die Frage nach einer weiteren in sich , nur daß diese Jagd nach Wissen die dumpfe , in keine Formeln zu fassende Sehnsucht nach höheren Zielen nicht zu unterdrücken vermochte . Wenn er sich mit Warburg darüber aussprach , pflegte ihn dieser immer wieder darauf hinzuweisen , daß ein Beruf , ein Pläne und Gedanken auf sich konzentrierendes Ziel , ein Mittel sei , dem unruhigen Hin-und Herflattern seiner Seele abzuhelfen . Der aber empörte sich stets aufs neue gegen diese Auffassung : » Schlimm genug , wenn der Beruf das Ziel zu ersetzen vermag ! « sagte er . » Schlimmer noch , wenn der Mensch es nötig hätte , wozu das Tier nur gezwungen werden kann , in Käfige gesperrt zu werden , und ohne sie in der Freiheit - und sei es selbst die Freiheit der Wüste - nicht imstande wäre , sich die Nahrung zu erkämpfen , deren Geist und Seele bedarf ! « Pawlowitsch dagegen suchte mit allen Mitteln seines Verstandes und seiner Überredungskunst diesem unbestimmten Sehnen im Sozialismus Ziel und Richtung zu geben , und seine Vorträge , denen Konrad regelmäßig beiwohnte , schienen ihrem Inhalt nach oft nur für diesen Adepten bestimmt zu sein . Nachher debattierten sie . » Die Jugend von heute ist von Geburt an altersschwach , « polterte Pawlowitsch , als Konrad wieder einmal , ganz kühl und von nichts als von Zweifeln und Widersprüchen beladen , mit den Freunden aus dem Gewerkschaftshaus trat , die frische , schon frühlingsduftige Luft in tiefen Zügen einatmend . » Oder so stark wie Jung-Siegfried , der sich sein eigenes Schwert schmieden mußte , « antwortete er dem Russen . Sie fuhren nach dem Westen hinaus bis zu dem Café , wo sie sich an jenem Herbstnachmittag zuerst getroffen hatten . Pawlowitsch bestand darauf , obwohl Else Gerstenbergk die Freunde zu sich gebeten hatte . » Der Tisch ist schon für euch gedeckt , « wagte sie noch einmal mit einem schüchternen Lächeln , das ihr sonst so fremd war , einzuwenden . » Wir werden die Freiheit unserer Entschließung doch nicht einem gedeckten Tisch opfern , « rief der Russe unwirsch , und sie fügte sich stumm . Am Ziele angelangt , knüpfte er den Faden des Gesprächs aufs neue an und erzählte , sich immer mehr an der Glut der eigenen Erinnerung erwärmend , von jener Zeit im Anfang der neunziger Jahre , wo er als junger Mensch zum erstenmal nach Berlin gekommen sei - » auch einer wie Sie , zum Revolutionär nicht geboren « - und in den starken , alles mit sich fortreißenden Strom sozialistischer Ideen hineingetrieben worden wäre . » Damals besaßen wir den kostbaren , durch nichts zu ersetzenden Schatz eines Ideals , für das Titel , Vermögen , Vergangenheit und Zukunft wegzuwerfen , nicht nur kein Opfer , sondern eine Seligkeit war . Während Sie und Ihresgleichen ! « - er schürzte verächtlich die Lippen : » Zugvögel seid ihr , die das Ziel verloren haben und , umherirrend , schließlich kraftlos ins Meer stürzen . « » Sie vergessen nur , daß seitdem zwei Jahrzehnte verflossen sind , daß die Träume von damals Wirklichkeiten von heute wurden , « warf Konrad ein . » Unsinn , Unsinn - « wehrte Pawlowitsch ab , » haben wir vielleicht den Sozialismus ? « » Nein . Aber wir machten , scheint mir , viele Schritte in seiner Richtung und sehen mehr und mehr , daß der Weg nicht nur gangbar , sondern notwendig ist . « Pawlowitsch trommelte mit den Fingern auf dem Tisch . » Die Bourgeoissöhnchen waren also nur gerade kräftig genug , sich für eine Idee zu begeistern , um das Proletariat jetzt , wo es zähe Arbeit , gänzlich unromantische Anstrengung gilt , im Stich zu lassen ? « » Verzeihen Sie , « antwortete Konrad sehr ruhig dem Erregten , » es handelt sich doch wohl um zwei verschiedene Generationen , von denen Sie sprechen . Die eine - die Ihre ! - ist , so kommt es mir vor , gerade diejenige , die den Rausch der Jugend überwunden hat und jetzt nüchtern für all jene Einzelziele kämpft - deren Notwendigkeit ich gar nicht bestreiten will - für die Sie uns , die neue Jugend , aber um so weniger begeistern können , als - Sie müssen auch diese Offenheit entschuldigen ! - Sie selbst nicht mehr begeistert sind . « Pawlowitsch biß sich heftig auf die Lippen und warf ihm unter gerunzelter Stirn einen bösen Blick zu . » Für Sie « , fügte Konrad , der ihn ruhig auffing , hinzu , » ist doch das alles nur noch ein Rechenexempel - « » Und das letzte Ziel : die Aufhebung der Klassenherrschaft , die Sozialisierung der Welt ? « frug Pawlowitsch , mechanisch in dem Glase löffelnd , das vor ihm stand . Konrad zögerte mit der Antwort : » Deren Voraussetzung die Diktatur des Proletariats sein soll - nicht wahr ? « Pawlowitsch nickte spottend : » Haben Sie vielleicht dagegen etwas einzuwenden ? « » Ja , « entgegnete Konrad bestimmt . » Wie ? ! « rief Else mit einem Ungestüm einfallend , das ihrem Interesse bei diesen Fragen gar nicht zu entsprechen schien , und einem ängstlich flehenden Zug um den Mund , den Konrad nicht verstand . » Wie ? ! Sie könnten den Glauben von Millionen zerstören wollen ? « Und ihre Augen suchten die des Russen , der hartnäckig in den Schoß sah . » Wer ihn wirklich besitzt , dem wird er durch einen jungen Menschen , der kaum die Nase in die Welt gesteckt hat , auch nicht zerstört werden können , « meinte Konrad , » ich aber hab ' ihn nicht - leider ! - ich kann seine Verwirklichung nicht einmal für wünschenswert halten . Vielleicht - vielleicht wäre sogar - « zwischen jedem Wort entstand eine Pause , und seine Augen richteten sich aufwärts