, hatte in früherer Zeit Entdeckungsreisen unternommen , wobei er , wie Hofrat Wilt behauptete , nicht so sehr auf die Unerforschtheit der betreffenden Landstriche als auf gute Fahrgelegenheiten und einwandfreie Küche Wert gelegt haben sollte . Seit einigen Jahren aber begab er sich nur mehr auf Reisen , um Vorträge zu halten und Frauen zu erobern . Wenn er wieder daheim war , lebte er mit seiner Gattin in bester Kameradschaft . Schon manchmal , aber immer flüchtig , hatte Georg die Möglichkeit eines Verhältnisses mit Frau Oberberger erwogen . Er war sogar einer von jenen , die ihren Hals geküßt hatten , woran sie sich wahrscheinlich selbst nicht mehr erinnerte . Und als sie jetzt den Schleier zurückschlug , ließ Georg wieder einmal den Reiz dieses nicht mehr ganz jugendlichen , aber anmutig-bewegten Gesichts mit Vergnügen auf sich wirken . Er wollte ihr ins Wort fallen , sie aber sprach weiter : » Wissen Sie , daß Sie sehr blaß sind ? Sie müssen ein nettes Leben führen . Was ist das übrigens für ein Weib , durch das Sie mir diesmal entrissen werden ? « Hofrat Wilt , unhörbar wie meistens , stand plötzlich neben ihnen . Beiläufig , überlegen und galant warf er hin : » Küß die Hand schöne Frau , grüß Sie Gott Baron ... « und wollte weiter . Frau Oberberger aber fand es angemessen , ihm vorerst noch mitzuteilen , daß Baron Georg sich soeben zu einer Orgie begebe , wie das so seine Art sei , dann folgte sie dem Hofrat in den zweiten Stock , auf die Gefahr hin , wie sie bemerkte , daß man ihn , wenn er zugleich mit ihr bei Ehrenbergs erschiene , für ihren fünfundneunzigsten Liebhaber halten würde . Es war sieben Uhr , als Georg sich endlich in einen Wagen setzen konnte , um nach Mariahilf zu fahren . Er fühlte sich von den zwei Stunden bei Ehrenbergs geradezu abgespannt , und mehr noch als sonst freute er sich auf das Zusammensein mit Anna , das ihm bevorstand . Seit jenem Vormittag in der Miniaturenausstellung hatten sie einander beinahe täglich gesehen ; in Gärten , in Bildergalerien , bei ihr zu Hause . Meist unterhielten sie sich über die kleinen Begebenheiten ihres Daseins , oder plauderten von Büchern und Musik . Von vergangenen Zeiten sprachen sie nicht oft ; und wenn es geschah , ohne Mißtrauen und Zweifel . Denn noch waren die Abenteuer , aus denen Georg kam , für Anna nicht vom beängstigenden Dufte des Geheimnisvollen umwoben ; und daß sie selbst schon manche schwärmerische Neigung empfunden hatte , vernahm Georg aus ihren scherzenden Andeutungen heiter , unbesorgt , ja ohne weiter zu fragen . In einem menschenleeren Saal der Liechtensteingalerie hatte er sie vor acht Tagen zum erstenmal geküßt , und von diesem Augenblick an nannte Anna ihn du , als wäre eine fremdere Anrede ihr von nun an wie etwas Lügenhaftes erschienen . Der Wagen hielt an einer Straßenecke . Georg stieg aus , zündete sich eine Zigarette an und ging auf und ab , dem Hause gegenüber , aus dem Anna kommen mußte . Nach wenigen Minuten schon trat sie aus dem Tor . Er eilte über die Straße ihr entgegen , und beglückt küßte er ihr die Hand . Wie gewöhnlich , weil sie auf ihren Fahrten meist zu lesen pflegte , hatte sie ein Buch mit sich , in einem Einband von gepreßtem Leder . » Es ist ja kühl , Anna « , sagte Georg , nahm ihr das Buch aus der Hand und half ihr in die Jacke , die sie über dem Arm getragen hatte . » Ich habe mich nämlich ein bißchen verspätet « , sagte sie » und war sehr ungeduldig , dich zu sehen . Ja « , setzte sie lächelnd hinzu , » man hat auch seine Temperamentsausbrüche . Was sagst du denn zu meinem neuen Kostüm « , fragte sie , indem sie weiterspazierten . » Steht dir sehr gut . « » In meiner Lektion hat man gefunden , ich sähe aus wie eine Hofdame . « » Wer hat das gefunden ? « » Frau Bittner selbst , und ihre beiden Töchter , die ich unterrichte . « » Ich würde lieber sagen : wie eine Erzherzogin . « Anna nickte befriedigt . » Also jetzt erzähl mir Anna , was du seit gestern alles erlebt hast . « Ernsthaft begann sie . » Um zwölf , nachdem ich mich am Haustor von dir getrennt , Mittagessen im Familienkreis . Nachmittag ein wenig geruht und an dich gedacht . Von vier bis halb sieben Schülerinnen bei mir , dann gelesen , » grüner Heinrich « und Abendblatt . Zu faul , um noch auf die Straße zu gehen , im Hause herumgetrenderlt . Nachtmahl . Die übliche häusliche Szene . « » Bruder ? « fragte Georg . Sie antwortete mit einem » ja « , das weitere Fragen abschnitt . » Nach dem Nachtmahl ein bißchen musiziert ... sogar zu singen versucht . « » Warst du zufrieden ? « » Für mich reicht es ja immer aus « , sagte sie , und Georg glaubte eine leichte Traurigkeit im Klang ihrer Worte zu vernehmen . Rasch berichtete sie weiter : » Um halb elf im Bett gelegen , gut geschlafen , um acht Uhr früh auf ... man kann ja bei uns nicht länger liegen ... Toilette gemacht bis halb zehn , bis elf im Haus herum ... « » ... getrenderlt « , ergänzte Georg . » Richtig . Dann zu Weils , den Buben unterrichtet . « » Wie alt ist der eigentlich ? « fragte Georg . » Dreizehn « , erwiderte Anna mit einem komisch-bedenklichen Gesicht . » Na das ist wirklich nicht so jung . « » Gewiß nicht « , sagte Anna . » Aber erfahre zu deiner Beruhigung , daß er seine Tante Adele liebt , eine zarte