sich durch tapfere Thaten auszuzeichnen . Wer , der den ehrwürdigen Sohn des Sophroniskus gekannt hat , muß sich nicht in Platons Seele schämen , wenn er seinen untergeschobenen Sokrates zum Gesetz machen läßt : » daß es , so lange ein Feldzug daure , niemanden erlaubt seyn solle , sich den Küssen eines ausgezeichneten Braven zu entziehen , damit dieser , der Gegenstand seiner Leidenschaft möge nun ein Mann oder ein Weib seyn , desto mehr angereizt werde , nach dem ersten Preis der Tapferkeit zu ringen ? « - Dieß ist doch wohl eine von den Stellen , deren ich oben erwähnte , wo der verkappte Sokrates seines angenommenen Charakters plötzlich vergißt , und in den sich selbst spielenden Plato zurücksinkt ? Noch ein Beispiel von Widerspruch mit sich selbst ist mir im sechsten Buch aufgefallen , wo er über die parasitische Gefälligkeit der Sophisten gegen die Vorurtheile , Neigungen und Unarten des großen Haufens ( d.i. dessen , was man in demokratischen Staaten den Pöbel , oder mit einem urbanern Wort das Volk nennt ) , und die schädlichen Eindrücke , die dadurch auf die Jugend gemacht würden , viel Wahres sagt , und bei dieser Gelegenheit von dem besagten großen Haufen unter dem Bild eines großen und starken Ochsen oder Bullenbeißers eine wahrlich nicht geschmeichelte Schilderung macht , sondern ihm ohne alle Schonung so viel Böses nachsagt , daß Timon der Menschenhasser selbst damit hätte zufrieden seyn können ; bald darauf aber , da seine Convenienz erfordert die Sache von einer andern Seite in einem mildern Lichte zu sehen , die Partei des nämlichen großen Haufens nimmt , von ihm als einem gar sanften gutartigen Thiere spricht , und alle Schuld seines Hasses gegen die ächten Philosophen auf die unächten schiebt . Uebrigens ist es eine glückliche Eigenheit unsers Philosophen , daß er nach jeder beträchtlichen Verfinsterung , die er , so oft seine Phantasie zwischen seinen Verstand und seine Leser tritt , zu erleiden scheint , sich sogleich durch irgend eine desto glänzendere Ausstrahlung wieder in die ihm gebührende Achtung zu setzen weiß . Ein Beispiel hiervon ist in diesem fünften Buch die Vorschrift , wie seine Staatsbeschützer sich im Kriege gegen den Feind zu verhalten haben ; eine Gelegenheit , die er mit eben so vieler Feinheit als Freimüthigkeit benutzt , um den Griechen seiner Zeit einen Spiegel vorzuhalten , worin sie vor ihren eigenen Augen als eine rohe Art von Barbaren erscheinen müssen , deren gewohntes Verfahren in ihren ewigen Fehden unter einander mit den Regeln einer gesunden Staatsklugheit nicht weniger als mit den Gesetzen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit in dem auffallendsten Widerspruch steht . Diese Stelle ist , meines Erachtens , eine der schönsten in diesem ganzen Werke , und du wirst mir hoffentlich zugeben , Eurybates , daß die Schuld nicht an Plato liegt , wenn er durch die heilsamen Wahrheiten , die er euch darin stärker und einleuchtender als irgend einer von euern Rednern ans Herz legt , seiner Vaterstadt und der ganzen Hellas nicht den wesentlichsten Dienst geleistet hat . Daß dieß wenigstens seine Absicht war , ist um so weniger zu bezweifeln , da dergleichen Seitenblicke auf seine Zeitgenossen und Mitbürger in diesem Dialog häufig genug vorkommen , um uns über einen der wichtigsten Zwecke des Ganzen einen bedeutenden Wink zu geben . Was ich gleich anfangs meiner Briefe über die Republik Platons gegen den Vorwurf , daß es diesem Werk an kunstmäßiger Anordnung fehle , erinnert habe , scheint sich unter andern auch durch die feinen Wendungen zu bestätigen , womit der Verfasser gegen das Ende des fünften Buchs dem Dialog unvermerkt eine solche Richtung gibt , daß er eine ( dem Anschein nach ) ungesuchte Gelegenheit erhält , in den beiden folgenden Büchern die Grundlehre seiner ganzen Philosophie auf eine faßlichere und poetischere Art , als in andern seiner frühern Dialogen , vorzutragen ; eine Gelegenheit , die er , wiewohl sie ihn von dem Hauptgegenstand entfernt , und zu einer weitläufigen episodischen Abschweifung verleitet , um so weniger aus den Händen läßt , weil die Abschweifung in der That bloß anscheinend und vielmehr das einzige Mittel ist , seiner Republik eine Art von hypothetischer Realität zu geben , woran wenigstens alle die Leser sich genügen lassen können , die der magischen Täuschung eben so willig und zutraulich als die beiden Söhne Aristons entgegen kommen . Daß er uns übrigens auch auf diesem Spaziergang , den wir mit ihm machen müssen , durch eine Menge unnöthiger Krümmungen in einem unaufhörlichen Zickzack herumführt , der uns das Ziel , worauf wir zugehen , immer aus den Augen rückt , ist nun einmal die Art des Platonischen Sokrates , die man sich , insofern sie zuweilen das Interesse des Dialogs unterhält und erhöht , recht gern gefallen ließe , wenn er nur einiges Maß darin halten wollte ; denn wirklich ist es oft schwer sich einer Anwandlung von Ungeduld zu erwehren , wenn er bald einen Satz , wie z.B. » Seyn ist von Nichtseyn verschieden « in eine oder zwei Fragen verwandelt , bald die schlichtesten Fragstücke auf eine so spitzfindige und verfängliche Art vorbringt , daß man sich keine andere Absicht dabei denken kann , als das schale Vergnügen , den Gefragten in Verlegenheit zu setzen und zu einer einfältigen Antwort zu nöthigen . Bei allem dem muß ich gestehen , daß etwas Attisches in dieser Art sich in Gesellschaften mit einander zu unterhalten ist , und ich zweifle nicht , Eurybates , daß dir die Pseudo-Sokratische Manier , wie Plato diese neckische Art von Ironie in seinen Dialogen behandelt , wenn gleich nicht immer angenehm , doch gewiß bei weitem nicht so auffallend vorkommen wird als mir . Dieß sey also das letztemal daß ich darüber wehklage , wiewohl in den fünf Büchern , die ich noch vor mir habe , die Anreizung dazu oft genug vorkommen wird . Und nun wieder in unsern Weg ! Glaukon scheint von der Schönheit der neu errichteten Republik