der hohen Bestimmung , zu welcher die Natur sie ausgerüstet hatte , unglücklicher Weise für den Staat und für sich selbst , gänzlich verfehlen , ja desto schädlichere Bürger und Regenten werden , je glänzender die Naturgaben und Talente sind , wodurch sie sich der Liebe und des Vertrauens ihrer Mitbürger zu bemächtigen wissen . Weniger die Probe einer strengen Prüfung haltend , wiewohl mit einem leidenschaftlichen Feuer geschrieben , das den auf sich selbst zurücksehenden und seine eigene Sache führenden Plato verräth , scheint mir die Stelle zu seyn , wo er die Gründe angibt , » warum die Wenigen , die im Besitz der wahren Weisheit sind , sich in die möglichste Verborgenheit zurückziehen und mit den öffentlichen Angelegenheiten unserer verdorbenen Republiken nichts zu schaffen haben wollen , sondern , in ihren eigenen vier Wänden gegen alle Stürme des öffentlichen Lebens gesichert , beim Anblick der allgemein herrschenden Gesetzlosigkeit , genug gethan zu haben glauben , wenn sie , selbst rein von Unrecht und lasterhaften Handlungen , ihr gegenwärtiges Leben in Unschuld hinbringen , um dereinst mit guter Hoffnung freudig und zufrieden aus demselben abzuscheiden . « - Wenn Aristipp und seines gleichen diese Sprache führten , möchte wohl nichts Erhebliches dagegen einzuwenden seyn ; aber von dem Platonischen Weisen sollte man mit vollem Recht eine heroischere Tugend fordern dürfen ; und ich zweifle sehr , ob irgend eine Republik verdorben genug seyn könne , daß ihm eine solche Verzweiflung an ihrer Besserung erlaubt wäre , oder daß Rücksicht auf seine persönliche Sicherheit und Furcht vor dem Haß und den Verfolgungen der Bösen für einen zuverlässigen Beweggrund gelten könnte , sich seiner Pflicht gegen das Vaterland zu entziehen . Der wirkliche Sokrates war wenigstens ganz anders gesinnt , und ließ es sich , als er mit sehr guten Hoffnungen aus diesem Leben ging , keinen Augenblick gereuen , das Opfer der entgegengesetzten Denkart geworden zu seyn . Aber freilich ist Platons Weiser kein Sokrates ; und ihm , der sein höchstes Gut im Anschauen des Schönen und Guten an sich , und in der dazu erforderlichen Ruhe und Abgeschiedenheit findet , möchte jene Sinnesart um so eher zu verzeihen seyn , da er sich nothwendig sehr lebhaft bewußt seyn muß , daß er nirgends als in seiner idealischen Republik am rechten Ort ist , und wahrscheinlich als Staatsmann in jeder andern eine traurige Figur machen würde . Ich bin , gegen meinen anfänglichen Vorsatz , indem ich durch ich weiß nicht welchen Zauber , den unser dichterischer Philosoph um sich her verbreitet , mich gezogen fühlte , ihm in seinem mäandrischen Gang beinahe Schritt vor Schritt nachzuschlendern , unvermerkt so weitläufig geworden , daß ich nur so fortfahren dürfte , um über ein unmäßig dickes Buch ein noch dickeres geschrieben zu haben . Die Versuchung ist nicht gering und nimmt mit jedem Schritt eher zu als ab ; aber sey ohne Furcht , Eurybates , ich will es gnädig mit dir machen ; und wenn du dich entschließen kannst , mir nur noch in die wundervolle unterirdische Höhle unsers Mystagogen zu folgen , so verspreche ich dir , dich mit allem übrigen zu verschonen , was du noch zu lesen bekämest , wenn ich meine bisherige Umständlichkeit bis ans Ende beibehalten wollte . Die Behauptung , daß ein Staat nur durch ächte Philosophen wohl regiert werden könne , hatte die Darlegung des Unterschieds zwischen dem unächten und ächten Philosophen herbei geführt . In dieser bis auf den Grund zu kommen , sah sich Plato ( denn mit diesem allein , nicht mit Sokrates haben wir es nun zu thun ) genöthigt , seinen Zuhörern einen Blick in das innerste Heiligthum seiner Philosophie zu erlauben . Da er aber hier keine Eingeweihten vor sich hat und dieser Dialog unter die exoterischen , d.i. unter diejenigen gehört , welche weniger für seine auserwählten Jünger als für die immer zunehmende Menge müßiger und wißbegieriger Leser , bei denen ein gewisser Grad von Bildung vorausgesetzt werden kann , geschrieben sind : so war nicht schicklich , und in der That auch nicht wohl möglich , seine Geheimlehre anders als in Bildern vorzutragen , um uns andre Profanen wenigstens durch einen , wiewohl nicht sehr durchsichtigen , Vorhang in die Mysterien derselben blinzeln zu lassen . Hierzu macht er nun zu Ende des sechsten Buchs den Anfang , indem er uns - mit vieler Behutsamkeit , damit nicht zu viel Licht auf einmal in unsre blöden Augen falle - die Existenz einer zwiefachen Sonne offenbart : der bekannten sichtbaren , die uns zum Wahrnehmen körperlicher Dinge , Gestalten und Schattenbilder verhilft , und einer rein geistigen , folglich auch bloß dem reinen Geist , ohne Beihülfe der Sinne , der Einbildungskraft und des Gedankens , anschaulichen ( welche er die Idee des Guten und das selbstständige Gute , Auto-Agathon , nennt ) , in dessen Licht allein das an sich Wahre , Schöne und Gute unserm Geiste sichtbar werden kann . Die neu entdeckte übersinnliche Sonne scheint den wißbegierigen Glaukon so freundlich anzustrahlen , daß Sokrates sich aufgemuntert fühlt , die Vergleichung eine Weile fortzusetzen . Beide Sonnen , sagte er , sind » die Könige zweier Welten ; « die eine dieser sinnlichen , theils aus körperlichen Dingen , theils aus mancherlei vergänglichen , unwesentlichen Erscheinungen zusammengesetzten Welt ; die andere der übersinnlichen , dem reinen Verstand allein in dem Lichte des selbstständigen Guten sichtbaren . wesentlichen Dinge . So wie die materielle Sonne über uns aufgeht , erscheinen uns in ihrem Lichte die körperlichen Dinge klar und deutlich ; so wie uns dieses Licht entzogen wird , verfinstert sich alles um uns her , wir erblicken nur zweifelhafte , farbenlose , unförmliche Gestalten und wissen nicht was wir sehen . Eben so wird uns , sobald unser Geist in das Lichtreich des Auto-Agathon eindringt , auf einmal die ganze Welt der Ideen , oder der ewigen , unwandelbaren Wesen ( ontôs ontôn ) aufgeschlossen ; wie uns hingegen dieses Licht entzogen