s eben nicht fassen , daß erwachsene Leute um ein Kind herumscharwenzeln , seine Launen ertragen und sein kindisches , unreifes Tun und Wesen am liebsten für pure Weisheit ausgeben möchten , bloß weil es hochgeboren ist – da hat mein lieber Mann doch ganz recht , wenn er sagt , in solchen Fällen würde allemal die menschliche Würde mit Füßen getreten ... Und da soll ich nun meinen Kinderchen , die so frisch und fröhlich in die Welt gucken und noch keine Ahnung davon haben , was die Menschen sich alles antun , um das › Mein und Dein ‹ und das › Hoch und Niedrig ‹ – ja , ich soll den unschuldigen Dingern auf einmal einbleuen , das kleine , hilflose Geschöpf , das noch Wartung und Aufsicht braucht , wie sie , das noch so wenig weiß und erfahren hat , das auch ganz gehörig unartig sein kann und Strafe verdient – das sollten sie mit so respektvollen Augen ansehen , womöglich gar wie – Vater und Mutter ? Das geht nicht – sie würden es gar nicht einmal verstehen , so wenig wie – ich selber . « Frau von Herbeck erhob sich . » Nun , meine liebe Frau Pfarrerin , das ist Ihre Sache ! « sagte sie schneidend . » Die Früchte dieser allerliebsten Erziehungsweise werden Sie einmal recht erkennen lernen , wenn – Ihre Söhne Karriere machen wollen ! « » Sein tägliches Brot wird ja wohl ein jeder finden « , entgegnete die Pfarrerin vollkommen ruhig . » Meine Kleinen werden in Gottesfurcht streng zu Fleiß und Tätigkeit angehalten – und dann mag ' s kommen , wie ' s will ! Lieber ist mir ' s doch , wenn sie schlecht und recht von ihrer Hände Arbeit leben , als daß ich dereinst denken müßte , sie hätten sich durch Kriecherei und Heuchelei fette Stellen erschlichen . « Draußen fuhr unter hellem Schellengeläute der Schlitten vor , der die kleine Gräfin und ihre Gouvernante nach Hause bringen sollte . Gisela trat in die Tür und reichte der Pfarrerin das Märchenbuch hin ... Wie eigenartig war doch der Charakter dieses Kindes ! Weder die zärtlich einschmeichelnde Frau von Herbeck noch irgend jemand der Umgebung konnte sich je eines Liebesbeweises von seiten der Kleinen rühmen ; scheu und finster wich sie jeder Berührung aus und wies selbst die Liebkosungen des Stiefvaters hartnäckig zurück – und jetzt stellte sie sich plötzlich auf die Zehen , streckte die mageren Arme empor und legte sie um den Nacken der Frau , deren Wesen ein so unbestechlich gerades war , die dem hochgeborenen Kinde nie eine Spur der gewohnten Huldigung und Vergötterung entgegenbrachte . Die Pfarrerin küßte überrascht den dargebotenen kleinen Mund . » Behüt ' dich Gott , mein liebes Kind , werde recht brav und wacker ! « sagte sie – ihre volltönende Stimme schmolz in Weichheit – sie wußte ja , daß die Kleine das Pfarrhaus nicht wieder betreten würde . Frau von Herbecks Gesicht wurde ganz blaß bei diesem unvorhergesehenen Auftritt , aber sie war gewohnt , die seltenen Momente einer selbständigen Gefühlsäußerung des Kindes gegen andere lediglich für kleine , ihr selbst geltende Bosheiten zu halten , und deshalb bemühte sie sich , » diese kindische Demonstration « durch ein kalt-gleichgültiges Lächeln zu entwaffnen . Die » widerwärtige Szene « wurde ja in diesem Augenblick ohnehin abgekürzt durch einen Lakaien , der , den Arm voll Schals und Mänteln , mit abgezogenem Hut in die Stube trat . » Tragen Sie die Sachen in Fräulein von Zweiflingens Zimmer ! « herrschte ihn Frau von Herbeck an ; dann nahm sie Giselas Hand , neigte den Kopf freundlich herablassend und sagte in ihrem verbindlichsten Ton zu der Hausfrau : » Meinen besten Dank für den reizenden Weihnachtsabend , meine liebe Frau Pfarrerin ! « Sie verließ das Zimmer und eilte in einer fast fieberhaften Ungeduld den anderen voraus über Treppe und Vorsaal , für einen Moment der Grazie , Würde und selbst der peinlichen Rücksicht verlustig , die sie sonst unter allen Umständen für ihre Toilette hatte – der starre , elegant bordierte Kleidersaum schleifte Rosamundes wahrhaft künstlerisch verteilte Sandbrocken kollernd weiter auf den noch nassen Dielen . Droben aber in Juttas Stübchen blieb sie einen Augenblick bildsäulenartig stehen , dann ließ sie sich wie zerbrochen auf einen Stuhl fallen . Sie war außer sich . » Nur noch einige Minuten muß ich hier bleiben , liebstes Fräulein Jutta ! « rief sie , tief Atem schöpfend . » Ich darf unmöglich in diesem aufgeregten Zustand nach Hause kommen und mich vor unseren Leuten sehen lassen – diese müßigen Augen und Mäuler belauern und bemängeln einen ohnehin auf Tritt und Schritt ... Fühlen Sie meine Wangen an , wie sie glühen ! « Sie preßte ihre weißen Hände abwechselnd an Stirne und Schläfe , als wolle sie das aufgestürmte Blut beschwichtigen . » Gott im Himmel , war das ein entsetzlicher Abend ! « rief sie aus – sie warf das Haupt schüttelnd zurück und starrte an die Zimmerdecke . » Nie , solange ich atme , bin ich gezwungen gewesen , in einer so – verzeihen Sie – erniedrigenden Umgebung auszuhalten ! ... Was alles habe ich geduldig anhören müssen ! ... Diese gemeine Person , mit welcher Ungeniertheit sie ihre Ansichten auskramte , Ansichten , die ihrem › lieben Mann ‹ Amt und Brot kosten können ! Sie mag sich nur vorsehen , die überkluge Frau ! ... Und diese unendliche Salbung , diese mit Gottesfurcht und Frömmigkeit gespickten Reden ! Schon um deswillen ist mir das sogenannte › Wort Gottes vom Lande ‹ stets ein Greuel gewesen , weil es sein – rund herausgesagt – › Handwerk ‹ ewig auf dem Präsentierteller herumträgt ! « Sie erhob sich und ging einigemal auf und ab . » Sagen Sie selbst , Kindchen « , hob sie nach einem momentanen Schweigen wieder an und legte , stehen bleibend , die