so bezaubert , daß er sich nicht enthalten kann , den Philosophen , der die Miene hat als ob er von der innern Verfassung derselben und von ihren unendlichen Vorzügen vor den gewöhnlichen noch viel zu sagen gedächte , etwas rasch zu unterbrechen . Von allem diesem , meint er , wüßten sie bereits genug , um sich das , was etwa noch zurückgeblieben sey , selbst sagen zu können ; die große Frage , auf welche alles ankomme , sey itzt bloß : ob diese herrliche Republik unter die möglichen Dinge gehöre ? Sokrates stellt sich , nach seiner Gewohnheit , als ob ihm diese Frage sehr ungelegen komme ; er spricht von dem Unternehmen sie zu beantworten als von einem halsbrechenden Wagestück , und sucht das Ansinnen seines jungen Freundes dadurch von sich abzulehnen , daß er ihn bereden will , seine Republik könnte als Ideal und Kanon , woran man die Grade der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit aller gegenwärtigen und künftigen Republiken messen könne , immer noch gute Dienste thun , wenn gleich ihre Möglichkeit nicht erwiesen werden könnte . Meinst du etwa ( fragt er den Glaukon ) , ein Maler , der das Modell eines vollkommen schönen Mannes oder Weibes in der höchsten Vollendung seiner Kunst aufgestellt hätte , würde darum ein schlechterer Maler seyn , wenn er nicht zu zeigen vermöchte , wie es möglich sey , daß ein Mensch so schön seyn könnte ? Diese Ausflucht ist , mit Platons Erlaubniß , ein bloßer Taschenspielerkniff ; denn es ist ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen dem Maler , von dem er hier spricht , und zwischen ihm selbst als Maler der vorgeblichen vollkommensten Republik . Freilich braucht z.B. Zeuxis die Möglichkeit seiner Helena nicht zu beweisen ; aber warum dieß ? Weil er sie uns unmittelbar vor die Augen gestellt hat , und ( vorausgesetzt ihre Schönheit sey in der That untadelig ) jedermann , der sie anschaut , sich selbst gestehen muß , er verlange nichts Schöneres zu sehen . Damit ist denn auch jedermann zufrieden , und kümmert sich wenig darum , ob jemals ein sterbliches Weib eine so schöne Tochter geboren hat oder künftig gebären wird ; genug , daß uns der Maler von der Möglichkeit einer so hohen Schönheit durch den Augenschein überzeugt hat . Es fehlt aber viel , daß es mit Platons Republik derselbe Fall sey ; der Augenschein ist nicht zu ihrem Vortheil ; die Stimmen der Anschauer sind wenigstens sehr getheilt , und gegen einen , der sie so herrlich findet als sie unserm in sein eignes Werk verliebten Pygmalion vorkommt , sehen wir zwanzig , denen sie ein sehr unvollständiges , übel mit sich selbst übereinstimmendes , überladenes und unnatürliches Phantom von einer Republik scheint , von welcher der Strenge nach zu beweisen ist , daß ihres gleichen unter den Menschen , so lange sie ihre dermalige Natur behalten werden , weder entstehen , noch , wofern sie auch ( wie andere Mißgeburten ) durch eine zufällige Verirrung der Natur jemals ans Tageslicht kommen sollte , lange genug leben könnte , daß es der Mühe werth wäre zu sagen sie sey da gewesen . Der Platonische Sokrates kann sich also der Pflicht , die Möglichkeit seines politischen Kanons darzuthun , mit Recht nicht entziehen ; und er selbst scheint dieß so gut zu fühlen , daß er dem ehrlichen , durch seine Induction zu schnell irre gemachten Glaukon von freien Stücken einen Vorschlag zur Güte thut , indem er ihn fragt : ob er zufrieden seyn wollte , wenn ihm gezeigt würde , wie eine seinem Ideale wenigstens sehr nahe kommende Republik zur Wirklichkeit gelangen könnte ? Glaukon ist so billig sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen , und Sokrates rückt , nach mehrmaligem Achselzucken , dem vorgeblichen halsbrechenden Wagestück so nahe , daß er bekennt : um allen unsern Republiken eine andere ungleich bessere Gestalt zu geben , bedürfte es nur einer einzigen Veränderung ; aber freilich wäre dieses Einzige weder etwas Kleines noch Leichtes , wiewohl nichts Unmögliches . - » Und was ist es denn ? « fragt Glaukon . - Weil es doch einmal heraus muß , erwiedert jener , will ich es ja wohl sagen , wiewohl ich Gefahr laufe , von dem ausgelassensten Gelächter , wie von einer ungeheuren Welle , überschwemmt und in den Grund gelacht zu werden ; - es ist : » so lange nicht entweder die Philosophen die einzigen Regenten der Staaten sind , oder diejenigen , die man gegenwärtig Könige und Gewalthaber nennt , wahrhaft und in ganzem Ernst philosophiren , so daß die höchste Gewalt im Staat und die Philosophie in einem und eben demselben Subject zusammentreffen , und alle , die sich nur auf eine von beiden beschränken , schlechterdings von der Staatsverwaltung ausgeschlossen werden : so lange , lieber Glaukon , ist gegen die Uebel , welchen die bürgerliche Gesellschaft , ja das ganze Menschengeschlecht unterliegt , kein Rettungsmittel , - und bis es dazu kommt , wird auch die Republik , von welcher bisher die Rede zwischen uns war , weder möglich werden , noch das Licht der Sonne sehen ! « In der That hatte der verkappte Plato hohe Ursache , ungern mit einer Behauptung herauszurücken , von welcher so leicht vorauszusehen war , daß sie eben so stark gegen alle herrschenden Begriffe und Vorurtheile als gegen das Interesse der jetzigen Machthaber anrannte , und wenn sie gleich bei den meisten nur ein lautes Gelächter über ihre Ungereimtheit erregen würde , von den dermaligen Regierern selbst , als eine gefährliche und nur durch die politische Nullität unsers Philosophen verzeihlich gemachte Lehre , mit Unwillen angesehen werden müßte . Aber auf was für einen Empfang mußte er sich erst gefaßt halten , nachdem man aus dem folgenden sechsten und siebenten Buch verständigt worden war , was er unter dieser Philosophie und diesen Philosophen , welche die Welt ausschließlich regieren sollten , verstehe ! Daß er nämlich keine andre Philosophie für ächt