, gelesen – mit oder ohne Vorwissen der Frau Pröbstin , gleichviel ! ... Diese Ideen sind einmal sehr Mode gewesen , und man hat so lange mit ihnen kokettiert , bis die meisten ihre verdrehten Köpfe unter der Guillotine gänzlich verloren ... Meine Gnädigste , wir sind abermals auf einer schiefen Bahn – die Männer , die nach uns kommen , müssen eisern sein . Da heißt es , Drachenzähne zu säen , und nicht jene sogenannten › Samenkörner des Guten ‹ , wovon die heutigen Schulmeister alle Rocktaschen voll haben und mit denen sie sich so mausig machen , wenn sie › tagen ‹ . Also verderben Sie künftig Ihre zarten , sehr kindlichen Züge nicht durch unzeitige Strenge , schöne Frau , und lassen Sie nach wie vor mich sorgen ... Und nun bitte ich um eine Tasse Schokolade aus Ihren weißen Händen . « Liane stellte eine Tasse auf einen kleine Silberteller und präsentierte ihm dieselbe . Sie war äußerlich sehr ruhig und ließ sich weder durch die triumphierenden Schielaugen der Gouvernante , noch durch das fortgesetzte Spottlächeln des Hofmarschalls aus der Fassung bringen . Er blickte einen Moment zu ihr auf , ehe er die Tasse nahm – sie konnte zum erstenmale tief in diese kleinen geistvollen Augen sehen ; sie waren voll funkelnder Bosheit . Dieser Mann war ihr unversöhnlicher Feind , mit dem sie ringen mußte , solange er lebte – das sagte sie sich sofort . Sie war auch viel zu klug , um nicht einzusehen , daß sie hier bei sanfter Nachgiebigkeit ohne weiteres verloren sei und unter seine Füße käme , und daß sie ihren Platz nur behaupten könne , wenn sie imponiere , das heißt womöglich » mit gleicher Münze zahle « . Er ergriff ihre Linke und betrachtete sie . » Eine schöne Hand , eine echt aristokratische Hand ! « Leicht prüfend fuhr er über die Spitze des Zeigefingers . » Sie ist sehr rauh ; Sie haben genäht , – nicht gestickt – sondern genäht , meine Gnädigste , – wohl Ihre Ausstattung an Wäsche ? ... Hm , diese zahllosen Stiche und Narben müssen geglättet sein , ehe wir Sie – bei Hofe präsentieren können ; – der Prüfstein für eine tüchtige Kammerjungfer paßt nicht an den Finger der Baronin Mainau ... Mein Gott , wie ändern sich doch die Dinge ! Was würde wohl der rote Job von Trachenberg , der reichste und gewaltigste unter den Kreuzrittern , zu diesen kleinen Wunden sagen ! « Die junge Dame sah mit einem ernsten Lächeln auf ihn nieder . » Zu seiner Zeit schändeten fleißige Hände eine Dame von Stand noch nicht , « sagte sie , » und was unsere Verarmung betrifft , mit der Sie diese kleinen Wunden in Verbindung bringen , so wäre er vielleicht weise genug , sich zu sagen , daß der Wechsel mächtiger ist , als der Menschenwille , und daß die Jahrhunderte , die nach ihm gekommen sind , nicht spurlos an den verschiedenen Geschlechtern vorübergehen konnten ... Die Mainaus sind ja auch nicht immer Verächter der Arbeit gewesen . Ich habe unser Familienarchiv oft genug durchstöbert , und weiß aus den Aufzeichnungen eines meiner Ahnherren , daß ein Mainau lange Zeit sein Burgvogt und , wie er selbst lobend ausspricht , › ein wackerer , getreuer und vielfleißiger Mann ‹ gewesen ist . « Sie trat an den großen Tisch zurück und machte den Kaffee fertig – es war für einen Moment sehr still geworden im weiten Saale . Der Hofmarschall hatte bei den letzten Worten der jungen Frau seine Tasse so hastig zum Munde geführt , als sei er dem Verschmachten nahe gewesen ; nun hörte sie hinter sich das leise Aneinanderklirren des Porzellans in seinen Händen , und als er nach einer kurzen Pause rauh und gebieterisch nach etwas geröstetem Weißbrot verlangte , da reichte sie ihm den Teller so zuvorkommend hin , als sei nicht das mindeste vorgefallen . Er griff tastend nach einigen Schnitten und sah dabei angelegentlich in die Kaminwölbung . 9. » Mama , « sagte Leo und reckte seine kleinen Arme schmeicheln zu ihr empor , » ich will artig sein und nie wieder nach der Berger schlagen , aber lasse mich auch neben dir sitzen ! « Sie nahm ihn an ihre Seite , unbekümmert um den Zornblick , der vom Kamin herüberfuhr , und machte ihm das Frühstück zurecht . Da trat Baron Mainau durch die gegenüberliegende Thür ein . Er blieb einen Augenblick mit sichtlicher Befriedigung an der Schwelle stehen . So war es recht , so hatte er sich die neue Herrin von Schönwerth gewünscht . Da saß sie , im züchtig am Halse schließenden Battistkleide , unscheinbar , auffallend blaß und farblos neben dem prächtigen Knabengesicht , und von dem hellen Wandgetäfel hob sich das Haar rot , entschieden rot ab ... Gestern hatte ihm die imposante , anspruchsvolle Erscheinung förmlich bange gemacht . Die reizvolle Gestalt mit dem selbstbewußt getragenen , goldflimmernden Köpfchen und den entschiedenen Worten auf den Lippen hatte ihn erschreckt ; sie war nichts weniger als der hochaufgeschossene , unbedeutende Rotkopf , jenes stille Mädchen mit dem furchtsamen Gemüt gewesen , wie er es für sich und die ganzen Verhältnisse in Schönwerth als einzig passend ausgesucht . Diese unliebsame Entdeckung hatte ihm bereits schwer zu schaffen gemacht und ihn bis zu diesem Augenblick mit geheimen Verdruß und Aerger darüber erfüllt , daß er doch wohl von der alten geriebenen Erlaucht in Rudisdorf überlistet und nun an eine hochmütige , anspruchsvolle Frau gebunden sei , die , auf ihre lange Ahnenreihe und äußere Vorzüge pochend , ihm seine sorglich reservierte Freiheit kümmern könne ... Nun sah er sie wieder in Amt und Würden als Hausfrau von so bescheidenem Aeußern , daß selbst die durchaus nicht hübsche Gouvernante ganz passabel neben ihr erschien ... Sie hatte seinen Knaben an ihrer Seite und der grillige Onkel schien gut verpflegt zu sein . Mit heiterem Morgengruß