kam und für das Öffnen der Hausthür einen Pfennig oder Dreier zahlen mußte . Dem Nachtwächter , der eigentlich dies Privilegium des Hausöffnens für die Spätlinge beanspruchte , hatte sie glücklich diese nach Jahresschluß selbst bei den Armen nicht unergiebige Quelle des Erwerbes abzuringen gewußt . Einige Diebstähle , befördert durch den gutwillig hergegebenen Hausschlüssel des Nachtwächters , hatten ihre desfallsigen Auseinandersetzungen vor dem grauen Bartusch unterstützt . Rechnet man nun noch hinzu , daß die vermögenden Einwohner des Hauses Brandgasse Nr. 9 und seiner drei Hinterhöfe einen Hausschlüssel von ihr , für monatlich drei Groschen , miethen konnten und in der That vierzehn solcher Hausschlüssel im Gange waren , so ergab dies eine Summe , die , wenn man einige unvermeidliche Ausfälle dabei mit in Anschlag brachte , sich immer jährlich auf das stattliche Capital von etwa funfzehn Thalern belief . Die Pfennige aber oder die von Betrunkenen in der Zerstreuung gegriffenen Groschen - manchmal freilich auch zinnerne Knöpfe ! - brachten jährlich mindestens eben soviel ein und da war es wohl zu begreifen , wie Frau Mullrich , vor zwölf , ein Uhr nicht zu Bett ging und des Morgens noch schlief , während ihr Gatte schon » aus den Federn « kroch , Feuer anmachte und Sommers und Winters den Kaffee oder ein dem Kaffee nicht unähnliches Surrogat selbst kochte für die erste innere Erwärmung des innersten Menschen . Es war nach sieben Uhr , als Mullrich seinen heutigen Abendimbiß , der nicht aus Käse , sondern einmal zur Abwechselung aus drei geschlagenen oder gerührten Eiern und Butter und Brot bestand , verzehrte und ruhig die Rapporte seiner Frau anhörte . Die Pinnen sind all , sagte Frau Mullrich und meinte unter Pinnen gewisse kleine Nägel , die unter die Schuhe geklopft werden . So ? war Mullrichs bedeutungsvolle Antwort . Er wußte , daß es sich um eine finanzielle Erörterung handelte . Nummer 76 will uns welche verkaufen , das Schock zu fünf Pfennige - Der alte Nagelschmiedgesell sieht ja ganz reputirlich aus . Stiehlt denn der Kerl ? sagte Mullrich phlegmatisch . Bewahre ! antwortete die Ehehälfte . Er muß sie wol verkaufen . Ist ja sein Lohn ! Jeden Sonnabend bringt er einen Sack Nägel mit . Baar Geld hat so ein Meister nicht . Drum ! Drum ! meinte Mullrich . Dacht ' ich doch neulich , der Nagelschmied bettelte . Vorm Thor sah ich ihn so scheu immer in die Häuser gehen , aus einem heraus und in ' s andere hinein - und die Rocktaschen ganz voll und ganz schwer . Dacht ' ich nicht , er holte sich so Brot zusammen ? Waren Das die Nägel ! ... Fünf Pfennige für ' s Schock ? Nimm sie ! Er läßt sie Einem auch für viere ! Wenn du zwei Dutzend Schock nimmst , gibt er noch eine eiserne Kramme zu für den alten Spiegel , den die Mamsell Nr. 17 dagelassen hat . Das lange Windspiel hat uns doch richtig betrogen . Brennt uns mit 14 Wochen Miethe durch , macht vier Thaler und geht bei Nacht und Nebel davon . Sollen uns an die Sachen halten ! Ein alter zerbrochener Spiegel und eine Bettstelle - ! Die Betten und das Waschlavoir nimmt sie mit und was sie zum Anziehen hat trägt sie auf dem Leibe . Sie ist nach Hamburg und es ist eine Schande , daß man nun so Was nicht gleich mit dem Telegraphen hinterher melden kann ! Wozu sind nur die Dinger ! Frau Mullrich berichtigte hier mehrfache Irrthümer ihres Mannes . Erstens tadelte sie ihn bei dieser Gelegenheit , daß er sich gerührte Eier für die Nacht bestellt hätte , was eine zu hitzige Speise wäre ; dann aber sagte sie : Eine Kramme noch für ihren Spiegel ? Und die Bettstelle auch behalten ? Da könnte Einer dabei bestehen ! Heute gegen Uhrer viere war der alte Graue hier und ich sagt ' s ihm gleich : Die Mamsell Nr. 17 ist durchgegangen , die Miethe ist nicht gezahlt , macht vier Thaler und der Spiegel und die Bettstelle macht einen Thaler , ist für Auslagen , die sie mir schuldig geblieben ist , Seife und Licht und zwei Hausschlüssel ... bleibt immer vier Thaler ! Zwei Hausschlüssel ? Wie denn so zwei Hausschlüssel ? Ha ! Ha ! Wie ich von zwei Hausschlüsseln sprach , drehte sich der alte Sünder um und wollte sich nicht in dem Spiegel sehen lassen - weil er ganz roth wurde . Roth ? Warum denn roth und zwei Hausschlüssel ? Ach ! Schon vor elf Wochen ! Wie ich ihm da gesagt hatte - Herr Bartusch , sagte ich , die Mamsell Nr. 17 zahlt keine Miethe , da wurde er dazumal grob , wie immer , und kletterte selbst zu ihr hinauf . Schon zwei Wochen nicht ! rief ich ihm nach . Nach einer halben Stunde kam er wieder und mit einer ganz jämmerlichen Miene . Armes Mädchen ! sagt ' er . Muß sich von ihrer Hände Arbeit ernähren - hat keine Eltern - und wie er dann thun kann , als wenn er ein Erbarmen im Leibe hätte wie die ewige Güte - kaum ist er damals fort - das sind nun elf Wochen - kommt die Lange herunter und will noch einen Hausschlüssel für einen Freund . Aha ! dachte ich , für einen Freund ! Ich gab ihr den Hausschlüssel . Kostet drei Groschen monatlich , Mamsell , sagt ' ich . Wird Alles bezahlt werden , und so ging sie schnippisch davon , als wenn sie einen Ehemann gekobert hätte . Und richtig , ich hab ' ihn wohl erkannt , wie er dann am nächsten Abend ankam nach zehn Uhr , in einem großen Mantel - Herr Bartusch ! sagte Mullrich erstaunend , über die » Enthüllungen « seiner Frau . Schleich du nur , dacht ' ich , fuhr seine Ehehälfte fort . Wer sind Sie Herr ?