ließe ! Denn die ungeheure Majorität der Menschen kann nur durch schlechte Leidenschaften zur Arbeit gestachelt werden , durch gute nie . Daher ist nur eine solche Welt geeignet , als bequeme Behausung der Menschenmassen zu dienen , und auf die Massen kommt es ja an . Ein Genie zählt auch nur als einzelner Mensch und darf beileibe keinen breiteren Platz beanspruchen , als jeder beliebige Tropf mit platter Stirn und strammer Lende . Dies ist die wahre Demokratie , die Demokratie der Mittelmäßigkeit , der prudente médiocrité , von welcher Welttyrann Napoleon schwärmte . Darum weihe sich Jeder in stillbeseligter Erbauung dem wahren Ideal : einem normalen Verdauungsprozeß und den schönen blanken Zwanzig-Mark . Vor Geistesthaten präsentirt ja kein Gardist das Gewehr . Ein gutgebratenes Wiener Schnitzel schmeckt besser , als der überflüssige Schönheitsquark , und wer nur als Schnecke am eignen Schleim emporkriecht , erklimmt das erhabenste Ziel eines guten Bürgers : einen hübschen Titelrang . So rollt die wohleingeölte Maschine der sittlichen Weltordnung munter fort . Die Damen plaudern auf dem goldnen Deck der Staatsgaleere , frißt auch drunten geheimes Leck . Aber die Parze des kommenden Jahrhunderts schreitet langsam durch die Nächte dahin in dunkeln Träumen . Die Fackel für den Weltenbrand beleuchtet ihre hungerbleichen Züge , ihr unumwölktes Hirn zerschneidet den Phrasendunst der Zeit . Wer vergebens sich klammert an veraltete Banner , fühlt sich hülflos fortgerissen auf den Bahnen eiserner Nothwendigkeit . Die Wellen kommen , Wellen gehen , und die Planken lockern sich nach und nach . Der Sclave im Rumpf des Schiffes entfesselt sich jauchzend , wenn er droben mit Stiel und Stumpf das Deck zerbersten hört . Und immer näher branden die donnernden Fluthen . Aber ihr hört sie nicht . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Schon geraume Zeit vorher hatte Krastinik das letzte Walachen-Dorf der Grenze durchritten . Jetzt bei einbrechender Nacht sah er sich angesichts der rumänischen Grenze in einem schmalen Bergthal . Wo übernachten ? Einige Hütten lagen umher ; ein Hirt im Bärenpelz , ohne Hemd darunter , die nackte Brust offen dem Winde bietend , trieb gerade eine Pferdekoppel von der Weide ein . Der Graf trat ins nächste Gehöft und grüßte . Kaum hätte er sich verständlich machen können , aber ein Zufall begünstigte ihn . Am Tisch neben den walachischen Bauern saß ein stattlicher Mann in braungelbem Jägerrock mit grünen Aufschlägen , Hirschfänger an der Seite . Er erhob sich und grüßte freundlich . Der Graf erkannte den Forstmeister des Comitats , einen Sachsen . Sobald man dem erst finsterblickenden Bauern auseinandergesetzt , daß dies der große Graf des nächsten Bezirks sei , schwenkte er ihm mit der natürlichen vornehmen Grandezza des Romanen sein Glas Landwein entgegen : » Sanitate bona ! « Er habe gehört , wie der Forstmeister verdolmetschte , daß der Domnule ( Herr ) gut gegen seine Leute sei . Dann schenkte er ihm ein und bot den ungeheuren Schafkäse an , der auf dem rohgehobelten Tische stand . Seine Frau , ( in der eigenthümlichen Tracht der Berg-Walachinnen , statt eines Rocks nur zwei rothgestreifte Schürzen vorn und hinten umgebunden ) bereitete dem erlauchten Gast mit gastfreundlichem Grinsen ein Lager in der Wohnstube . Noch lange saßen der Forstmann , eine germanische Barbarossagestalt mit langwallenden Barte , und der Graf zusammen . Ersterer war hierher verschlagen worden , um den Grenzstreit zweier walachischer Horden über ein Thalflüßchen zu schlichten . Eigentlich , vertraute er flüsternd an , befände man sich hier unter lauter Räubern und Schmugglern . Aber der Gastfreund sei natürlich sicher wie in Abrahams Schoß . Als man in tieferes Gespräch gekommen und Krastinik seine deutschfreundlichen Sympathien erschlossen hatte , thaute der Andre auf . Es zeigte sich , daß seine Vergangenheit eine bewegte gewesen war . Als Forst-Eleve in Tharand bei Dresden ausgebildet , hatte er sich wie die meisten Siebenbürger Sachsen ganz als Deutscher gefühlt und die Einheitsbestrebungen der deutschen Turnvereine in sich aufgenommen . Als daher der Freiheitskampf der Schleswig-Holsteiner losbrach , hielt es ihn nicht in der äußersten Südmark deutscher Gesittung ( der sächsischen Coloniae Imperii Germanici , deren Kirchengemälde neben dem ungarischen Wappen den deutschen Reichsadler führten ) und er eilte hinauf zur äußersten Nordmark . Dort an der Eider focht und blutete er für die deutschen Brüder unter dem Befehl des Generals v.d. Tann . Dieser war ihm zeitlebens sein Heldenideal geblieben , obschon er nach der Schlacht von Fridericia für immer in die ungarische Heimath zurückgekehrt . Der heldenhafte und doch vornehm milde Sinn des bayrischen Freiherrn leuchtete ihm noch heute vor als Sinnbild deutscher Männlichkeit und sein Herz schlug höher , als er später von den Thaten des Corps v.d. Tann in Frankreich vernahm . Beide sprachen hierüber . Welch ein Leben , welch ein typisches Sinnbild für die Entwickelung der neuen deutschen Größe ! 1848 als Freischärler mit deutschen Milizen der Kriegsmacht des Inselreichs trotzend . 1866 als süddeutscher Heerführer mit unerschütterlichem Muth dem Höllenfeuer der Preußen Stand haltend , um die Waffenehre zu retten , aber innerlich jauchzend über jeden Sieg der norddeutschen Großmacht , die auserwählt , um den Traum aller großdeutschen Patrioten zu verwirklichen . Und nun 1870 , glücklich und stolz als deutscher Häuptling dem Aufgebot des gemeinsamen Herzogs zu folgen , greift er mit einem Hochmuth kriegerischer Ueberlegenheit die französischen Heere an , als sei er ein altfränzösischer Maréchal de l ' Empire . 1848-1888 , nur vierzig Jahre , für Deutschland vier Jahrhunderte . Welch erschütternder Beweis für die Allmacht der geheimen Drehungsgesetze , das binnen vier Jahren ( 64-70 ) die Entscheidung fiel über des ununterbrochene Ringen und Streben dieser großen zerrissenen Nation , seit 1648 , dem Westfälischen Frieden ! Ein Volk aber , das solche Leiden verwand und in rastloser Arbeit seinem letzten Ziele entgegentrieb durch alle Ränke des neidischen Europa hindurch - ein Volk ,