wird , sehen wir im Reich der Wahrheit - nichts , und alles um uns her ist Dunkelheit , Ungewißheit , Irrthum und Täuschung . - So wie uns die Sonne in der materiellen Welt zweierlei Arten von Gestalten sichtbar macht , die wirklichen Körper , und die bloßen Schatten und Abspieglungen derselben , z.B. blauen Himmel , Wolken , Bäume , Gebüsche u.s.w. in einem klaren Wasser : eben so erlangt unser Geist durch das übersinnliche Licht , das von dem Auto-Agathon über das ganze Reich der Wahrheit ausstrahlt , eine doppelte Art von Erkenntniß : eine rein wahre , von Plato Noësis genannt , und eine mit Wahn und Täuschung vermischte , die ihm Dianoia26 heißt ; jene durch unverwandtes Aufschauen in das Reich der Ideen , als die allein wahrhaft wirkliche Welt , in welcher kein Trug noch Irrthum stattfindet ; diese durch das Herabschauen in die Welt der Erscheinungen und Täuschungen , wo wir nichts als die Abspieglungen und Schatten der wesentlichen Dinge erblicken ; daher denn auch , natürlicher Weise , nicht mehr Wahrheit in dieser Art von Erkenntniß seyn kann , als in der Vorstellung , die wir von einem Körper bekommen , wenn wir seinen Schatten , oder höchstens seine Gestalt im Wasser erblicken . Unser Sokrates konnte leicht bemerken , daß es dem guten Glaukon , mit dem besten Willen von der Welt , dennoch schwer werde , sich die übersinnlichen Wahrheiten , die durch diese Vergleichungen angedeutet werden sollten , klar zu machen . Er läßt sich also herab , der Blödigkeit seines geistigen Auges durch eine allegorische Darstellung der Sache zu Hülfe zu kommen . Und nun hören wir ihn selbst ! Stelle dir , sagt er zu Glaukon , die Menschen vor , als ob sie in einer Art von unterirdischer Höhle wohnten , die von oben herein weit offen , bloß durch den Schein eines großen auf einer entfernten Anhöhe brennenden Feuers erleuchtet wird . In dieser Gruft befinden sie sich von Kindheit an , am Hals und an den Füßen dergestalt gefesselt , daß sie sich weder von der Stelle bewegen , noch den Kopf erheben und herum drehen können , folglich , gezwungen immer nur vor sich hin zu sehen , weder über noch hinter sich zu schauen im Stande sind . Zwischen dem besagten Feuer und den Gefesselten geht ein etwas erhöhter Weg , und längs desselben eine Mauer , ungefähr so hoch und breit als die Schaugerüste , auf welchen unsre Gaukler und Taschenspieler den Zuschauern ihre Wunderdinge vorzumachen pflegen . Nun bilde dir ferner ein , du sehest neben dieser Mauer eine Menge Menschen mit und hinter einander auf der besagten Straße daher ziehen , welche allerlei Arten von Geräthschaften , Statuen und hölzerne oder steinerne Bilder von allerlei Thieren auf alle mögliche Art gearbeitet , auf dem Kopfe tragen , so daß alle diese Dinge über die Mauer hervorragen . Glaukon findet dieses ganze Gemälde etwas abenteuerlich , und scheint nicht errathen zu können , wo Sokrates mit seinen Gefesselten , die er in eine so seltsame Lage setzt , hinaus wolle . Gleichwohl , fährt dieser fort , sind sie unser wahres Ebenbild . - Aber bevor er diese Behauptung seinem staunenden Lehrling klar machen kann , muß er die natürlichen Folgen entwickeln , welche die vorausgesetzte Lage für die Gefesselten haben müßte . Fürs erste , sagt er , werden sie , da sie unbeweglich vor sich hinzusehen gezwungen sind , weder von sich selbst und denen , die neben ihnen sind , noch von allen den Dingen , die hinter ihnen vorbei ziehen , sonst nichts erblicken können als die Schatten , die auf die gegenüber stehende Wand der Höhle fallen . Ferner werden sie , falls sie mit einander reden könnten , den Schatten die Namen der Dinge selbst beilegen ; und wofern im Grund ihrer Höhle ein Echo wäre , welches die Worte der ( ihnen unsichtbaren ) Vorbeigehenden wiederhohlte , würden sie sich einbilden , die Schatten , welche sie vor sich sehen , brächten diese Töne hervor . Sie würden also unstreitig nichts anders für das Wahre halten , als die Schatten der vorbesagten Geräthschaften und Kunstwerke . Glaukon bejaht alles dieß ohne Widerrede , sogar mit einem großen Schwur ; und Sokrates geht desto getroster weiter . Siehe nun auch , sagt er , wie sie zugleich mit ihren Fesseln von ihrer Unwissenheit entbunden würden , wenn die Natur sie von jenen befreien wollte . Gesetzt also Einer von ihnen würde losgebunden und genöthigt plötzlich aufzustehen , den Kopf umzudrehen , zu gehen und zum Licht empor zu schauen , so ist kein Zweifel , daß ihm alles dieß anfangs sehr sauer werden müßte , und daß ihn das ungewohnte Licht blenden und unvermögend machen würde , die Dinge gewahr zu werden , deren Schatten er vorher gesehen hatte . Was meinst du nun daß er sagen würde , wenn ihn jemand versicherte , was er bisher gesehen habe , sey eitel Tand , und jetzt erst habe er wirkliche und dem Wahren näher kommende Gegenstände vor den Augen ; und wenn man ihm dann eines der vorübergehenden nach dem andern mit dem Finger zeigte und ihn zu sagen nöthigte was es sey , würde er nicht verlegen seyn , und die zuvor gesehenen Schatten für wahrer halten als was ihm itzt gezeigt wird ? Glauk . Ganz gewiß . Sokr . Und wenn man ihn zwänge in das Feuer selbst hinein zu sehen , würde er nicht , weil ihm die Augen davon schmerzten , das Gesicht sogleich wegwenden und auf die Schatten zurückdrehen , die er ohne Beschwerde anschauen kann , und die er eben deßwegen für reeller halten würde , weil er sie deutlicher sähe als die im Licht erblickten Gegenstände ? Glauk . Nicht anders . Sokr . Wenn man ihn nun vollends mit Gewalt und über Stock und Stein aus seiner Höhle heraus an das Sonnenlicht hervor zöge ,