Das Leben scheint mir doch zu kurz zu sein , um es damit hinzubringen , Feindseligkeit zu nähren und erduldete Unbill zu verzeichnen . Ein jeder von uns ist auf dieser Welt mit Fehlern beladen und er muß es sein ; – aber bald wird die Zeit kommen , das hoffe ich zuversichtlich , wo wir sie ablegen zusammen mit unserem vergänglichen , irdischen Leibe ; wo wir Vergänglichkeit und Sünde mit diesem hinfälligen Fleische von uns streifen , und nur der Geistesfunke zurückbleibt – dieser unerschütterliche , unverrückbare Grundstein des Lebens und des Gedankens , so rein geblieben wie er war , als er vom Schöpfer ausging , um die Kreatur zu beleben ; er wird dorthin zurückkehren , von wannen er kam – vielleicht um in ein Wesen überzugehen , das höher und erhabener ist als der Mensch – vielleicht um durch alle Phasen der Ewigkeit zur Herrlichkeit einzugehen , von der ohnmächtigen menschlichen Seele bis hinauf zum Seraph zu steigen ! Denn gewiß , nimmer kann es doch sein , daß wir umgekehrt vom Menschen zum Teufel degenerieren ? Nein . Das kann ich nicht glauben . Mein Glaubensbekenntnis ist ein anderes . Niemand hat es mich jemals gelehrt , und nur selten spreche ich davon , aber es ist meine ganze Glückseligkeit , und ich klammere mich fest daran , denn es gewährt allen Hoffnung – es macht die Ewigkeit zur Ruhe , zum Frieden – zur himmlischen Heimat , nicht zum Schrecken , nicht zum Abgrund . Und außerdem gewährt dieser Glaube mir die Fähigkeit , zwischen dem Verbrecher und seinem Verbrechen zu unterscheiden . Ich bin im stande , ersterem von Herzen zu vergeben , während ich seine That verabscheue . Und dieser mein Glaube macht auch , daß Rachegefühl mein Herz niemals quält , Zurücksetzung mich nicht zu tief verwundet , Ungerechtigkeit mich niemals ganz zermalmen kann : ich lebe in Frieden und denke an das Ende ! « Helens Kopf , den sie immer ein wenig gesenkt trug , sank noch tiefer herab , als sie die letzten Worte sprach . Ich sah es ihren Blicken an , daß sie kein Verlangen trug , noch länger mit mir zu reden , daß sie gern mit ihren eigenen Gedanken allein sein wollte . Man ließ ihr jedoch nicht Zeit zum Nachdenken . Eine Aufseherin , ein großes , grobes Mädchen trat in diesem Augenblick an sie heran und rief im ausgeprägten cumberländischen Accent : » Helen Burns , wenn du nicht hinauf gehst und augenblicklich Ordnung in deiner Schieblade machst und sofort deine Arbeit sauber zusammenfaltest , so werde ich Miß Scatcherd rufen und sie bitten , sich die Sache anzusehen . « Helen seufzte , als ihre Träumereien ein so jähes Ende nahmen , aber sie erhob sich und gehorchte der Aufseherin ohne Zögern , ohne Erwiderung . Siebentes Kapitel . Das erste Vierteljahr in Lowood dünkte mich ein Menschenalter , aber durchaus kein goldenes Zeitalter ; es bedeutete einen ermüdenden Kampf mit der Schwierigkeit , mich in neue Regeln und ungewohnte Aufgaben hineinzuarbeiten . Die Furcht in diesen Punkten zu unterliegen , quälte mich mehr , als die physischen Mühseligkeiten und Entbehrungen , die mein Los waren . Und auch diese waren wahrlich keine Kleinigkeiten . Während der Monate Januar , Februar und März hinderten der tiefe Schnee und , nachdem er fortgeschmolzen , die fast unpassierbaren Straßen uns daran , weiter zu gehen , als bis an die Mauern des Gartens – nur der sonntägliche Weg in die Kirche machte eine Ausnahme – aber innerhalb dieser Grenzen mußten wir jeden Tag eine Stunde in freier Luft zubringen . Unsere Bekleidung war nicht hinreichend , um uns gegen die strenge Kälte zu schützen . Wir hatten keine Stiefel , der Schnee drang in unsere Schuhe und schmolz darin ; unsere unbehandschuhten Hände erstarrten und bedeckten sich nach und nach mit Frostbeulen , ebenso unsere Füße . Ich erinnere mich noch der verzweifelten Schmerzen , welche ich aus dieser Ursache jeden Abend erduldete , wenn meine Füße sich entzündeten , und der Schmerzen , wenn ich die geschwollenen , wunden und steifen Zehen am Morgen in die Schuhe zwängen mußte . Auch die Kargheit der Nahrung brachte uns fast zur Verzweiflung ; wir hatten den regen Appetit von im Wachstum begriffener Kinder , und man gab uns kaum genug , um einen schwachen Kranken damit am Leben zu erhalten . Aus diesem Mangel an Nahrung entstand ein Mißbrauch , welcher schwer auf den jüngeren Schülerinnen lastete . Wenn sich nämlich den größeren , heißhungrigen Mädchen eine Gelegenheit dazu bot , so brachten sie die Kleinen durch Schmeicheleien oder Drohungen dahin , ihnen ihren Anteil abzutreten . Gar manchesmal habe ich zwischen zwei Anspruchmachenden den kostbaren Bissen Schwarzbrot geteilt , den wir zur Theestunde bekamen , und nachdem ich dann noch einer dritten die Hälfte vom Inhalte meines Kaffeenapfes gegeben hatte , schluckte ich den Rest zusammen mit bitteren , geheimen Thränen hinunter , welche der Hunger mir im wahrsten Sinne des Wortes erpreßte . Die Sonntage waren trübe Tage in dieser Winterzeit . Wir mußten zwei Meilen bis zur Kirche von Brocklehurst gehen , wo unser Schutzherr den Gottesdienst verrichtete . Halb erfroren machten wir uns auf den Weg , noch erfrorener langten wir in der Kirche an ; während des Morgengottesdienstes lähmte uns die Kälte beinahe . Der Weg war zu weit , um zum Mittagessen nach Lowood zurückzukehren , daher reichte man uns zwischen den beiden Predigten eine Ration von kaltem Fleisch und Braten , welche in derselben kärglichen Proportion gehalten wurde , die man bei unseren gewöhnlichen Mahlzeiten zum Maßstab genommen . Nach dem Schluß des Nachmittagsgottesdienstes kehrten wir über eine hügelige , dem Winde ausgesetzte Straße nach Hause zurück . Der eisige Wintersturm , der über eine Kette schneebedeckter Hügel von Norden her blies , riß uns beinahe die Haut von den Wangen . Ich erinnere mich noch Miß Temples , wie sie fest in ihren schottischen Mantel