Ihnen nicht eben auch Alles vergäbe ... Melanie verfiel in ein ernstes Sinnen . Es war ihr , als riefe in ihr eine teuflische hohnlachende Stimme : Entweder also Hackert oder Egon ! Dazwischen gibt es nichts ... Pauline sah auf das türkische Zelt , wo noch immer Werdeck und Schlurck flüsterten ... Der Sanitätsrath sprach gerade am lautesten . Er unterhielt die Gesellschaft durch manche Mittheilungen aus den höhern Kreisen , in denen er sich bewegte und die er ohne indiscret zu sein wiederholen konnte . Dem größeren Theile der Anwesenden hatte aber der Major Werdeck die Unbefangenheit genommen ; man glaubte , in keinem reinen Wasser mehr zu sein . Hier stritt man nicht gern , sondern handelte . Die Enragirtesten scharten sich zur Trompetta und Flottwitz und sprachen oft so leise , daß der Geheimrath glaubte , es fehlte wol irgend an etwas und die Bedienten rief . Harder ' s Anblick war es dann , der Melanie ' s erschreckte Lebensgeister weder schürte und ihr Gelegenheit gab , eine leidliche Unbefangenheit zu sammeln , um sich mit dem hinterlassenen Eindrucke , daß sie dem Rufe ihrer Liebenswürdigkeit vollkommen entspräche , vielleicht bald zu entfernen . Pauline , die diese Absicht merkte , hielt sie aber fest und schien sie veranlassen zu wollen , nach dem türkischen Zelte zu folgen . Was hat der Justizrath nur mit dem Major ? sagte sie lauschend . Man hörte die abgerissenen Worte aus dem leisen Gespräche : Kaminska ... Sibirien ... Kloster zum Herzen Jesu ... Frankreich ... Schwester Jagellona ... Vermögensvertheilung ... Certificate ... Leidenfrost ... Depositalgelder ... Geschäftssachen ! sagte Melanie . Der arme Vater ist geplagt ! Selbst hieher verfolgt ihn die stündliche Mühe und Sorge ! Pauline wußte aber nicht , daß sie nur das Wort Leidenfrost verscheuchte - weil sie durch diesen Namen an ein Bild erinnert wurde , das ihr die schmerzlichsten Empfindungen weckte ... Melanie ging im Saal auf und ab . Als sie zurückkehrte , war ihr Vater verschwunden , Werdeck im Gespräche mit Paulinen ... Sie mußte Heinrichson und Reichmeyern Rede stehen , die von ihrer Reise hören wollten , von ihren Plänen , die Malerei fortzusetzen , von ihren Aussichten für die Geselligkeit des Winters ... Sie antwortete zerstreut , nicht in gewohnter Laune . Es war ihr zu geräuschvoll geworden , sie war nicht mehr der Mittelpunkt des Cirkels , die Zudringlichkeit des Geheimraths verhinderte ihre Triumphe und sie fühlte plötzlich , daß eine ungeheure Last sie drückte . Es drängte sie mit tausend Stimmen , die innerlich riefen : Fort ! Fort ! Sie ergriff die Hand der Geheimräthin . Gute Nacht , Excellenz ! sagte sie . Keine Förmlichkeiten , meine Liebe ! Aber Sie wollen wirklich gehen ? Pauline erklärte , sie hätte noch auf ein tête a tête am Schluß des Abends mit ihr gehofft ... Ich bin noch von der Reise ermüdet ... sagte Melanie . Ich rechnete auf eine vertrauliche Annäherung ... Sie sind zu gnädig ... Erhalten Sie mir diese Gesinnung ! Nun denn , sagte Pauline und zog das ihr räthselhafte Mädchen noch einen Augenblick bei Seite ; soviel ich Sie heute kennen gelernt habe , liebe Melanie , gehören Sie zu den Unruhigen und Strebenden ! Sie haben ein Herz und fürchten , von ihm getäuscht zu werden . Die Philosophie Ihres geistreichen Vaters , den ich so hoch verehre und der mir täglich neue Beweise seiner Anhänglichkeit gibt , hat Ihnen zu früh schon den Blütenstaub vom Leben gestreift : überall fürchten Sie Illusionen ! Fürchten Sie nicht zu lange , wagen Sie ! Illusionen sind dazu da , daß man sie überwindet und sich in seinem Charakter stärkt . Es hilft nichts , Sie müssen schon einmal sich entschließen , einem Schmerze die Brust darzureichen , nicht ihm aus dem Wege zu gehen . Vertrauen Sie manchmal einem Freunde , einer Freundin ! Wählen Sie mich dazu ! Ich bin so eine alte Wetterfahne , die schon lange im Sturme des Lebens steht und andern Menschen zeigen kann , woher der Wind und die Lüfte kommen und die - nicht selbst mehr an ihren Sitz gelangt . Ich weiß , wie es in jungen Knospen wogt und stürmt und wie die holden Blätter , die zu schlummern scheinen , im Aufruhr sind ! Mein Leben ist Erinnerung . Nutzen Sie manchmal diese stille Arbeit meines Kopfes und Herzens . Sie finden eine Mildthätige , die nicht für sich , auch für die Andern sammelte . Diese ungemein weich und fast lieblich vorgetragenen Worte erschütterten Melanie . Dennoch konnte sie nicht umhin , während Pauline so sprach , einen lächelnden Seitenblick auf den jungen Adonis Heinrichson hinüberzuwerfen . Ach , auch Pauline verstand dies Lächeln und erwiderte es mit einem gewissen schwärmerisch gelassenen Blicke , als wollte sie sagen : Der Schatz der Liebe ist ja unergründlich ! ... Auch der Ludmer erwies Melanie , die ihre Stellung kannte , viel Artigkeit und Pauline konnte , als das junge Mädchen endlich verschwunden war , nicht läugnen daß Helene d ' Azimont einen großen Kampf würde zu bestehen haben , wenn wirklich Melanie entweder unmittelbar mit Egon oder durch jenen räthselhaften Freund , Dankmar Wildungen , mit ihm in Verbindung stand . Die Gesellschaft löste sich nun auf . Werdeck ' s Rückkehr aus dem türkischen Zelte brachte nur Zündstoff zu Hader und Streit . Seine kaustische , scharfe Art verwundete nach allen Seiten und die Flottwitz stritt mit einer Heftigkeit , daß die Grazien flohen . Drommeldey war längst schon zu Egon ' s Krankenbett ins Hohenberg ' sche Palais gefahren , Graf Franken in die » kleinen Cirkel « . Graf Brenzler , Baron von Ried hielten nicht mehr Stand gegen die scharfe Logik des Majors . Endlich ging auch dieser , nachdem er Paulinen viel Artiges gesagt und die universale Geschäftsthätigkeit des Justizraths bewundert hatte , der ihm einen Kopf wie ein Repositorium mit tausend Fächern zu