- aber doch welch unabsehbare Ferne zwischen uns - und Sie wissen noch nichts von dem , was sich in dieser Zeit ereignet hat . Warum habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben ? Ich könnte sagen , dass es mir an Zeit gefehlt . Das wäre aber nicht wahr . Ein dunkles Gefühl hat mich davon zurückgehalten , das ich mir selbst kaum zu erklären vermag . Eine Scheu . Eine letzte Loyalität , die Schweigen heisst . Ihnen konnte ich auch keine banalen Phrasen schreiben , wie ich deren so viele in diesen letzten Wochen gehört und selbst gebraucht . Denn es gibt Anlässe , wo man sich unwillkürlich ins Banale rettet , weil es eine Hülle ist , eine breite wohl ausgetretene Strasse , an deren Richtigkeit von andern nie gezweifelt wird . Man bleibt damit dicht an der gehärteten Oberfläche des eigenen Wesens , enthüllt nichts , was zum innern Ich gehört . Um aber zu den eigentlichen wahren Empfindungen zu gelangen , muss man in die Tiefen des Herzens greifen , und davor graut uns , wissen wir doch nie , was wir in ihnen finden werden . Es ist alles so plötzlich gekommen . Das Ende scheint uns ja immer plötzlich . Ich musste mich erst selbst zurechtfinden , ehe ich Ihnen schreiben konnte . Er , von dem wir nie gesprochen , ist gestorben . - Wir erhielten in New York ein Telegramm , dass er , dessen Namen ich trage , schwer erkrankt sei . In der Anstalt , in der er sich seit Jahren befand , war eine Feuersbrunst ausgebrochen . Er war zwar gerettet worden , aber infolge der nervösen Erschütterung trat eine schwere akute Gehirnerkrankung ein . Mein Bruder erbat sich telegraphisch Urlaub von seinem Geschäftshause , und wir reisten mit dem nächsten Schiff von New York ab . Als wir eintrafen war alles vorüber . Wir fanden nur ein frisches Grab . Ich ängstigte mich so sehr vor diesem Augenblick , wusste nicht , was er mir innerlich an Unerwartetem bringen würde , denn für das alltägliche Leben und seine kleinen Vorkommnisse glauben wir uns zu kennen , aber bei plötzlichen Gelegenheiten sind wir uns selbst immer wieder Überraschungen . - Als wir zum Grabe gingen , hielt ich mich zuerst fest am Arm meines Bruders , wie um Schutz zu suchen vor Unbekanntem , und dann allmählich liess die Spannung der Nerven nachnichts Unbekanntes , nichts Neues erschien - nichts war verändert . Ich ward mir plötzlich bewusst , dass ich ganz ruhig war . Was habe ich eigentlich empfunden ? Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich , dass sein Tod niemandem so erscheinen konnte . Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen , die nicht wie er die Grenze überschritten haben , die wir Vernunft nennen , das Leben der Jammer , nicht der Tod . Wir schätzen es nur so falsch weil wir durch Generationen hindurch dazu erzogen sind . Wie sollten auch Leute regiert , wie sollten Leute zu Gott geführt werden , qui feraient franchement fi de la vie ? Gott ? Auch dieses eine spezielle Leben soll er gegeben haben , und es war ihm vermutlich doch auch so viel wert wie die Spatzen , die er nicht vom Dache fallen lässt . Und doch ist dies Leben verkommen , der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet . Einer Kette mit bleierner Kugel gleich , hat sich die eine Existenz hemmend und lähmend an eine andere gehängt . Diesem anderen Wesen war die Fähigkeit verliehen , den vollen Schmerz , die ganze Entwürdigung dieser Last bis in seine innersten Fasern zu fühlen ; Hoffen , Streben , Sehnen waren ihm gegeben , und nichts hat sich erfüllt von all den Möglichkeiten , die ihm vorschwebten . Nachdem dann das eine Leben wie eine stumpfe , träge Masse jahrelang hingebrütet und das andere sich mit dem entsetzlichen Bewusstsein eigener Vergeudetheit und Zwecklosigkeit Jahre um Jahre müde hingeschleppt hatte , da hat eine rohe Katastrophe das plumpe Ende gebracht . Nichts ist aufgeklärt , nichts versöhnt . Man steht vor den unvernünftigen Tatsachen . Wozu das Ganze ? Vorsehung ? Nein , der Begriff erklärt mir nichts . In der Vorstellung einer weltenschaffenden , weltenlenkenden Gewalt , die trotz ihrer Allmacht aus ein paar einfachen Menschengeschicken ein so hoffnungsloses Wirrsal werden lässt , in der Vorstellung liegt eine solche Grausamkeit und Willkür , dass man sie immer anrufen möchte : » So verantworte dich doch , verantworte dich ! « - Während all der letzten Jahre habe ich immer gesucht , diese Gedanken niederzuhalten , habe gekämpft , die Bitterkeit zu überwinden - und wie schwer war es doch oft ! Besonders wenn es Frühling wurde , Frühling für andere und sie es so selbstverständlich fanden , glücklich zu sein - und man selbst war so allein , wie eine Art Zufallserscheinung , für die sich kein Platz findet im weiten Weltenplane . Wir finden uns ja leicht ab mit der grossen Verschwendung , die in jeder Sekunde die Natur mit Millionen treibt , die alle des Daseins Möglichkeiten in sich trugen und doch ungelebt zurückschwinden müssen in das Unbekannte , aus dem sie hoffend aufgestiegen . Denn nichts lernt unsere Weisheit leichter einsehen , als die Unabänderlichkeit der Leiden anderer . - Aber , wenn es uns selbst trifft , wenn die Unabänderlichkeit gerade uns fasst , alles das in uns knickt , was werden möchte , wenn jeder Tag mit neuem Hoffen und Warten beginnt und doch nie anderes bringt , als dieselbe Enttäuschung , denselben müden Abend - dann erst erkennen wir die Ungeheuerlichkeit des Weltenleids , weil es unser Leid ist . Ach , das gläubige Hoffen junger Jahre , das allmählich zu zweifelndem Warten wird ! Wenn uns zuerst im Leben Unglück und Unrecht betreffen , denken wir , dass sie nur ein vorübergehender Irrtum sind - etwas wie ein Rechenfehler - der gleich korrigiert und richtig gestellt werden