Sie , die oft Wien mit Sodom und Gomorrha verglich und den Zorn des Herrn noch einst in Gestalt von Schwefel und Pech auf die sündige Stadt herniederregnen sah , nahm Angiolina ' s Besuche an und ließ sich durch nichts in der Welt das Bild verwischen von dem Findling , den ihr Sohn hatte » einem Leben der Sünde entreißen lassen « . Graf Hugo brauchte ihr dabei nicht einmal zu schmeicheln , brauchte nicht einmal ihr die Hand zu küssen und sie mit chère maman ' s zu überhäufen . Alles , was ihn betraf , fand sie in der Ordnung . Selbst wenn Graf Hugo erklärt hätte , er wollte Angiolina heirathen , würde sie sich überredet haben , ihr Sohn nütze vielleicht mit diesem Opfer nur sich selbst , jedenfalls jenem schönen Mädchen , das er auf diese Art vor sittlichem Schaden bewahre . Besonders seltsam war ihre Anhänglichkeit an Wenzel von Terschka . Dieser Abenteurer , denn anders konnte man ihn nicht nennen , tauchte vor einer Reihe von Jahren plötzlich in ihres Sohnes Nähe auf . Durch Bildung und Erziehung fast Italiener , nahm sie ihn doch als das , wofür er sich ausgab , einen Böhmen und Nachkommen der alten Hussiten . War er auch katholisch , so verklärte ihn in ihren Augen die Erinnerung an Hussens Märtyrertod . Wenzel von Terschka war unleugbar böhmisch-deutschen Ursprungs ; die Art , wie er früh nach Italien gekommen , blieb dunkel . Anfangs erschrak die Gräfin vor ihm , als sie ihm zum ersten male begegnete als dem intimsten Freund ihres Sohnes , dem er sich durch die trotz der väterlichen Katastrophe auch bei ihm leidenschaftliche Liebhaberei für Pferde genähert hatte . Wenzel von Terschka war ein Meister in allen ritterlichen Künsten . Eine Geistesgewandtheit besaß er , der nur ein innerer Mittelpunkt fehlte . Wenn die Gräfin plötzlich einen solchen gefunden zu haben glaubte , entsetzte sie sich wol , weil es ein ganz specifisch ihr feindseliger war , geradezu ein priesterlicher ; aber , so seltsam dies Gefühl mit der Lebensweise Terschka ' s , die an allen Excessen des Grafen , seines intimsten Freundes , theilnahm , in Widerspruch lag , sie gewöhnte sich an ein stetes Ueberschauertwerden durch ein gewisses Etwas , als müßte sie auf dem rabenschwarzen kurzen Haar des wachsgelben , äußerlich anziehenden und in seinem Wesen klugen , sogar geistvollen jungen Mannes die Tonsur suchen . In Piemont , das damals ganz unter der Herrschaft der Jesuiten stand , hatte sie solche Erscheinungen gesehen , mit ihnen sogar im Kampfe gelegen ... Sie hatte alles aufgeboten , auf ihrem Gebiete das Bekenntniß der Nachkommen Peter Waldus ' , der vor Luther die Kirche zu reformiren suchte , aufrecht zu erhalten ; sie hatte einen seltsamen Einsiedler , einen Deutschen , Bruder Federigo , in einer Hütte , die sich dieser in einem ihr angehörenden Eichenwalde gebaut , wo er dem ringsum wohnenden Volk ein Arzt und weiser Rathgeber geworden , geschützt , als die Pfarrer von Cuneo und Robillante ihn vertreiben wollten ; sie hatte die Könige von Preußen , von England , Niederland und von Schweden aufgefordert , ihr Beistand zu leisten für den Kampf , den sie ringsum mit Bischöfen und Erzbischöfen begann , ja mit der Regierung in Turin selbst , um gewisse , den Waldensern gegebene Gewährleistungen aufrecht zu erhalten . Damals wurde Wenzel von Terschka von ihrem Sohn zuerst genannt und einen Winter in Wien verlebend , sah sie ihn dann selbst und hätte erst ausrufen mögen bei seinem Anblick : Das ist ja ein Jesuit ! Jagte er aber dann mit ihrem Sohne die lieblichen Höhen von Baden-Baden herauf , während ihr Wagen an der » Spinnerin zum Kreuz « stand , wo sie den geliebten Sohn aus Bruck , seiner Garnison , her erwartete , und sah sie Terschka ' s Sorge für die Rosse , seinen Muth , seine Entschlossenheit , hörte sie seine heitern Reden , beobachtete sie die wilden Unregelmäßigkeiten , die sich die Freunde in einem achttägigen Aufenthalte bei der chère maman erlaubten , so schwand ihr alle Angst und Sorge und sie überredete sich schon bei dem zweiten Besuche , daß Hugo doch schon wieder einen außerordentlichen Takt bewiesen hätte auch in der Wahl dieses seines Gefährten und daß , wenn Sirach sagt : » Ein treuer Freund ist ein Trost des Lebens ; wer Gott fürchtet , bekommt einen solchen treuen Freund ! « hier vielleicht auch das Umgekehrte eintreffen könnte : Wer einen solchen treuen Freund bekommt , der wird auch lernen Gott fürchten ! Wie die Dinge standen , mußte die ganze Sehnsucht der Gräfin auf die endliche Entscheidung des Processes gerichtet sein , der nicht von dem Kronsyndikus von Wittekind , nicht von Levinus von Hülleshoven im Namen Paula ' s gegen die Salem ' sche Linie angestrengt wurde , sondern von den an der Aenderung der Dorste ' schen Verhältnisse erst secundär Beteiligten , vorzugsweise der Geistlichkeit und der Landschaft . Zwei Jahre lang war ihr der Name Nück ' s ein Bote der höllischen Geister . Sie nannte ihn nicht anders als mit einem Namen aus der Offenbarung Johannis , in die sie sich tief vergrübelt hatte , den Doctor Abadonna , den » Engel aus dem Abgrund « . Als endlich die Hoffnungen immer lichter wurden , immer mehr das Gewölk , das das Antreten eines so großen Besitzes verbarg , verschwand , konnte sie der mächtig wallenden Erregung ihrer Mutterfreude nicht länger widerstehen . Längst schon hatte sie mit der Lady Elliot in England eine Berathung pflegen wollen über die Möglichkeit , in Italien die Reformation zu befördern und Rom durch die Bibel zu stürzen . Mit dem ihre ganze Seele erfüllenden Verlangen , die Kräfte , die England für eine solche Unternehmung in Bereitschaft halten konnte , selbst einmal durch den Augenschein zu prüfen , verband sie nun auch die Reise nach dem Orte , von wo