die Häuser auszuweichen . Diese Häuser sind hoch und mit überhängenden Stockwerken so gebaut , daß sie sich von oben mehr nähern als von unten . Alle diese Häuser , aus altem Sandstein und dicken geschwärzten Eichenbalken gebaut , haben eine ungewöhnliche Tiefe und werden meistens noch durch Höfe verlängert , von denen einige neuer sind als die Vorderhäuser , da zu verschiedenen Zeiten in diesem alten Stadtviertel Feuersbrünste wütheten . Ungeachtet der Name dieser Straße daher entstanden sein mochte , daß die Flammen sie öfter heimsuchten als andere ; ungeachtet eine allgemeine durchgreifende Zerstörung zum Besten des gesunderen Luftzuges vielleicht für die Stadt selbst zu wünschen wäre , so schreckte man doch bei dem Gedanken zurück , welche große Anzahl ärmster Familien dabei in Lebensgefahr gerathen würde , denn keine Straße war volkreicher als diese Brandgasse . Der Verlust an Hab ' und Gut würde vielleicht durch die Mildthätigkeit ersetzt worden sein , obgleich doch selbst in diesen dunklen alten Wohnungen mit den Giebeln und Galerien sich mancher stille Sparer versteckt hielt und sich durch weiße Gardinen , Blumenstöcke und Vogelkäfige an seinen kleinen , mit Blei zusammengelötheten Fensterscheiben als ein Wohlhabender verrieth . Freilich alle Blumen und Vogelkäfige vor den kleinen Fenstern in der Gasse selbst und den Hinterhöfen konnte man nicht für ein Zeichen des freundlicheren Lebenslooses halten , denn diejenige Armuth wenigstens , die sich geistig nicht ganz verwahrlost , schmückt sich gern mit Blumen und gibt selbst einem Vogel im Käfig von ihres Daseins spärlichen Brocken ab . Mehre der ältesten dieser Häuser in der Brandgasse waren mit jenem Angeroder Kreuze der Ritter von St.-Johannes geziert . Doch sah man nur die drei Blätter des Kleeblattes an den Ecken des heiligen Symbols , zum Zeichen , daß diese Bauten noch über den Zeitpunkt hinausreichten , wo die größere Anzahl der Ritter dieses Ordens in den Schooß der evangelischen Kirche überging . Aber auch diese Häuser gehörten zu jener Verlassenschaft , die man damals dem Ritter Hugo von Wildungen angewiesen , als die unrechtmäßigste und dreisteste Besitzergreifung von der Welt durch die allgemeinen Wirren damaliger Zeit zugelassen und stillschweigend anerkannt wurde . Auch diese Häuser wurden von Sehlurck für die Commune verwaltet und oft genug sah man Bartusch in seinem grauen Rock hier Trepp auf Trepp ab schleichen und die gerichtliche Execution den Miethern androhen , die ihm von den sogenannten Vizewirthen als saumselige Zahler bezeichnet wurden . Diese Vizewirthe bewohnten oft die unsauberste Spelunke von allen ; aber sie zahlten keine Miethe . Nur mußten sie sich als fleißige , zuverlässige Männer in der Hut des Hauses bewähren und die einzelnen Wochengroschen , die sie von den Bewohnern sammelten , pünktlich in der großen Schreiberei des Notars und Administrators Justizraths Schlurck abliefern . Der Vizewirth des Hauses Brandgasse Nr. 9 war ursprünglich ein Schlosser , dann aber durch seine Frau halb ein Flickschuster , halb durch seine eigene Brauchbarkeit Polizeidiener . Dieser vielseitige Mann hieß Mullrich . Die Flickereien alter Schuhe und Stiefel - neue zu liefern übernahm Mullrich nicht - besorgte seine Frau , die diese Arbeiten in Pech und Leder von ihrem ersten seligen Gatten gelernt hatte . Der zweite gab die Schlosserei auf , da er in die Lage kam , dem Staate , dem Gerichts- und Polizeiwesen in treuen Funktionen zu dienen , zu deren äußerer Unterstützung sein mürrisches , brummiges Gebahren ihm sehr zu Statten kam . Die Vergünstigung , Vizewirth in diesem Communalhause der Brandgasse zu sein , verdankte er seiner polizeilichen Stellung ; denn was gab es hier nicht in diesen Spelunken , in diesen Höhlen des Jammers und Verbrechens zu beobachten ! Der ehemalige Schlosser war ein Dietrich der Polizei geworden . Seine Freiwohnung bestand aus zwei Stuben , nebst einem Kamin auf einem dunklen Vorplatze , Alles im tiefsten Kellergeschosse des Hauses Brandgasse Nr. 9. Man behauptete , die kinderlosen Mullrichs hätten durchaus nicht nöthig gehabt , in einem Souterrain zu wohnen , das bei den Frühjahrsüberschwemmungen oft unter Wasser gerieth und bei dieser Gelegenheit mit Glück die höhere Rattenjagd zu betreiben erlaubte ; allein man nannte dieses würdige Ehepaar geizig , eine Meinung , die wir durch das Wohnenbleiben in diesem Freilogis doch kaum bestätigt finden möchten . Ein Freilogis ist für jeden Stand eine so unschätzbare » Gabe Gottes « , daß sich Frau Mullrich , von der wir diesen Ausdruck entlehnen , hätte der Sünden schämen müssen , wenn sie es aufgegeben hätte ; zu geschweigen , daß die Einnahme von ihrem Verdienste als Flickschusterin noch durch die günstige Lage des Ortes und jene Superiorität unterstützt wurde , die der Vizewirth dieses Hauses nicht nur über einige leidlich respectable Einwohner des Vorderhauses , sondern über das ganze Gewimmel von drei großen Hinterhöfen behaupten durfte . Auch in polizeilicher Hinsicht hatte Mullrich durch dies Freilogis , das er im Frühjahr mit den Überschwemmungen und dem Hervortreten des Grundwassers und in allen Jahreszeiten mit den Ratten zu theilen hatte , doch so viele Annehmlichkeiten , daß er die Gelegenheit , hinter manche Diebshehlerei zu kommen und sich in seinem Spionirberufe preiswürdig zu bethätigen , nicht gern aufgab . Frau Mullrich war eine Dame , die die emsigste Thätigkeit liebte . Wer weiß , ob sie in einem bessern Quartier hätte auf ihrem Schuster-Dreibein sitzen und zugleich durch ein kleines Schiebfenster , das durch die dunkle Hausflur und durch das Kellerfenster , das auf die nicht viel hellere Straße ging , soviel ihre Spürkraft Anregendes entdecken können . Mullrich ohnehin war den ganzen Tag unterwegs und hatte Gelegenheit genug , auf den schönsten Promenaden , wo es Taschendiebe zu beobachten und Steckbriefe zu vergleichen gab , frische Luft zu schöpfen . In der Regel kam er , wenn es nicht außerordentliche Fänge gab , um acht Uhr Abends nach Hause , verzehrte dann sein Käs und Brot , trank ein hohes Glas des besten , schäumendsten Dünnbieres und legte sich zeitig zur Ruhe , während seine Frau nun erst aufpaßte , wer zu spät nach Hause