uns auszufragen , uns anzustarren , als wären wir zu weiter nichts da auf der Welt ! Ich denke schon mit Schaudern an Uselin , und an die neugierigen Gesichter sämmtlicher Useliner und Uselinerinnen , von denen sich Keiner das erhabene Schauspiel wird entgehen lassen wollen , wie der große , kluge Georg die kleine , dumme Hermine heirathet ! Und nun gar das himmlische Weinen der beiden Eleonoren , von denen Du die eine verrathen hast , Du Ungeheuer ! oder Duff ' chens Freudenthränen , wenn sie aus des Pastors Munde hört , was sie schon seit acht oder neun Jahren weiß ! Es ist zu schrecklich ! Dürfen wir denn nicht hier in irgend eine Kirche gehen und uns trauen lassen in der Dämmerstunde von einem Pastor , der uns zum ersten , und wenn es auf mich ankommt , auch zum letzten Male sieht , und als Zeugen ein paar alte Männer oder Frauen , die gerade da sind , und uns am nächsten Tage nicht kennen , wenn sie uns auf der Straße begegnen ? « Ich kann nicht sagen , daß dieser Wunsch Herminens für mich auch nur im mindesten etwas Abschreckendes gehabt hätte . Im Gegentheil ! Aber mein Schwiegervater fühlte nun einmal die Verpflichtung , wie er sagte , als erster Bürger von Uselin sein einziges Kind auch in Uselin trauen zu lassen . Er blieb dabei mit einer Hartnäckigkeit , die er seiner Tochter gegenüber sonst nicht an den Tag legte , und so mußten wir denn schon das Unabänderliche über uns ergehen lassen . Auch kann ich nicht sagen , daß der Tag so fürchterlich war , wie er uns erschienen . Die Rede des guten Pastors , der mich seiner Zeit schon eingesegnet hatte und schon damals ein alter Mann gewesen sein muß , war allerdings sehr lang und sehr confus ; die St. Nicolaikirche sah so kahl und nüchtern wie immer aus , und die Hunderte von Augenpaaren , welche sämmtlich unverwandt an uns hingen mit einem Ausdruck , als sollten wir demnächst hingerichtet werden , machten den öden Raum um nichts behaglicher ; das große Diner in der Villa der Commerzienrathes war äußerst pomphaft und feierlich , und die über Tisch ausgebrachten Toaste ein wenig abgestanden und geschmacklos - ich leugne das Alles nicht ; aber dann war es doch auch wieder die Kirche , in deren Sprengwerk ich so halsbrechende Kunststücke ausgeführt und aus deren Schalllöchern ich so oft sehnsüchtig über Land und Meer in die Ferne geblickt hatte ; unter den vielen gleichgültig neugierigen Gesichtern war doch eins oder das andere , das ich an diesem Tage ungern gemißt hätte ; und dann war der Tag - ein Tag im hohen Sommer - wunderschön , der Himmel blau , mit großen , weißen Wolken , die Luft durchsichtig klar - die alte Stadt sah ordentlich jung aus in dem prächtigen Sonnenschein und die fadenscheinigen Uniformen von Luz und Bolljahn , den unsträflichen Männern , welche die vor der Kirche versammelte Straßenjugend meisterlich im Zaume hielten , wie neu - und in dem Hafen , wo alle Schiffe geflaggt hatten , spielten die bunten Wimpel so lustig in dem frischen Ostwind ; auf der breiten Wasserfläche tanzten die kleinen Wellen so munter ; von jenseits schimmerten die niedrigen , weißen Kreideufer der Insel so hell herüber und auf der Insel lag Zehrendorf , wohin wir aufbrachen , als die scheidende Sonne die weißen Wolken mit rosigen Streifen säumte . Nein , nein ! der Tag war schön , und sein Andenken soll mir geheiligt sein , alle Zeit ! Vierundzwanzigstes Capitel . Vielleicht läßt sich das Ideal eines jungen Paares , möglichst einsam zu leben , wenn der Aufenthalt auf einer wüsten Insel aus irgend welchen Gründen nicht wohl ausführbar ist , nirgends besser realisiren , als in einer sehr großen , volkreichen Stadt . Es kommt nur darauf an , daß man im Besitz des Geheimnisses ist , sich auch hier ein Eiland zu schaffen , an dessen Gestade die bewegten Fluthen des gesellschaftlichen Lebens vorüberrauschen . Die Ergründung dieser Kunst wird nun allerdings für den Adepten wesentlich erleichtert , wenn die große Welt , wie es nur zu häufig der Fall ist , keinerlei Veranlassung findet , sich um ihn zu bekümmern ; im entgegengesetzten , allerdings viel schwierigeren Falle besteht das Geheimniß darin , sich seinerseits nicht um die Welt zu bekümmern . Ich hatte nach der ersten Seite hin eine ziemlich reiche Erfahrung . Die Welt hatte sich in der That verzweifelt wenig für den jungen Maschinenschlosser interessirt , als er in dem ruinenhaften Häuschen auf dem ruinenhaften Hofe seine arbeitreiche , köstliche Lehrzeit durchmachte . Er hatte ganz der Lessing ' schen Windmühle geglichen , die einfach das Korn mahlte , das ihr aufgeschüttet wurde , die zu Niemand kam und zu der Niemand kam . Jetzt stand die Sache freilich anders . Jener Hof war keine Trümmerstelle mehr . Die Ruinen waren abgetragen oder zu stattlichen Gebäuden ausgebaut ; die Mauer , welche den alten Hof von dem neuen getrennt hatte , war niedergerissen , und die alte Fabrik mit der neuen zu einer einzigen , großen , mächtigen Werkstatt der Betriebsamkeit und des Fleißes vereinigt . Das war eine große Veränderung die in den betreffenden Kreisen von den Einen freudig begrüßt , von den Andern hämisch bekrittelt wurde , aber doch kaum so viel von sich reden machte , als die , welche mit mir selber vorgegangen war . Aus der unscheinbaren Chrysalide eines ganz gewöhnlichen Maschinenschlossers hatte sich der glänzende Schmetterling des gebietenden Chefs dieses großen neuen Etablissements entwickelt , und dieser glückliche Schmetterling war der Schwiegersohn eines Millionärs , der Gatte einer jungen Frau , deren pikante Schönheit , wo sie sich zeigte , den Neid der Frauen , die Bewunderung der Männer , die Aufmerksamkeit Aller erregte . Für eine so wunderbare Metamorphose hat selbst das blasirte Publikum einer Weltstadt noch einige Empfindung ; und wenn