eiserne Kellerthür bedeckten – sie hüteten die Champagnerflaschen des Kommerzienrats , während droben Tausende und aber Tausende hinter kaum erkennbarem , zierlichem Verschlusse lagen . Das historische Pulver aus dem dreißigjährigen Kriege lag auch noch drunten , lediglich um deswillen von Seiten des Kommerzienrats geduldet , wie Henriette boshaft behauptete , um wißbegierige Besucher nebenbei auch die kostbaren Weinsorten im kühlen , trockenen Turmkeller sehen zu lassen . … Und das war ’ s , was Käthe den alten Heimathboden , auf welchem ihre Kindheit sich abgespielt , fast unkenntlich machte , dieses Sichsehenlassen , dieses Berechnen des Effectes nach außen in kostspieligen Neuerungen , das fieberhafte Streben , die Welt auch wissen zu lassen , daß das Postament , welches man erklommen , ein goldenes sei – das Alles schlug den Geist der ehemaligen alten Firma Mangold geradezu in das Gesicht ; sie hatte nie ihren gediegenen Wohlstand als „ blendenden Goldregen “ aus den altfränkischen Truhen aufsteigen lassen ; ebenso wenig durfte zu Banquier Mangold ’ s Lebzeiten die Geldmacht im Familienkreise dominieren ; ein so pünktlicher Chef er auch in seinem Komptoir gewesen , nie war ihm daheim ein Wort über Geldgeschäfte entschlüpft . Und jetzt ! Selbst die Präsidentin spekulierte ; sie hatte ihr kleines Vermögen von wenigen Tausenden auch in das große Glücksrad geworfen , das heißt in Actien angelegt , und fast unheimlich sah es aus , wenn das Gesicht der sonst so kühlempfindenden Frau bei den immer wiederkehrenden Geldgesprächen vor aufgestörter innerer Leidenschaft rot bis über die Schläfe wurde . … Käthe verließ den Turm und betrat die Brücke . Sie bog sich einen Augenblick über das Geländer und sah forschend in die Wasserflut , als müßten die alten Bekannten , die Zwergobstbäumchen und Beerensträucher , noch an ihren Plätzen stehen , aber sie blickte nur in ihr eigenes Gesicht mit dem Diadem der dicken , braunen Flechte über der Stirn – dieses Mädchen hatte die wundersame Eigenschaft , der Goldfisch der Familie zu sein ; das wurde ihr täglich gesagt , als solcher wurde sie respectiert und ausgezeichnet ; man suchte ihr begreiflich zu machen , daß sie eben als solcher die braunen Flechten nicht selber ordnen dürfe , daß eine Kammerjungfer nunmehr unumgänglich nöthig sei , aber sie hatte sich ernstlich und energisch der Frau Präsidentin gegenüber verwahrt ; sie gab ihren Kopf nicht in dergleichen künstlerische Hände – im Frisirmantel stundenlang steif und feierlich wie ein Götzenbild zu sitzen , das brachte sie in ihrem ganzen Leben nicht fertig . … O ja , es war und blieb „ über die Maßen hübsch “ , reich zu sein , nur durfte der Reichtum nicht unfrei machen ; er durfte dem raschen , warmblütigen Menschenkind die regen Hände nicht binden wollen . Sie hatte die zierlichen Anlagen vor der Ruine verlassen und schritt auf dem wenig gepflegten Wege neben dem weidenbesetzten Flußufer . Noch den Hauch scharfer Winterkälte im Athem und den geschmolzenen Schnee aus den Bergen mit sich schleppend , schossen die Wassermassen lehmfarben neben ihr hin , aber die Elritzen zuckten frühlingslebendig und blank wie Silberstäbchen durch die trübe Flut ; an den Weidengerten saßen die weichflaumigen Blüthenkätzchen , und unter dem schützenden Laubgebüsch hatte das Leberkraut den ganzen zarten Schmelz seiner himmelblauen Blumen ausgebreitet – die gaben schon einen Frühlingsstrauß . – Die Blumen in der Hand , wandelte sie langsam weiter bis zu der alten Holzbrücke . … Dort streckte sich Susens Bleichplatz , die mit Obstbäumen bestandene Rasenfläche hin . Der Kommerzienrat hatte Recht gehabt , in dem niedrigen Holzgitter , das den Garten umfriedigte , fehlte kein Stab , und an dem Hause kein Ziegel , kein Brett , auch nicht die kleinste Latte des Weinspaliers . … Und es war doch ein hübsches , altes Haus , die verlästerte Baracke ! Es lag so geborgen hinter dem rauschenden Flusse , und der Laubwald im Hintergrunde , der sogenannte Stadtforst , der ziemlich nahe an das Holzgitter heranrückte , gab ihm den anmutig einsamen Charakter einer Försterei . Niedrig war es allerdings ; es hatte nur eine Fensterreihe – direct darüber erhob sich das Dach mit den vergoldeten Windfahnen und den massiven Schlöten , von denen der eine in der That rauchte – nie gesehene Erscheinung ! In dem Hause hatte seit langen Zeiten kein Feuer in Herd und Ofen , kein Licht auf dem Tische gebrannt . Zu des Schloßmüllers Lebzeiten war jahraus , jahrein Getreide in den Stuben aufgeschüttet worden , die Jalousien hatten wie festgemauert vor den Fenstern gelegen , und nur alljährlich bei der Obsternte hatte die streng verschlossene Hausthür tagsüber offen gestanden . Da war dann auch die kleine Käthe hineingeschlüpft in die sogenannte Obstkammer , die neben der Küche gelegene weißgetünchte Stube mit dem großen , grünen Ofen , und hatte sich das Schürzchen mit Birnen und Aepfeln gefüllt . … Heute nun waren die Läden zurückgeschlagen , und das junge Mädchen sah zum ersten Mal Glasscheiben blinken in den großen , von Steinrahmen umfaßten Fenstern . Das war nun Doktor Bruck ’ s Haus . Ohne zu wissen wie , hatte sie die Brücke überschritten und umging das Gebäude von drei Seiten . Das Herz klopfte ihr ein wenig . Sie hatte kein Recht mehr , sich hier bemerklich zu machen , aber ihre Fußtritte verhallten auf dem weichen Grasboden ; dazu toste der angeschwollene Fluß stark herüber , und auf dem Dache lärmten die Spatzen . Einzelne Fensterflügel standen offen ; sie sah Ampeln mit grünem Schlingpflanzenbehang an den stuckverzierten Zimmerdecken schweben und blankes Kupfergeschirr auf der Küchenwand glänzen ; auch zartes Vogelgezwitscher klang heraus und mischte sich mit dem zänkischen Geschrei der Sperlinge , aber kein Geräusch menschlichen Lebens und Treibens war zu hören . … Nun bog sie zuversichtlicher um die westliche Hausecke und wollte die Hauptfronte entlang gehen , und da schrak sie zusammen . In der Flügelthür , welche die Façade in zwei gleiche Hälften theilte , und von der die Steintreppe fast