daß sie den Doctor in der letzten Zeit nicht blos als meinen Freund , sondern auch als ihren Arzt zu empfangen hatte . » Er ist doch gar gut , « sagte sie ein oder das andere Mal , mit nachdenklicher Miene auf die Thür schauend , durch welche die wunderliche Gestalt meines Freundes eben verschwunden war . » Ihrer Frau geht es nicht schlechter , als es andern jungen Frauen unter diesen Umständen zu gehen pflegt ! « sagte