sein , ich komm über Nacht nit heim . « Er zog die Lederkappe in die Stirn , sprang auf den Schimmel hinauf und ließ ihn am Brunnen trinken . Im Trab die Straße hin gegen den Taubensee . Bei einem Haus , das neben der Straße auf einem kleinen Hügel stand , rief Runotter : » Höi ! Ist der Albmeister daheim ? « Der wäre beim Heuen , gleich da drüben über dem Bach . Die Ache machte mehr Lärm , als sie Wasser hatte . Leicht kam der Schimmel hinüber und kletterte über die steilen Wiesen hinauf . Ein neunzigjähriger Bauer , dürr und gebeugt , kahlköpfig und mit weißen Bartstoppeln , wendete das am Morgen gemähte Heu - Seppi Ruechsam , der Albmeister der Ramsauer Gnotschaft . Sein Hausname kam wohl davon , daß einer seiner Vorfahren ein besonders Sparsamer gewesen war . Wie für die Fähigkeiten des Propstes sein früheres Amt als Kellermeister , so sprach für den Seppi Ruechsam die Tatsache , daß er Albmeister war . Um Albmeister zu werden , mußte man zumindest siebzig Jahre hinter sich haben , mußte das Vergangene wissen und mußte ein Makelloser , einer von den Besten der Gemeinde sein . Der Albmeister war halb wie ein Heiliger , weil er den grünen Speisbrunnen und das wertvollste Lebensrecht des Bergdorfes hütete . Ehe noch der Schimmel den Seppi Ruechsam erreichte , fragte Runotter schon : » Seppi ? Du ? Wie ist das mit dem Hängmoos ? Seit wann ist der Käser droben ? Seit wann treibt man das Milchvieh hinauf ? « Langsam streckte sich der Greis . » Das ist , seit die Salzburger den Propsten Kunrad vertrieben und das Stift in Pfand genommen haben . Ist gewesen im dreiundneunziger Jahr . « » Ist Melkvieh und Käser mit Rechten auf der Alb ? « » Was denn sonst ? Albmeister ist der Seppi Ruechsam . Der wird wohl wissen , was recht ist . « Für den Greis in seiner steinernen Ruhe schien das ein Zwiefaches zu sein : er als Mensch und er als Albmeister . » Ist unser Recht verbrieft ? « » Was denn sonst ? « Runotter atmete auf . » Der Brief ist weisbar ? « » Was denn sonst ? Liegt bei mir in der Truchen , ist gut geschrieben ist gewächsnet mit des Herrn Kunrad Fürstenring . « Der Richtmann verlangte nicht , den Brief zu sehen . Er wußte : Der Albmeister hat die Truhe mit den Rechtsbriefen , der Ältestmann der Gnotschaft hat den Schlüssel , und Schloß und Schlüssel dürfen nur Hochzeit halten , wenn fünf spruchbare Männer der Gnotschaft als Zeugen dabei sind . » Sie sagen im Amt , es war kein Brief nit da als bloß der alte von den Ochsen . « » Die sagen viel . « Der Greis fing wieder zu heuen an . » Und der Amtmann will die Milchkuh pfänden lassen , morgen . « Seppi Ruechsam hob langsam das Gesicht . » So ? « Er sprach dieses kleine Wort , als hätte ihm einer an schönem Tage gesagt , es regnet . » Was tust da , Richtmann ? « » Ich steh beim Recht . Und treib nit ab . Die Küh müssen bleiben . « » Was denn sonst ? « » In der Nacht reit ich um und ruf die Leut für morgen zum Taiding . « Der Greis nickte . » Ist hart , in der Heuzeit einen Tag verlieren . Aber mehr als Heu ist die Kuh , mehr als die Kuh ist das Recht . « » Das Taiding ruf ich zu deinem Haus . « » Was denn sonst ? Es geht ums Weidrecht . Der Seppi Ruechsam ist morgen daheim , wo die Truchen steht . Aber Pfändleut hin oder her , einem Spießknecht gibt der Seppi Ruechsam den gewächsneten Brief nit in die Hand . Recht liegt fest . Das tut man nit umtragen wie den Bettelsack . Vor guter Zeugschaft muß der Amtmann zum Seppi Ruechsam seiner Truchen kommen . Und kommt er nit , und sie pfänden ? Gut ! Da muß der Fürst die Küh futtern und die Milch vergüten . Derweil kriegen wir auf der Alb mehr Gras , wenn minder gefressen wird . Ist ein Nutzen . Den Schaden muß das Stift gutmachen . Tät der Fürst für seines Amtmanns Unrecht nit aufkommen , so geht man zum deutschen König . Dafür ist der König da . Wozu denn sonst ? Und den Weg zum deutschen König weiß der Seppi Ruechsam . Sonst tät er nit Albmeister sein . Was denn sonst ? Jetzt tummel dich , Mensch ! Und reit ! « Das war die längste Rede , die man vom Seppi Ruechsam seit vielen Jahrzehnten gehört hatte . Er sollte in seinem Leben keine so lange mehr halten . Der Richtmann überquerte die Ache wieder , und sein unermüdlicher Schimmel , dessen Heubauch schlank geworden , jagte zum Taubensee . Die Sonne bekam schon goldene Glut , und alle Farben der Erde und des Himmels vertieften sich zu sanftem Glanz . Im Wiesgarten am Taubensee schleppten Mareiner und sein Weib das fein geratene Heu in großen Tüchern zur Scheune . Die Bäuerin , als sie den Reiter sah , bekam gleich wieder einen Schreck ; ein Herr war der Runotter freilich nicht , aber der Richtmann war er . » Du , Mareiner « , rief der Ramsauer und sprang vom Gaul , » ist ' s wahr , daß dein Bruder Malimmes gekommen ist ? « » Wohl ! « Das konnte der Bauer ruhig sagen . Seine dreiundachtzig und ein halb Pfund Pfennig waren in Sicherheit ; und Malimmes tat , als möchte er geben wie ein Christ , nicht nehmen wie ein Hofmann . » Vor der Haustür hockt er bei der Mutter . « » Mein Gaul ist heiß gelaufen . Magst ihn ein