gab der Doktor die Hoffnung auf . Es thut mir leid , von einem Todten es zu sagen , aber der Mensch hat sich selbst umgebracht . Ein Selbstmord aus Pflichtgefühl . Diese Excesse des Gefühls , Sie mögen mich darum tadeln , aber ich kann sie nicht gut heißen . Etwas Egoismus ist jeder Creatur nothwendig , oder sie hört auf zu existiren . Selbsterhaltungstrieb und einige vernünftige Überlegung wären Sie auch Ihren Leibeigenen einzuimpfen ihnen und sich selbst schuldig . « Die Fürstin warf ihm einen dankbaren Blick zu . Es giebt Momente , wo ein Kluger von einer groben , handgreiflichen Lüge angenehmer berührt ist , als von einer feinen , die wie ein lauer Abendwind sich als Wahrheit in sein Herz zu schmeicheln sucht . Ihr zweiter Blick war auf die Andern gerichtet ; aber sie waren schon verschwunden . Es war ihr lieb : » Adelheid darf nichts davon erfahren , « sprach sie , zum Haushofmeister sich umwendend . » Sie sind nun ganz d ' accord , wie Sie es wünschen ? « warf der Legationsrath hin . - » Heut im Thiergarten scheint die letzte Scheidewand gefallen . « - » Welche ? « - » Die Affektion für ihren Lehrer . Sie haben Recht , Wandel , es giebt auch Excesse einer geistigen Leibeigenschaft . « - » Ich hielt diese fürüberwunden seit jenem Abend . « - » Das Bekenntniß der Liebe stöhnte noch immer unter den Fußklammern des Gewissens . Was der Mensch sich selbst quälen kann ! Sie hat ihm bekannt , wen sie um seinetwillen geopfert , das hat einige Thränen , Schluchzen , platonische Herzschläge verursacht , denn die Rivalen waren Freunde , aber sie sind auf gutem Wege . « Des Haushofmeisters Verbeugung war eine Frage , welche die Fürstin verstand . » Wollen Sie mit mir - den guten Paulowitsch sehen ? « fragte die Fürstin den Legationsrath . Wandel schien ungewiß , welche Antwort sie erwartete : » Man hat es der Geheimräthin Lupinus verdacht , daß sie die Leiche ihres Dieners wie die eines Familiengliedes pflegte und schmückte . Es ist hierorts nicht Sitte . « - » Man muß sich in die des Ortes fügen , « sagte befriedigt und laut die Fürstin , und richtete den Blick nach oben . » Ich werde den treuen Paulowitsch noch oft sehen . Den irdischen Qualen enthoben , schwebt sein verklärter Geist in die Räume des Lichtes . Ob es da Hohe und Niedere , ob Herren und Leibeigene giebt , ob wir Alle wie Atome in der Seligkeit verschmelzen , die nichts Gesondertes duldet , alle Accorde in dem großen Hallelujah , Glockentöne in der ewigen Harmonie ! « Sie sprach es , sich selbst anregend , mit silberreiner Stimme . Aus dem andern Zimmer respondirte das Klavier , in Phantasien , die der Stimmung entsprachen ; ein ernster Grundton , wie das Wogen des Meeres , aber wie Schaumwellen sprühte die Freude dann und wann auf . Es war Adelheid . Wandel hatte , um der Stimmung auch zu entsprechen , die Hände vor sich gefaltet . Als die Fürstin es bemerkte , trat sie an ihn und riß seinen Arm zurück : » Das sollen Sie nicht . Sie können gehen . « Er schien einen andern Befehl erwartet zu haben , aber mit einer spitzen Stimme wiederholte sie : » Gute Nacht , Herr von Wandel , ich will im Thomas a Kempis lesen . Die Lektüre interessirt Sie nicht . « Als der Legationsrath langsam die Hintertreppe hinunter über den Hof ging , sah er auf dem Balkon , der nach dem Garten führte , Louis Bovillard auf einer Bank ruhend . Unter Myrthen- und Orangestöcken schien er , den Kopf im Arme , auf die Töne im Zimmer zu lauschen . Oder auch nicht . Als der helle Mondenstrahl , hinter einer Wolke vorkommend , auf sein Gesicht fiel , wäre der Beobachter vor dem finstern Ausdruck erschrocken , wenn es in Wandels Art gelegen hätte , zu erschrecken . In den einsamen Gängen des Thiergartens erst hatte Louis erfahren , wem er sein Schönstes geraubt . Es war eine Gewitterwolke am klaren Horizonte ; aber der dunkle Schatten , der auf seine Stirn fiel , zeigte die Gegend ringsum nur um so lachender . Welche Bekenntnisse entlockte er der Geliebten ! Darum ihre Kälte , Scheu ; und nun hatte ein Wort sie frei gegeben , Alles gelöst , sie wollte ihm Alles geben , was sie so lange ihm vorenthalten . Und was hatte er denn dem Freunde geraubt ? Sein Schönstes , ja , aber nicht sein Alles . Hatte nicht Adelheid gestern einen Brief empfangen von Walter , einen freundlich heitern , eine Urkunde war es , worin er das ihm anvertraute köstliche Gut , wie er es nannte , der Eigenthümerin zur freien Disposition zurückstellte . Mit welchem Scharfsinn hatte er auseinandergesetzt , daß er nie ein Recht darauf gehabt , daß es höchste Undankbarkeit sei , was die Dankbarkeit im überströmenden Gefühl des Augenblicks auf den Altar legt , als verfallen anzunehmen , als unwiderrufliches Eigenthum . Hatte er nicht klar auseinandergesetzt , daß er nicht die Eigenschaften besitze , um Adelheid so glücklich zu machen , wie sie verdiene , dahin , in die glänzenden Höhen sie zu führen , wozu ihre Schönheit , Natur , die sichtliche Fügung des Himmels sie bestimmt . Er sei ein stiller , sinnender Mann , sie berufen zu glänzen . Sein Verdienst wäre vielleicht , daß dieser Glanz ein echter werden müsse , daß er sie gehütet vor dem Flitter und Schimmer , daß er die Hochgefühle einer deutschen Jungfrau in ihr geweckt ; darauf sei er stolz ; aber hatte er sich nicht zugleich angeklagt , daß er diese Überzeugung , gewaltsam unterdrückt , daß er so lange sich getäuscht , daß er , schon mit dem Bewusstsein , wie ihre Liebe