sich einzubilden . Er musterte ihr Betragen durch und bestärkte sich schmerzlich in dieser unerbaulichen Ansicht , da er ganz mürbe und demütig geworden war und jetzt nicht das geringste Liebenswürdige an sich fand . So bitter dieser selbstgemischte Trank anfangs zu trinken war , so brachte er doch einige Ruhe zurück , infolge derer die eingeschlafene Vernunft auch wieder auftauchte und den Aufgeregten in ihre kühlenden Arme nahm . Was dem einen recht , ist dem andern billig , und Wie du mir , so ich dir , sind die zwei goldenen Sprüche auch in Liebeshändeln , wenigstens bei gesunden und normalen Menschen , und die beste Kur für ein krankes Herz ist die unzweifelhafte Gewißheit , daß sein Leiden nicht im mindesten geteilt wird . Nur eigensinnige , selbstsüchtige und krankhafte Verfassungen laufen Gefahr , sich aufzulösen , wenn sie durchaus nicht geliebt werden von denen , auf die sie ihr Auge geworfen . Aber was hätte sein können und nicht geworden ist , macht wirklich unglücklich , und kein Trost hilft , daß die Welt weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute wohnen ; denn nur das Gegenwärtige , was man kennt , ist heilig und tröstlich , und es ist jammerschade um jedes totgeborene Lebensglück . Da nun der verliebte Heinrich bei sich ausgemacht hatte , daß Dortchen gar nicht an ihn denke , ward er um vieles ruhiger und befand sich am sechsten Tage seines Lebens in der Wildnis schon so weit , daß er darüber ratschlagen konnte , ob er , zum Danke für ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit , es ihr sagen wolle oder nicht . Er gedachte sich im ersten Falle wieder auf einen unbefangenen und guten Fuß mit ihr zu setzen und ihr alsdann gelegentlich , eh er abreiste und wenn sie einmal recht artig gegen ihn wäre , lachend und manierlich zu gestehen , welchen Rumor sie ihm angerichtet , und ihr zugleich zu sagen , sie sollte sich nicht im geringsten darum kümmern , er habe es ihr nur sagen wollen , um ihr vielleicht eine kleine Freude zu machen , die sie so sehr verdiene ; im übrigen sei nun alles wieder gut und er wohl und munter ! Vor Spott und Schadenfreude war er sicher bei ihr , jedoch tauchte ihm sogleich die Besorgnis auf , man dürfte am Ende ein solches Geständnis doch für eine verkappte ernstliche Liebeserklärung und angelegte Schlauheit ansehen . Diese Idee machte ihn sogleich wieder traurig , da er nun es doch verschweigen mußte , und wie er dies einsah , schien es ihm erst unmöglich zu sein und seine Gemütsruhe nur dann wieder erreichbar , wenn er sein bestandenes Ungewitter bekennen durfte , am liebsten der Erregerin desselben selbst . Auch schien ihr diese Kunde durchaus von Rechts wegen zu gebühren , und Heinrich war ihr so gut , daß er ihr ohne allen Eigennutz nicht das Geringste entziehen mochte , was ihr zukam . Daher rief er endlich » Ich sag es ihr doch ! « Aber dann fürchtete er wieder , es möchte dennoch ein Mißverständnis hervorgerufen werden und er endlich unter einem schlimmen Eindruck aus dem Hause abziehen müssen , und er rief wieder » Nein ! Ich sag es doch nicht ! Was geht es sie an ? « Endlich nahm er ein flaches rundes Steinchen aus dem klaren Bächlein , das auf einer Seite rosenrot und auf der anderen Seite milchweiß gefärbt war mit blauen Äderchen , und warf selbiges in die Höhe . Wenn die rote Seite oben läge , wollte er reden , wenn die weiße , wollte er schweigen . Die weiße Seite lag oben , und Heinrich war wieder ganz unglücklich , als sie da in der Sonne glänzte . » Ach « , flüsterte er , » dies ist nichts ! wer wird alles auf einen Wurf wagen ? Dreimal will ich werfen und dann gewiß nicht mehr ! « Und er warf wieder und abermals weiß . Zögernd und seufzend warf er zum dritten Mal , da glänzte es rot , und ebenso rot ward sein Gesicht , und eine unaussprechliche Freude strahlte auf demselben . » O nun will ich es ihr sagen ! « sagte er , und ein Stein fiel ihm vom Herzen , und er dachte , nun wäre alles gut . Der Herzenskundige wird hier wohl bemerken , daß diese Fröhlichkeit nur von der leisen Hoffnung herrührte , welche sich in Heinrichs Vorsatz mit einschlich , und daß er , ohne es zu wollen , dennoch im Begriffe war , jene Schlauheit zu begehen , welche er sich nicht zuschulden wollte kommen lassen . Es war gerade Sonnabend , und der Tag näherte sich seinem Ende . Er nahm sich also vor , noch bis in die Nacht umherzustreifen und am Sonntagmorgen dann guter Dinge zu sein , wieder ein unbefangenes Gesicht zu machen und , sobald sich der günstige Augenblick böte , ihr unter Scherz und Lachen sein Bekenntnis abzulegen mit der gemessensten Aufforderung , daß sie sich gar nichts daraus machen und die Sache einzig wie eine kleine Morgenerheiterung aufnehmen solle . Der arme Teufel , wie er sich selbst belog ! Der Sonntagmorgen geriet wunderschön , der reine Himmel lachte durch alle Fenster in das helle Haus , und der Garten blühte schon an allen Enden . Heinrich war wirklich guter Dinge und putzte sich sorgfältiger heraus als gewohnt ; er verlor den Mut nicht , da er sich einbildete , nichts erreichen zu wollen , sich allein wie ein Kind auf die herzliche Plauderei freuend , die er ihr vormusizieren wollte , und sich davon ein reines und ungetrübtes Glück und ein ruhiges Leben versprechend . Und es fielen ihm tausend Narrheiten in den Sinn , welche er dazwischenflechten wollte , um Dortchen zu ergötzen , damit sie ja nicht die mindeste Unruhe oder Betrübnis verspüren sollte . So war er in der rosigsten Laune , und das Herz klopfte