Wo wollen Sie hier hin ? rief ich . Nummer 17 ! piepte es und rasch in den Hof , wie eine Katze , so genau fand er sich zurecht . Und das dreimal ! Nachher ging ' s ja mit Mann und Maus auf das Schloß von dem alten Fürsten und richtig ! Mein Männchen kommt auch nicht wieder und den Hausschlüssel hat er bei sich behalten . Die Mamsell zahlt keine Miethe , zahlt keinen Hausschlüssel , der Freund ist fort und eines Abends sie auch , bis auf ihr Mobiliar , ihren Spiegel und ihre Bettstelle . An die halten wir uns . Männchen mag nun sehen , wo er die Miethe kriegt . Wer weiß , wo die Lange steckt ! Es hat schon oft einmal geheißen : Hamburg , und hernach war ' s blos die Hamburger Straße . Diese harten Verleumdungen über Bartusch , den eigentlichen Regenten dieser Häuser , wurden von Passanten unterbrochen , die an dem Schaufenster des Kellergeschosses von der dunklen Hausflur aus sich niederbeugten und in die noch » schummrige « Stube des Vizewirths hinuntersprachen . Es waren dies zuvörderst Drehorgelspieler , die wegen eines Hausschlüssels parlementirten . Sie hatten heute einige Tanzorte mit ihren melodischen Klängen zu bedienen , wo sie lange auszubleiben gedachten ... Er wurde ihnen leihweise für einen Dreier und nur für diese Nacht bewilligt mit vielen Mahnungen , ihn zu schonen , nicht zu verlieren , Mahnungen , die sich mit einem höflichen Übergange in zweckentsprechende Drohungen verliefen . Es war nach sieben . Die Handwerker und Arbeitsleute , die im Hause wohnten , kamen nun von der Arbeit . Kinder , Frauen , Mädchen , Männer , rüstig und hinfällig , bunt durcheinander ... Frau Mullrich ließ sie Alle mit scharfprüfenden Augen die Revue passiren . Bei Jedem , der ihr fremd schien , öffnete sie das kleine Schaufenster und sah mit ihrer langen Spitznase hinterher ... Hat die Klapperfuß wieder einen Neuen ? fragte sie , aufmerksam auf einige ihr unbekannte Passanten . Gemeldet ist keiner , sagte Mullrich und wies auf ein schmuziges Buch , in dem die ganze Bewohnerschaft verzeichnet stand . Es gehen heute so viel fremde Gesichter aus und ein ... Bei Nr. 40 ist viel Verkehr ... Nein , Mannspersonen mein ' ich ! Mannspersonen ! Da geht ja die Klapperfuß ! Sieh den Staat ! Guten Abend , Madame Klapperfuß ! Und die Mamsell Tochter ! Mullrich , ich glaube , da ist ' s schon wieder ... Nicht richtig ! Das wäre das Fünfte ? Diese Menschen ! Den frommen Herrn , der sie neulich über ihr Sündenleben ermahnen wollte , haben sie fast zur Treppe hinunter geworfen ... War lange keiner vom Verein da ? Die Bibeln sind ja bald all ... Nur noch zwei auf ' m Lager ... Der Buchbinder in der Schulstraße hat erst neulich gefragt : Herr Mullrich , keine neuen englischen Bibeln ? Der Nagelschmiedgesell , dem wir eine anboten , ist recht fromm und will sie behalten ... meinte Frau Mullrich , geschmeichelt von der Artigkeit des geschäftsfreundlichen Buchbinders . Aber Nr. 25 ließ uns doch eine an Zahlungsstatt ... Wir müssen einmal bei dem Verein anklopfen ; es ist doch immer ein gutes Geschäft . Sei vorsichtig , Mullrich ! Die durchtriebene Person , die Louise Eisold , hat uns erst neulich gedroht , sie wollte den ganzen Commersch mit den Bibeln anzeigen . Mullrich schwieg erschrocken . Zum Verständniß dieser aphoristischen Abendunterhaltungen des Herrn und der Frau Vizewirthin wollen wir aus der reichen Chronik dieses Hauses nur einige kleine Personal- und Sittennotizen geben . Die mehrerwähnte Madame Klapperfuß z.B. beherbergte im ersten Hinterhofe auf vier Zimmern eine Anzahl von Gesellen , die sie kasernenartig in » Schlafstelle « hatte . Die Zahl schwankte meist zwischen achtzehn bis zwanzig . Sie schliefen je zwei und zwei in einem Bett und hatten für Waschwasser , Handtuch , Bett- und Leibwäsche und Frühstück eine Summe in Bausch und Bogen zu zahlen , die jeden Sonnabend berichtigt werden mußte . Madame Klapperfuß verdankte der Präcision , mit der sie dies Schlafstellengeschäft betrieb , die Mittel , sich auf Volksbällen und Pikeniks der Vorstadt durch Garderobe und Appetit auszuzeichnen . Ihre Begleiterin vorhin war ihre Tochter Demoiselle Klapperfuß , die von verschiedenen , gerade nicht sehr stabilen , sondern ab- und zugehenden Vätern eine Anzahl Kinder aufzuweisen hatte , die jedoch von der Großmutter mit ebenso vieler Zärtlichkeit behandelt wurden , als wären sie der legitimsten Ehe entsprossen . Die Vereine zur Bekämpfung der Unsittlichkeit des Volkes hatten hier in der Brandgasse Nr. 9 ein weites Feld . Allein die Treppen waren sehr steil , die Thüren sehr eng . Den Missionären dieser braven Institute geschah zuweilen das Widerwärtige , daß die verstockten frechen Sünder sie alle Unannehmlichkeiten der Lokalität empfinden ließen . Demoiselle Klapperfuß hatte z.B. einen Abgesandten der Kirche , der der am nächsten Sonntag stattfindenden Taufe ihres vierten unehelichen Kindes eine strenge Rüge , ja ein , freilich katholisch klingendes Wort , von Kirchenbuße züchtigend vorhergehen lassen wollte , jene schnöde Abfertigung angedeihen lassen , die Frau Mullrich vorhin andeutete . Überhaupt konnten die Vereine ohne Mullrich ' s Autorität und Unterstützung hier nicht viel rein Moralisches und Lehr-Strenges zu Stande bringen . Nur das baare Geld wurde mit Artigkeit und Dank begrüßt . Ein- für allemal lag auch bei Mullrich eine Anzahl Bibeln deponirt , die er jedem sich der geistlichen Erweckung zugänglich Erklärenden übergeben sollte . Mullrich war zu gewissenhaft , diesen Auftrag unvollzogen zu lassen . Er bot die Bibeln in der That allen diesen Armen und Elenden an . Sie nahmen sie auch , verwertheten sie aber sogleich an der besten Quelle , die sich ihnen in Mullrich selbst darbot . Mullrich behielt das Buch der Bücher gleich an Zahlungsstatt für Miethe oder verfallenen Versatz - denn auch auf Pfänder lieh die Frau Vizewirthin in aller Stille - oder für Hausschlüssel oder Feuerung , die