Reinhold errieth sie sofort . „ Und allein deshalb gingst Du ? “ sagte er endlich langsam . „ Willst Du mich täuschen mit dem Vorwande oder vielleicht Dich selber ? Ich sehe , das Gerücht hat bereits bis zu Dir seinen Weg gefunden , Du hast mit eigenen Augen sehen wollen – natürlich ! Wie konnte ich auch glauben , daß es mir und Dir erspart bleiben würde ! “ Ella blickte auf . Das war wieder die finster umschattete Stirn , die sie stets an ihren Gatten zu sehen gewohnt war , der Blick düsterer Schwermuth , der Ausdruck eines trotzig niedergehaltenen Leidens , kein Hauch mehr von jenem strahlenden Triumphe , der vor wenig Stunden seine Züge so verklärte ; das war ja draußen gewesen , fern von den Seinen ; für die Heimath blieb nur der Schatten übrig . „ Warum antwortest Du nicht ? “ begann er von Neuem . „ Denkst Du , ich wäre Feigling genug , die Wahrheit abzuleugnen ? Wenn ich sie Dir bisher verschwieg , so geschah es aus Schonung für Dich ; jetzt , wo Du sie kennst , werde ich Dir Rede stehen . – Man hat Dir von der jungen Künstlerin erzählt , der ich die erste Anregung zum Schaffen , meinen ersten Erfolg und den heutigen Triumph danke . Man hat Dir das Verhältniß zwischen uns , Gott weiß wie , geschildert , und Du hältst das nun natürlich für ein todeswürdiges Verbrechen . “ „ Nein . Aber für ein Unglück . “ Der Ton dieser Worte hätte wohl Jeden entwaffnet ; auch Reinhold ’ s Gereiztheit hielt nicht Stand davor . Er trat ihr näher und ergriff ihre Hand . „ Armes Kind ! “ sagte er mitleidig . „ Ein Glück war es freilich nicht , was der Wille Deines Vaters Dir bestimmte . Du mehr als jede Andere bedurftest eines Gatten , der Tag für Tag im ruhigen Kreislaufe der Alltäglichkeit wirkt und schafft , ohne auch nur mit einem Wunsche darüber hinauszureichen , und gerade Dich hat das Schicksal an einen Mann gekettet , den es gewaltsam fortreißt auf andere Bahnen . Du hast ganz Recht : das ist ein Unglück für uns Beide . “ „ Das heißt : ich bin es Dir , “ ergänzte die junge Frau tonlos . „ Sie freilich wird es wohl besser verstehen , Dir Glück zu geben . “ Reinhold ließ ihre Hand fallen und trat zurück . „ Du bist im Irrthum , “ versetzte er beinahe rauh , „ und verkennst vollständig das Verhältniß zwischen Signora Biancona und mir . Es ist ein rein ideales gewesen vom ersten Augenblicke an , und ist es noch bis zu dieser Stunde . Wer Dir etwas Anderes gesagt hat , ist ein Lügner . “ Es schien , als wolle Ella aufathmen bei den ersten Worten ; aber bei den nächsten schon zog sich ihr Herz wie im Krampfe zusammen . Sie wußte , daß ihr Gatte keiner Lüge fähig sei , am wenigsten in solchem Augenblicke , und er sagte ihr , das Verhältniß sei ein ideales . Noch war es das , daran zweifelte sie nicht , aber auf wie lange ? Sie hatte heute Abend im Theater selbst die dämonischen schwarzen Augen leuchten sehen , denen so leicht nichts widerstand , hatte gesehen , wie jene Frau in ihrer Rolle die ganze Stufenleiter der Empfindungen bis zur höchsten Leidenschaft hinauf durchlief , wie diese Leidenschaft das Publicum zum Beifallssturme fortriß , und sie konnte sich unschwer sagen , daß , wenn es der Italienerin beliebt hatte , bisher nur die beglückende Muse zu sein , die den jungen Tondichter an ihrer Hand in das Reich der Kunst einführte , wohl die Stunde kommen werde , wo sie ihm etwas Anderes sein wollte . „ Ich liebe Beatrice , “ fuhr Reinhold mit einer Aufrichtigkeit fort , von deren Grausamkeit er in der That keine Ahnung zu haben schien , „ aber diese Liebe kränkt und verletzt keines von Deinen Rechten . Sie gilt der Musik , als deren verkörperter Genius sie mir entgegentrat , gilt dem Besten und Höchsten in meinem Leben , dem Ideale – “ „ Und was bleibt dann noch für Dein Weib übrig ? “ unterbrach ihn Ella . Er schwieg betroffen . Die Frage , so einfach sie war , klang doch eigenthümlich in dem Munde seiner für so beschränkt gehaltenen Gattin . Es war ja selbstverständlich , daß sie sich mit dem begnügen mußte , was noch übrig blieb , mit dem Namen , den sie trug , und dem Kinde , dessen Mutter sie war . Sie schien das seltsamerweise gar nicht begreifen zu wollen , und Reinhold verstummte völlig vor dem ruhigen und doch vernichtenden Vorwurfe dieser Frage . Die junge Frau stützte die Hand auf den Flügel . Sie kämpfte sichtbar mit der Furcht , welche sie von jeher vor ihrem Manne gehegt , dessen geistige Ueberlegenheit sie tief empfand , ohne gleichwohl je den Versuch zu wagen , sich zu ihm zu erheben . In dem Bewußtsein , daß er hoch über ihr stehe , hatte sie sich ihm stets unbedingt untergeordnet , ohne damit jemals etwas Anderes zu erreichen , als eine Duldung , die nahe an Verachtung streifte . Jetzt , wo er eine Andere liebte , hörte die Duldung auf ; die Verachtung war geblieben – das fühlte sie deutlich aus seinem Geständnisse heraus , das er so ruhig , so sicher that ; seine Liebe zu der schönen Sängerin „ kränkte und verletzte ja keines von ihren Rechten “ ; sie hatte ja überhaupt kein Recht an sein geistiges Leben . Und diesen Mann sollte sie festhalten , jetzt , wo ihm die Liebe einer schönen , von aller Welt gefeierten Künstlerin , wo ihm der Zauberschein Italiens , wo ihm eine Zukunft voll Ruhm und Glück winkte , sie , die nichts zu geben hatte ,