: » Ein Mädchen , - und es lebt . « Da kam die Erinnerung an jene Stimme , - » der Sohn - - der Sohn . « - - - Hatte sie jene Worte geträumt , - hatte sie sie wirklich gehört ? Und ein Glücksgefühl schoß heiß in ihr auf , - daß es ein Mädchen war , - ihr Kind , ihres allein . Und da war der Hofrat mit dem grauen Bart und sah munter durch die Brillengläser , und neben ihm stand der Schwager , Professor Diamant , mit einem guten , guten Grinsen in seinem sonst so maliziösen Gesicht , - und sie hörte seine etwas gequetschte , böhmelnde Stimme ganz glücklich sagen : » No allßo , - fein heraus hamm ' mr ßi ! « Ihren Mann aber sah sie nicht , und begehrte nicht , ihn zu sehen . - - - - - Das hatte Eva erlebt , und sie erzählte es der Freundin in jener Abschiedsstunde . Es war dunkel geworden , und sie hatte das Licht nicht aufgedreht . Nun erhob sie sich und ließ ein paar matte , elektrische Lampen aufleuchten . Ohne Pathos , mit den einfachsten Worten , hatte sie erzählt , und ihr schlichtes Vertrauen hatte diese Stunde mit wunderbarem Leben erfüllt . Olga durfte nun fragen , und sie tat es . » Warum sind Sie , « sagte sie , - » nach alldem noch bei Ihrem Mann ? Würde er Ihnen das Kind verweigern , wenn Sie von ihm gehen würden ? « » Ich glaube nicht « , antwortete Eva und stellte eine Schale mit Früchten auf das runde Tischchen vor dem Eckdiwan , auf dem sie saßen . » Er hat zu der Kleinen so gut wie keine Beziehungen , wenn er sie auch ab und zu mal auf seine Knie setzt , - besonders wenn Gäste dabei sind . « Ein leichtes Lächeln milderte die Schärfe ihrer Bemerkung . Und dieses Lächeln schien hinein zu leuchten in die versteckten Tiefen jener fremden Natur , von der sie sprach , und Olga überkam das Gefühl , daß etwas in dieser Frau lebte , das sie befähigte , die dunklen und treibenden Mächte in anderer Menschen Seelen zu erkennen , - ahnte , daß sie in jenen » Abgrund « , in dem die Wahrheit wohnt , unerschrockener und klarer hineinblickte , als viele andere . » Nein , - es ist nicht , weil ich fürchte , daß er mir das Kind nehmen würde . Es ist etwas anderes , was mich hier festhält , etwas viel näher liegendes , das Ihnen aber vielleicht « - wieder lichtete ein Lächeln ihr Gesicht , und diesmal war eine Spur von Schalkhaftigkeit darin - » sehr befremdlich erscheinen wird . « Olga horchte gespannt . » Ich habe geheiratet , « sagte Eva , - » weil ich eine günstige Veränderung meiner Lage darin sah ; und ich werde nicht eher die Ehe lösen , als bis ich zumindest die Gewißheit habe , nicht in eine schlimmere , schwerer erträgliche Lage zu kommen , als die es ist , in der ich bin . Das ist alles . « In Olgas Gesicht malte sich eine nicht zu verbergende Verblüffung . » Ich dachte mir , daß es Sie überraschen würde , diese einfache Tatsache so unverkleidet aussprechen zu hören . « » Ich verstehe Sie wahrscheinlich nicht ganz , « sagte Olga . » Wie - wie - kann das gemeint sein ? « Eva sah lächelnd und ruhig vor sich hin . » Sehen Sie , « sagte sie , » es ist so bezeichnend , daß Sie , als eine rein empfindende Frau , verwundert sind über dieses Bekenntnis . Es ist bezeichnend , sage ich ; denn es gibt jetzt so viele Menschen , wie mir scheint , - denen - wie soll ich es nennen - bei der Vertiefung ihres geistigen und moralischen Lebens das abhanden gekommen ist , was nun einmal die Voraussetzung eines geistigen und nicht geistigen Lebens überhaupt ist - nämlich - « sie stockte , schien nach dem richtigen Wort zu suchen , - » nämlich der - Instinkt - gewisse Taten , die einen ins Verderben stürzen , - bleiben zu lassen ; « - und ruhig fügte sie hinzu : » also wohl einfach eine Art von deutlichem Selbsterhaltungstrieb . « Olga horchte verwundert , belebt . » Ich weiß nicht , « fuhr Eva fort , - » ob Sie dieses Gefühl kennen - dieses Gefühl , - daß man gewisse entscheidende , schicksalsschwere Dinge erst dann tun darf , wenn ihre Notwendigkeit so deutlich geworden ist , daß man sich wahrhaftig geschoben fühlt , indem man sie tut , - daß es so geschieht - nun so - als ob man überhaupt nichts zu wollen hätte dabei . « - - Nachdenklich sah sie vor sich hin . » Ich selbst habe immer nur getan - was ich auf diese Art tun mußte . « » Und so lange ? « » So lange ? Sie meinen - was zwischen diesen Taten geschieht ? Man lebt - man wartet ! Und die größte Versuchung des Lebens scheint mir , daß es Situationen um uns aufstellt , die uns dieses Warten lehren sollen , - daß es eine Art von passiver Energie von uns verlangt , die vielleicht schwerer ist , als die aktive der Tat . « Schritte wurden laut , Eva , hingegeben an das , was aus ihr sprach , überhörte sie , aber Olga sah durch die halb zurückgezogene Portière ihren Bruder , der sie abholen sollte , im Nebenzimmer eintreten . Sie wollte das Gespräch nicht unterbrechen lassen und winkte ihm zu , drin zu bleiben . Dabei hatte sie das Gefühl , daß die Freundin nicht zürnen würde , wenn er mit anhörte , was sie berichtete . In Evas Gesicht war während