ich hätte mich in den Schutz meines Lehrers geflüchtet , der bereit war , mit seiner ganzen Energie für mich einzutreten . Statt dessen riß ich mich von ihm los , trotzdem ich alles zurücklassen mußte , woran mein Herz hing , trotzdem ich das Leben kannte , das meiner wartete . Wenn das ein Irrtum war , – ich habe ihn schwer genug gebüßt in den letzten vier Jahren ! « Er schwieg , überwältigt von der Erregung . Alexandrine schüttelte leise den Kopf . » Ich begreife es , daß man Märtyrer seines Pflichtgefühls werden kann , aber Sie taten dennoch unrecht . Mit dem Märtyrertum , mit dem bloßen Dulden , erringt man nichts Großes im Leben , das fordert die volle Kraft und oft genug auch die volle Härte des Charakters . Sie hatten eine Künstlerlaufbahn einzusetzen , und für diese ist die Freiheit so notwendig , wie für uns andere die Luft zum Atmen . Sie mußten und müssen sich diese Lebenslust erkämpfen . um jeden Preis , wenn Sie ein echter Künstler sind ! « – » Wenn ich es bin ! « sagte Siegbert düster . » Das ist eben die Frage . « » Halten Sie sich nicht dafür ? « » Nein . « Es war nur ein einziges , kurzes Wort , aber das ganze Weh eines verfehlten und verlorenen Lebens lag in diesem Nein . Alexandrine erhob sich und trat an seine Seite . » Da tun Sie sich selbst das schwerste Unrecht , Herr Holm . Wenn Sie nicht an Ihr Talent glauben , so glauben andere daran , und diesen dürfen Sie vertrauen . « » Wer glaubt an mich ? « fragte Siegbert , sie erstaunt anblickend . » Ihr Lehrer , dessen Urteil Ihnen doch wohl am höchsten steht . « » Professor Bertold ? Unmöglich ! « » Weshalb unmöglich ? « » Weil er sich trotz all seiner Vorliebe für mich doch nie zu einer Unwahrheit herablassen wird . Ich habe bereits sein Urteil über meine letzten beiden Gemälde empfangen . Es war verdient , ich weiß es , aber es hat mich doch vernichtet . « Alexandrine blickte auf ihre Skizzenmappe nieder , und ihre Stimme gewann eine eigentümliche Unsicherheit , als sie antwortete : » Ich kenne jene Gemälde nicht , sie mögen verfehlt sein , es ist aber auch von ihnen nicht die Rede . Es handelt sich um gewisse – Studien und Zeichnungen , die Professor Bertolt für genial erklärt . « » Um Studien ? Aber er hat ja nicht einmal einen Blick in meine Skizzen getan , und es war auch nichts darunter , was ich – « Er hielt inne , denn wie ein Blitz kam ihm auf einmal die Erkenntnis des wahren Zusammenhanges . » Mein Gott , jenes Buch , das ich im Walde verlor – der Professor war dort , er leugnete es mir zwar ab – sollte er es dennoch gefunden haben ? « Alexandrine neigte nur bejahend das Haupt , sie konnte der glühenden Röte nicht wehren , die ihr Antlitz überflutete . » Und Ihnen hat er davon gesprochen , hat es Ihnen vielleicht sogar – ? « Er vollendete nicht , denn er sah es , daß hier nichts mehr zu verbergen und abzuleugnen war , daß Bertold ihn und sein Geheimnis verraten hatte . Es folgte eine sekundenlange Pause , die mit beklemmender Gewalt auf beiden lastete . Keines sprach , keines wagte zu sprechen , endlich beugte sich Alexandrine zu der Mappe nieder und zog das vermißte Buch hervor . » Hier sind Ihre Zeichnungen , Herr Holm . Sie wurden mir anvertraut , wollen Sie dieselben von mir zurücknehmen ? « Er nahm das Buch nicht , das sie ihm reichte , sein Auge hing in atemloser Spannung an ihren Zügen . » Aus Ihren Händen ! Und Sie zürnen mir nicht ? Zürnen diesen Blättern nicht ? Es ist nicht meine Schuld , daß Sie davon Kenntnis erhielten , ich hielt sie verborgen , selbst vor Bertolds Augen . « » Daraus eben macht er Ihnen einen Vorwurf . Er meint – « » Ich frage nichts danach , « fiel ihr Siegbert ungestüm ins Wort . » Ich frage nur nach Ihrem Urteil und sonst nach nichts auf der ganzen Welt ! Sprechen Sie ein Wort , und ich vernichte vor Ihren Augen diese Blätter , vernichte mit ihnen meinen letzten Künstlertraum , mein letztes Sehnen nach Leben und Glück . Sprechen Sie mein Urteil , Alexandrine : ob es auf Leben oder Tod lauten mag , – ich beuge mich Ihrem Spruch ! « Alexandrine hob den gesenkten Blick empor , es schimmerte feucht darin , aber durch diesen feuchten Schleier strahlte ein Glanz , der die Antwort gab , noch ehe ihre Lippen sie aussprachen . » Sie dürfen diese Skizzen nicht vernichten ! Ich will es nicht , aber ich will sie auch nicht in anderen Händen wissen , als in den meinen . Lassen Sie mir das Buch , ich werde es Ihnen zurückgeben , wenn – « » Wenn – « wiederholte Siegbert mit stockendem Atem , als könne jedes seiner Worte den Zauber zerstören , der ihn wie mit berauschender Gewalt umfing . » Wenn Siegbert Holm eingelöst hat , was er bis jetzt noch seinem Talent und seiner Zukunft schuldig geblieben ist , wenn er das geworden ist , was sein Lehrer und ich von ihm erwarten , ein wahrer , ein großer Künstler ! Dann lösen Sie auch diese Blätter wieder ein , ich – werde sie Ihnen nicht verweigern ! « Ein halb unterdrückter Ausruf des Jubels brach von den Lippen des jungen Mannes . Das Skizzenbuch fiel unbeachtet zu Boden , er selbst aber hatte die Hand der Geliebten ergriffen und drückte stürmisch seine Lippen darauf . Er wußte es ja jetzt , was ihm verheißen war und was er zu erringen hatte .