und sich sagen : » Ist das nicht der Ausdruck dessen , was die Kirche geworden ist im Lauf der Zeit ? Aus der idealen Gemeinschaft von Wesen , verbunden durch brüderliche Liebe , edle Sittlichkeit und geistiges Streben , herabgesunken zu der materiellsten Deutung hoher Probleme , zum erbitterten Streit um irdisches Gut , zu einem Kampfplatz der Parteien . « Er hatte nicht Zeit , es auszudenken , denn hinter ihm ertönten Schritte und das Rauschen eines Frauengewandes , und als er sich rasch umwendete , stand eine hohe Frauengestalt vor ihm , den Kopf und das Antlitz so dicht von einem schwarzen Schleier bedeckt , daß man die Züge des Angesichts nicht unterscheiden konnte , nur das Funkeln dunkler Augensterne drang auch selbst durch die dichte Hülle , eine Hand streckte sich ihm entgegen und eine wohlbekannte Stimme flüsterte : » Waldemar . « » Giulia , « sagte er und zog die dargereichte Hand an seine Lippen , » wagen Sie nicht zu viel ? Wenn man uns hier träfe , ich bin voll Angst für Sie . « » Sei unbesorgt , Geliebter , « erwiderte die Herzogin ; » Marietta ist draußen vor der Kirche und benachrichtigt uns , wenn etwas Gefahrbringendes naht . Komm in das Seitenschiff , aus übergroßer Vorsicht , dort können wir ruhig reden , ich habe dir soviel zu sagen . « Sie betraten das Seitenschiff , in dem die Beterin in unveränderter Versunkenheit kniete . » Sieh , da ist jemand , « sagte Giulia . » O , das ist ein armes Weib , das schon hier kniete , als ich kam , « versetzte der Prinz , » die ist so versunken , ihre Gebete herzusagen , daß sie uns nicht hört und sieht . Dort drüben im anderen Seitenschiff ist der Laienbruder , der könnte eher auf uns achten . « Giulia schlug den Schleier zurück und in der anmutigen Umrahmung der Spitzen erschien das schöne Antlitz mit neuem Reiz begabt . Sie heftete einen langen , feurigen Blick auf Waldemar und sagte halblaut , doch so , daß ihre Worte in der tiefen Stille ringsum von der Beterin , deren Gegenwart sie nicht mehr beachtete , gehört werden konnten : » Waldemar , meine Liebe zu dir ist so groß , daß ich ihr alles opfere , Ehre , Namen , Stellung ; ich kenne nur noch ein Glück : mit dir vereint zu sein , dir ganz und für immer anzugehören . Die Liebe ist das supreme Gesetz des Lebens , vor ihr sinkt alles in Staub , ist nichtig , wertlos . Die Eifersucht des Herzogs wird täglich größer , jemehr er fühlt , daß mein Herz unrettbar sich von ihm entfernt . Er bewacht jeden meiner Schritte und ich habe mich heute nur entfernen können , weil ich ging , als er und beinah das ganze Haus noch schlief und ich , falls er fragen sollte , beim Portier zurückließ , ich sei zur Frühmesse nach Maria del Popolo . « Sie waren das Seitenschiff entlanggegangen , so daß die Beterin nicht mehr verstand , was sie redeten , aber jetzt kamen sie zurück und sie vernahm wieder , daß die Herzogin sagte : » Ich bin entschlossen , bist du es auch , Waldemar ? « » Wie wäre ich soviel Liebe wert , wenn ich nicht auch alles vergäße , um dich aus unwürdigen Banden zu erlösen und dir das Glück der Liebe zu bereiten , das du ersehnst , « erwiderte der Prinz ; » ich werde auch einen harten Kampf zu kämpfen haben ; das traurige Los meines Bruders , eine Ehe aus Politik eingehen zu müssen , stand auch mir bevor ; du rettest mich davor , aber zu Hause wird man sich dagegen auflehnen , wird mir die Staatspflichten entgegenhalten , denen man das Herz opfern muß , wird alle Vorurteile ins Feld bringen , um mich zu bekämpfen . « » Und bin ich es nicht wert , eine Krone zu tragen ? « fragte die Herzogin , indem sie den schönen Kopf stolz zurückwarf , so daß ein Sonnenstrahl , der durch das Kirchenfenster schien , sie wie eine Glorie umgab . » Keine Krone hat je ein schöneres Haupt geziert , « rief Waldemar voll Feuer ; » o , meine Königin , ich folge dir , wohin es sei . « Sie entfernten sich wieder , so daß der weitere Verlauf ihres Gespräches unhörbar wurde . Noch eine Weile blieben sie im Grunde des Seitenschiffes nahe aneinandergeschmiegt und flüsternd stehen , dann riß sich die Herzogin los , verhüllte das Antlitz wieder mit dem Schleier und schritt dem Ausgang zu , an dem Marietta sich zeigte , um zu mahnen , daß die Stunde schon vorgeschritten sei und daß sich schon Menschen in der Gegend zeigten . Auf Umwegen eilten sie zur Stadt zurück , wo sie einen Wagen nahmen , um in den Palast zurückzufahren . Waldemar blieb noch einige Augenblicke in der Kirche , um ihnen Zeit zu geben , sich zu entfernen . Ein Sturm tobte in ihm , denn wenn er in Gegenwart der Herzogin , hingerissen von ihrer Schönheit , von der Gewalt der ersten Leidenschaft und berauscht von der Glut , mit der sie ihn umfing , alles gelobte und alles zu wagen bereit war , so türmten sich , sobald sie schied und er zur Besinnung kam , die Schwierigkeiten so riesengroß vor ihm auf , daß ihn schwindelte und er fast bereute , so weit gegangen zu sein . Indes zurück konnte er nicht , das hätte ihm der schändlichste Verrat an Giulia geschienen , und dann lockte ihn auch wieder ein jugendliches Wagen , für dessen Ausgang er dem Schicksal vertrauen wollte . Endlich schritt auch er langsam das Seitenschiff entlang , der Kirchentür zu ; da fiel ihm die Beterin auf , die noch immer unbeweglich an ihrem Platze kniete .