und für das Theater ist heute wieder die Rede , und dazu haben die Truppen-Durchmärsche bei uns nicht aufgehört ; dazu meint man , so oft man zu unerwarteter Stunde ein Geräusch vernimmt , daß wieder irgend ein neuer Quartiermeister oder Fourier im Schlosse anlangt , um uns neue , unerbetene Gäste anzumelden . Er hatte aber diese Worte noch nicht vollendet , als man den Hufschlag eines Pferdes auf der großen Rampe hörte . Da sehen Sie , mein Freund , wir leben gerade wie im Schauspiele ! meinte der Freiherr . Man braucht von den Dingen nur zu sprechen , um sie eintreffen zu machen . - Er ging nach dem Fenster ; auch der Caplan erhob sich , um hinunter zu sehen . Man konnte jedoch in der Dunkelheit nicht erkennen , wer der angekommene Reiter sei , und der Freiherr war eben auf dem Wege , die Klingel zu ziehen , um sich danach zu erkundigen , aber er stand dann wieder davon ab . Es hatte sonst nicht in seiner Art gelegen , den Ereignissen entgegen zu gehen , und er machte sich innerlich einen Vorwurf daraus , daß er die Ruhe verloren habe , sie an sich herankommen zu lassen . Er wendete sich mit einer anscheinenden Gelassenheit wieder in das Zimmer zurück , legte die Hände wieder über dem Rücken in einander , um bei dem Herumgehen die Brust zu dehnen , und wollte eben den Caplan ersuchen , mit dem Lesen fortzufahren , als man eilige Schritte auf der Treppe und im Vorsaale hörte und der Diener in der Thüre erschien . Was gibt es ? fragte der Freiherr , froh , des Zwanges ledig zu sein , den er sich angethan hatte . Ein Offizier , gnädiger Herr , ein Offizier ist angekommen , von den Unserigen einer ! antwortete der Diener , und ehe der Freiherr noch sein Mißfallen über diese unruhige Meldung äußern konnte , war Renatus schon in das Zimmer eingetreten und hatte sich erschüttert an des Vaters Brust geworfen . Auch der Freiherr war sichtlich ergriffen . Mein Sohn , mein lieber Sohn ! rief er aus , als Renatus sich niederbeugte , des Vaters Hand zu küssen , und er die Thränen in des jungen Mannes Augen gewahrte . Was bewegt Dich so , Renatus ? Fasse Dich , mein Sohn ! Aber die Stimme seines Vaters , weit davon entfernt , ihn zu besänftigen , rührte den Sohn noch mehr , denn sie klang ihm fremd . Es war nicht mehr der alte , volle Ton , und unfähig , sich zu beherrschen , rief er : Wo ist unsere Allee geblieben , Vater ? Des Freiherrn Brauen zuckten zusammen , er ließ die Hand des Sohnes fahren , denn er meinte einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen , und nach des Freiherrn Begriffen von dem Familienrechte und von dem Erbrechte hatte der Sohn dem Vater eine solche Frage auch zu stellen ; aber daß er sie in der Stunde der Ankunft , daß er sie in dem Augenblicke that , in welchem er den Vater nach längerer Abwesenheit zum ersten Male umarmte , daß er sie im Beisein des Caplans , im Beisein Vittoria ' s und gar in Anwesenheit des Dieners that , das kränkte des Vaters Herz , das beleidigte das Ehrgefühl des Edelmannes und des Hausherrn . Die Franzosen hatten auf ihrem Durchmarsche Lücken in die Allee geschlagen . Der Anblick war mir unerträglich , machte mir die Allee zuwider , und ich fand es für angemessen , zu nutzen , was ein nächster Durchmarsch ganz zerstören konnte ! entgegnete der Freiherr , schnell und abgebrochen sprechend . Aber weßhalb zeigtest Du Deine Ankunft nicht im Voraus an ? Du weißt , daß ich die Ueberraschungen nicht liebe . Was führt Dich hieher ? Ich komme als Vorbote meines Regimentes ! sagte Renatus , durch die Worte seines Vaters und mehr noch durch ihren strengen Ton nun eben so beleidigt und verletzt , als der Freiherr sich erwies . Also Einquartierung - schon wieder Einquartierung ? Der Stab unseres Regimentes kommt übermorgen in Richten an und wird drei Tage im Schlosse bleiben ; das Regiment , zwölfhundert Mann stark , ist auf unsere Dörfer vertheilt , der Train bleibt in Marienfelde , berichtete Renatus , als mache er die Meldung vor einem fremden Manne ; aber es kam ihm hart an , denn er sah , wie unwillkommen sie dem Freiherrn war , wie schwer sie ihn bedrückte , und er fand ihn ohnehin nicht , wie er ihn verlassen , nicht , wie des Vaters Bild ihm in der Erinnerung vorgestanden hatte . Die beiden letzten Jahre hatten dem Caplan weit weniger angehabt , als seinem freiherrlichen Freunde . Da der Caplan niemals stark gewesen war , fiel es an ihm nicht wesentlich auf , daß er magerer geworden . Sein Haar hatte die Farbe nicht merklich geändert , nur dünner war es geworden , so daß die Tonsur sich nicht mehr kenntlich machte . Aber er hielt sich noch aufrecht wie in seinen besten Tagen , sein Gesicht hatte seinen alten , friedlichen und milden Ausdruck bewahrt , sein Auge war noch hell , und seine Soutane , jenes priesterliche Gewand , auf das die Mode keinen Einfluß übte , umgab noch mit der alten Sauberkeit , mit der es einst den Leib des Jünglings bekleidet hatte , auch die Gestalt des Greises . Der Freiherr hingegen hatte sich sehr verändert . Weil er auf der Höhe des Mannesalters an Fülle sehr zugenommen , ließ die danach eingetretene Verminderung derselben seine Haut welk und schlaff erscheinen . Die einst so schönen , hochgeschwungenen Augenbrauen waren buschiger geworden und hingen tief herunter , alle Züge des Gesichtes hatten sich scharf ausgeprägt , man sah , daß starke Leidenschaften sie gezeichnet hatten . Wer den Freiherrn einst in der Stattlichkeit der altfranzösischen Tracht gekannt hatte , dem konnte es nicht