so nahe berührenden Manne bekannt war , nahm ihr fast den Athem . Auf und nieder ging sie und konnte zur Beendigung ihres Briefes nicht zurückkehren . Sie schloß die Blätter , die sie zusammenlegte , zuletzt in ein Reiseportefeuille , das sie mit der ihr ohnehin heute stündlich wiederkehrenden Empfindung betrachtete : Solltest du wirklich fliehen ? Solltest du diese Reise nach England mitmachen ? Was zagst du ? Was trittst du nicht mitten in die Kreise ein , wo du dich so gehaßt weißt , und trotzest ihnen - wie der Oberst ... ? Sie wußte von Benno , daß der Oberst vorhatte , sich in Witoborn anzusiedeln und mit Hedemann sogar einen Industriezweig zu ergreifen . Voll Erregung klingelte sie dem Courier , ließ die große Lampe heller herrichten , befahl die Vorrichtung zum Thee , da die Gräfin unfehlbar bald zurückkommen würde , und entließ Marco Biancchi , der aufgeregt seiner auf das Klingeln gleichfalls sich einstellenden Nichte folgte , sowol mit dem Rath , dem ihm gegebenen Wink baldmöglichst zu folgen , wie mit dem Erbieten , der Gräfin von dieser Wendung die von ihm gewünschte Anzeige zu machen . Daß Marco Biancchi trotz aller angeborenen Größe und Adelswürde seiner Nation Lust zu bezeugen schien , die Reisegesellschaft der Gräfin zu vermehren und auf deren Kosten wenigstens bis Antwerpen zu fahren , bemerkte die junge Frau noch nicht . Vielleicht erschien auch dem feurigen Patrioten eine Rücksprache mit dem Kurier eine noch geeignetere Maßregel , um zu seinem Ziele zu gelangen . Porzia , sichtlich erschreckt von der vernommenen Gefahr des Onkels , begleitete ihn hinaus . Inzwischen hörte man einen Wagen anrollen ... Monika , den Reiz einer an Porzia zu richtenden Frage nach Hedemann unterdrückend , trat an die vom Regen beschlagenen Fenster , sah in den düstern , von Laternen matt erhellten Abend , und stellte , als sie die Rückkehr der Gräfin erkannt zu haben glaubte , auch noch die kleinere Lampe auf den großen runden Tisch , den sie zum Sopha rückte . Lag dann auch in dem kurzen Blick auf einen Spiegel , in dem sie ihre einfache Toilette ordnete , die Schleifen des Geflechtes , das ihr Haar bedeckte , fester band , die in Verwirrung gerathenen Locken ein wenig aufwickelte , der Ausdruck der Sammlung und der ehrerbietigen Unterordnung unter die hochgestellte Dame , die in der That durch die weitgeöffnete Thüre eintrat , so war sie doch in einer Stimmung , wie Armgart damals , als sie mit Benno und Angelika am luftigen Hüneneck stand und in den Riesenhäuptern der Sieben Berge sieben Propheten sah - ungewiß , dem Gegebenen entrückt , » hangend und bangend in schwebender Pein « . 2. Frauen , die nie gelächelt zu haben scheinen , Frauen , die immer ernst , thätig und handelnd ins Leben griffen , wird man darum noch nicht männlich zu nennen brauchen . Ihre Frauenart bewahren sie in eigenthümlichen , ihrem Geschlecht allein angehörenden Zügen . Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen war eine Norddeutsche , eine geborene Freiin von Hardenberg . Ihr Gatte wählte sie , angezogen von ihrer imponirenden Gestalt und untadelhaften Schönheit . Im lutherischen Glaubensbekenntnisse waren sich beide gleich , wenn auch die strenge Form , in der die Gräfin das ihrige bekannte , vom Grafen nicht getheilt wurde . Auch trat diese Strenge bei der Gräfin erst hervor , als sie , wie Monika damals von sich an Angelika Müller geschrieben , sich selbst zu erziehen anfing . Der Graf lebte meist in Ungarn , wo unter so vielen Protestanten keine Veranlassung gegeben war , sich in der so schwierigen Geisteskraft auszubilden , mit Ueberzeugung in der Minorität zu stehen . Die Gräfin dagegen , die größtenteils allein in Schloß Salem bei Wien lebte , war mehr in der Lage , ihre Besonderheit zu kräftigen , ja zuletzt bedurfte sie eines Anhaltes gegen den General-Feldzeugmeister , ihren Gatten selbst . Nie herrschte eine Verstimmung zwischen ihnen , aber wo fängt die Bildung des Charakters im Menschen an ? Von dem Tage , wo man eine Lücke unter seinen Wünschen und Hoffnungen fühlt , von dem Tage , wo man irgend worin eine große Niederlage erlitt . Graf von Salem-Camphausen hatte auf das Zufallen eines Vermögens an seine Gattin gehofft . Diese Hoffnung scheiterte . Kein Wort des Vorwurfs kam über seine Lippen , aber - die Lücke war da , der Zartsinn der Gattin empfand sie und sie mußte sie füllen . Schätze eines frivolen Geistes , die etwa in der Welt blenden konnten , besaß sie nicht ; ihre Erscheinung hatte durch ihr erstes Kindbett gewonnen , durch spätere Fehlgeburten verloren ; ihr einziger Sohn erforderte eine Erziehung und so schöpfte sie aus sich selbst so viel , als sie eben vorfand . Ein alter Grund von Religion war in sie gelegt worden , eine pietistische Lebensauffassung . Ihre Erzieher waren Herrnhuter gewesen , zu denen sich auch einige Zweige ihrer Familie ganz bekannten . Diese später zurückgedrängte , nicht ganz verklungene Bildung sammelte sich wieder in ihrem Innern und wurde ihr zum Ersatz für die Welt , die die Verlegenheiten des großen Hauses bemerkte , für die Zerstreuungen , die sie nie geliebt hatte , für die Hülfsmittel der Bildung , die man ihr für ihren Sohn anbot und die ihr misfielen , für den Gatten endlich selbst , der trotz seiner hohen Stellung ein sorgloser Lebemann war , einst im Bändigen eines Rosses eine Wette gewinnen wollte , sich überschlug und den Hals brach . Das Entsetzen über dies in weiter Ferne von ihr in Erfahrung gebrachte Unglück schien wie starr auf ihren Gesichtszügen festgeblieben zu sein und die Gräfin versteinert zu haben . Ausdruck für ihre Trauer suchend , fand sie sie nur in den Erinnerungen an die religiöse Bildung ihrer Jugend . Sie fand mit ihnen jenen elegischen Trost , der zwar ausruft : Der Herr hat ' s gegeben , der Herr hat ' s genommen