eine andere bekannte Stimme ins Ohr klang . Überrascht wendete ich mich , da lehnte die hohe Gestalt des jungen Pastors am Kamin , in dem ein leichtes Feuer loderte . Frau v. Bendeleben saß ihm gegenüber im Sessel und schien ihm gespannt zuzuhören . Mein Gott , wie kam er und gerade heute hierher ? Ich erwiderte seinen Gruß , als die Stimme des Barons : » Nun denke ich aber , wir nehmen Platz am Tische « , meine Bewunderung unterbrach , mit der ich den seltenen Besuch betrachtete . Frau v. Bendeleben schritt an ihren Platz . » Lieber Wilhelm , bitte , hier « , sagte sie und wies mit einer Handbewegung auf einen Stuhl zwischen sich und Hanna . » Gretchen , du dort unten . Herr Pastor , wollen Sie sich zu Fräulein Siegismund setzen ? Du , lieber Bernhard « , bemerkte sie scherzend zu ihrem Manne , » läßt dir doch wohl den Platz neben Gretchen nicht rauben . « Ich gestehe , ich war ganz niedergeschlagen , als ich dieses Arrangement vernahm und gar entdeckte , daß ich ihn nicht einmal sehen konnte , denn er saß auf einer Seite mit mir . Meine herabgestimmte Laune war , glaube ich , ziemlich deutlich auf meinem Gesichte zu lesen , und Mühe gab ich mir gar nicht , meinen Nachbarn dies zu verbergen . » Nun , Gretchen , du läßt dein Lieblingsgericht so ganz unbeachtet vorübergehen ? « fragte der Baron , als ich dem Diener eine abwehrende Handbewegung machte , der mir die große Schussel mit den Krammetsvögeln präsentierte . » Ich danke , ich bin nicht imstande zu essen « , erklärte ich . Dann betrachtete ich die Decke des Zimmers , die ich schon hundertmal gesehen , und die mir anfänglich große Bewunderung eingeflößt hatte . Die Malerei stellte eine Menge Götter und Göttinnen , à la Watteau gekleidet , dar . Sie feierten nun schon seit undenklichen Zeiten eine Art Weinlese , wenigstens fehlte es nicht an Trauben und Ranken sowie an Gläsern , gefüllt mit schäumendem Wein . Der Baron hatte dieses Kunstwerk immer sorgfältig zu konservieren gesucht , das irgendein leichtsinniger Bendeleben der Rokokozeit einst verfertigen ließ . An jeder Ecke des Plafonds war eine Art Wappenschild angebracht , und darauf stand , jene frivole Zeit charakterisierend : » Vive la joie ! « Ich dachte , auf was alles wohl die gepuderten alten Götter dort oben herabgeschaut haben mögen – gewiß aber noch nicht auf ein so unpassendes Arrangement der Tafel . Vor ein paar Wochen war es noch anders , da sahen sie noch blitzende Augen und lächelnde Mienen , und heute ? – verweinte Gesichter und verdrießliche Falten auf der Stirn . Mein Gott , wie mache ich es nur möglich , ihn zu sprechen ? » Der Kleine des Schloßgärtners ist doch nicht wieder krank , Fräulein ? « sagte auf einmal der junge Pastor neben mir . » Ich sah Sie vorgestern in das Haus treten , hatte aber leider keine Zeit , um mich zu erkundigen . « Erschrocken fuhr ich zusammen und fühlte , wie mir das Blut ins Gesicht stieg , aber unfähig , eine Lüge zu erfinden , stammelte ich irgend etwas von : » Einmal nachsehen , wie es dem Kinde jetzt ergehe « , oder dergleichen . Oh , Wilhelm , Wilhelm , wäre doch das Jahr erst vorüber ! dachte ich . Mit großer Mühe bezwang ich mich , noch einige Fragen , die der Herr Pastor an mich richtete , freundlich und verständlich zu beantworten . Dann wurde allgemein über Jagd und Ernte gesprochen , als plötzlich Hanna aufstand . Sie sah leichenblaß aus , und nachdem sie ein paar Schritte nach der Tür getan hatte , brach sie besinnungslos zusammen . Mit einem Ausruf des Schreckens war ich bei ihr , wir trugen sie aufs Sofa . Eine lange Ohnmacht hielt sie umfangen , und als sie endlich , nachdem wir alles mögliche angewandt hatten , was gerade bei der Hand war , die Augen öffnete , war sie offenbar nicht bei sich und sprach allerlei unzusammenhängende Worte . » Siehst du , Gretchen ? « rief sie . » Da durch die große Allee kommt er , mitten im Nebel ist er jetzt ; ich sehe den roten Streifen an der Mütze ! « Dann schluchzte sie wieder herzzerreißend : » Mama , Papa ! nehmt ihn mir doch nicht . Zieh nicht fort , Heinrich , so im Dunkeln ! « Frau v. Bendeleben sah blaß , sehr blaß aus , und in des Barons Gesicht zuckte es seltsam , als er Wilhelm bat , einen reitenden Boten nach dem Arzt zu schicken . Die Kranke wurde zu Bett gebracht – ein paar bange Stunden vergingen . Frau v. Bendeleben saß am Lager Hannas und hielt die Händchen des unaufhörlich plaudernden Mädchens , das ihr unbewußt in ihren Phantasien die bittersten Vorwürfe machte . Endlich kam der Arzt und erklärte die Krankheit für ein heftiges Nervenfieber . Ich nahm nun meinen Platz am Bette ein , und nur flüchtig konnte ich an jenem Abend Eberhard sprechen , als ich hinuntergeschickt wurde , um irgend etwas zu holen . Ich versprach ihm , fleißig zu schreiben . Bald nachher hörte ich die Tritte seines Pferdes auf dem Schloßhofe – er ritt fort . Was sollte er auch hier unter diesen Verhältnissen ? Beinahe zwei Wochen schwebte Hanna in Lebensgefahr . Es war eine schreckliche Zeit . Frau v. Bendeleben wich keinen Augenblick von dem Bette ihres Kindes , und sooft ich sie auch bat , sich Ruhe zu gönnen , sie tat es nicht . Es war , als fühlte sie , daß sie einen Teil der Schuld an diesem Leiden trage , und wollte es hundertfältig wieder gutmachen . Sie war vor Erschöpfung mitunter kaum imstande zu essen , und doch hielt sie aus . » Ich kann ja