mehreren Seiten hin . „ Da seh ’ Er her , was Er angerichtet hat ! “ schalt die Hofrätin weiter und hob die klaffende Leinwand auf , aber entsetzt , als habe sie auf glühendes Eisen gegriffen , fuhr die Hand zurück und die fahle Blässe einer schreckensvollen Ueberraschung flog über das Gesicht der alten Dame : ein Paar großer , brauner , fremder Augen hatte feurig und doch in rührender Sanftmuth aus der Spalte zu ihr aufgeblickt . „ Geh ’ Er hinaus , Sauer ! “ stammelte sie und legte rasch ihre Hand bedeckend auf die Risse . „ Die Bilder können später aufgehangen werden … Hinaus , hinaus ! “ wiederholte sie in ausbrechender Heftigkeit und zeigte nach der Tür , hinter welcher der zerknirschte Sauer verschwand . Ein tiefes Seufzen , das fast wie Stöhnen klang , rang sich aus ihrer Brust . Sie ergriff eine Scheere , mit bebender Hand , aber energisch und rücksichtslos durchschnitt sie das ehedem so ehrfurchtsvoll respectirte Gemälde , die Fetzen flogen zurück und von einem grünlich grauen Hintergrund erhob sich eine bezaubernd schöne Mädchengestalt und stand , vom wärmsten Lebensodem durchhaucht , vor den vergehenden Blicken der Hofrätin . Die lange Zeit der Haft war wirkungslos an der rosigen Frische dieser Züge vorübergestrichen ; der Sonnenstrahl , der die mit bewundernswürdiger Meisterschaft gemalten Haarwellen goldig streifte , hatte willig und unbeschadet seines Glanzes die Gefangenschaft geteilt , und der braune Sammet des Gewandes , weich , ungezwungen und bis zur Berührung täuschend in seinem Faltenwurf , quoll unbestäubt aus dem goldenen Rahmen ; unten in einer Ecke des Bildes stand der Name A. van Dyck . „ Er hat es doch getan ! “ murmelte die Hofrätin mit tonloser Stimme . „ Und die Hubert ’ schen waren in ihrem Rechte , wenn sie ihn ‚ Dieb ‘ schalten … Schrecklich , schrecklich ! … Und er hat weiter gelebt nach dieser elenden Tat und hat es geduldet und ruhig geschehen lassen , daß seine Angehörigen die Bestohlenen schmähten ! … Darum also war sein letztes Wort ‚ der Pavillon ! ‘ und dies letzte Wort ist wie ein heiliges Vermächtniß geehrt und behütet worden ! … Alle Erichs sind in dem Bewußtsein heimgegangen , daß ihr Haß ein gerechter war ; nur mir , der letzten , alleinstehenden wird die fürchterliche Erkenntniß , und ich , ich muß es dem da drüben eingestehen , daß die ehrenhaften Erichs durch achtzig lange Jahre hindurch – Hehler gewesen sind ! “ Sie blickte starr auf das stille Gesicht , das so lieblich und harmlos in die Welt hinein lächelte , und dachte mit Schauder an jenen Moment , wo ihr Großvater , wahnwitzig vor Leidenschaft , Nachts in das offenstehende Haus der arglos vertrauenden Familie eingedrungen sein mußte , an jene einsamen Stunden , wo er , scheu hinter Schloß und Riegel sein unseliges Geheimniß bergend , jenen Oresteskopf malte , der beinahe ein Jahrhundert hindurch das Mädchenantlitz voll Unschuld und Grazie neidisch bedeckte und dafür der Welt die Qualen eines bösen Gewissens in seinen verzerrten Linien zeigte . Die Hofrätin schwankte nicht einen Augenblick in der Ueberzeugung , daß das Bild dem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden müsse , und zwar ohne Zögern , denn er wollte ja morgen eine Reise antreten … Welch ’ entsetzliche Aufgabe für sie ! Sie mußte ihren bisherigen Widersacher bitten , daß er schonend mit der Ehre ihres Großvaters verfahre , dazu wollte sie sich überwinden ; denn ihr strenges , unbestechliches Gerechtigkeitsgefühl sagte ihr , daß das vieljährige Unrecht gesühnt werden müsse … allein wenn sie daran dachte , daß der junge Mann ihr übermütig und rücksichtslos entgegentreten könnte , da schoß ihr das Blut siedend nach dem Kopfe , sie fürchtete sich vor ihrem eigenen rasch aufbrausenden Temperament , das leicht Alles verderben konnte . Nach heftigen , inneren Kämpfen trat sie aus der grünen Stube , schloß die Tür hinter sich ab und rief in der Hausflur mit fast versagender Stimme nach Lilli aber sie erhielt keine Antwort . Das junge Mädchen war , nachdem sie das Zimmer verlassen hatte , hinaus in den Garten gegangen . Es war , als ob sich ihr ganzes Denken in dem Satze „ Er geht fort ohne Lebewohl “ concentrire ; ihr frevelhaftes Wort „ kreuzen Sie nie wieder meinen Weg ! “ sollte in der Tat das letzte sein , das zwischen ihm und ihr gefallen … Unmöglich ! … Sie schritt weiter ; aber nicht auf dem langen Umwege der Kiespfade , querfeldein ging es durch Gemüsebeete und Buschwerk . Sie fühlte nicht , daß die glühende Nachmittagssonne auf ihrem Scheitel brannte ; vergeblich rissen die Dornen der Hecken an ihren Kleidern und schrieen und schmetterten aufgescheuchte Vögel in dem Dickichte , als wollten sie die Dahinschreitende zurückhalten von einem Gange , der gegen Mädchenstolz und Sitte stritt . … Sie trat in den Pavillon . Da lagen noch die Trümmer der zerstörten Wand , und über sie und die einst durch Dortens fleißige Hände fleckenlos sauber gehaltenen Dielen hinweg lief ein vielbetretener Weg hinaus nach Tante Bärbchens Garten . Die Wandöffnung hatte sich bedeutend vergrößert ; der Rest des Fachwerkes war zu einer niedrigen Stufe zusammengeschmolzen , die den Fußboden des Pavillons von einer schonungslos zusammengetretenen Blumenrabatte drüben schied . Zum ersten Male lagen Haus und Garten im funkelnden Sonnenlicht vor ihr , diese kleine Wunderwelt , hervorgerufen durch einen künstlerisch fein und harmonisch empfindenden Geist , dies geliebte nordische Fleckchen Heimaterde , das er in allem Zauber , der Schönheit sehen wollte , wie der zärtliche Bräutigam die Braut ! … Ueber die nickenden Blumenhäupter streifte ein feiner Luftzug , sie schüttelten sich leise , leise , wie im traurigen Verneinen , und das Geflüster der plätschernden Fontainen klang dem jungen Mädchen wie ein eintöniges Klagen , daß sie nun , ungesehen von Menschenaugen , einsam ihren Strahl gen Himmel tragen sollten , inmitten eines verödeten Eden . …