nicht beschränken . Und übrigens - kennt ihr unsere Hospitäler ? Es ist das Schönste und Wunderbarste , was unsere Humanität , unsere hochentwickelte Humanität geschaffen hat . Die Menschenliebe ist hier zur Genialität geworden . Alle Fälle sind hier vorgesehen . Ist ein Glied schadhaft geworden und verfault , so schneidet man es dort ab . Wir haben lauter neueste Instrumente , und jährlich gibt es neu verbesserte Methoden . Nun denn - diese ausgezeichneten Anstalten , diese Hospitäler und Kliniken sind - hört es , ihr Unzufriedenen ! - in erster Linie für euch bestimmt ! Wir wissen , daß ihr erschöpft seid ! Wir wissen , daß ihr leicht erkrankt ! Wir wissen , daß ihr die Neigung habt , nur halb so lange zu leben wie wir . Wir wissen , daß es für arme Kinder gut ist , sich recht früh an schwere Arbeit zu gewöhnen , und daß dabei leicht etwas geschieht , was auch uns nicht lieb ist . Aber dafür sind nun eben die Kliniken und Krankenhäuser geschaffen worden . Das ist unsere Liebe zu euch . Das ist unsere Fürsorge . « Frevel ! Jammer ! Unsinn ! Es schien Josefine , als sei es nie jemand in den Sinn gekommen , über all diese grausamen Sophismen ernstlich nachzudenken . Hätte man nachgedacht , so hätte man ja ein anderes Mittel finden müssen als die Spitäler und die Kliniken , um all diese künstlich erzeugte Summe von Elend aus der Welt zu räumen . Aber man dachte nicht nach , man wollte nicht nachdenken . Nachdenken hieß zweifelhaft werden an der Vortrefflichkeit und Notwendigkeit des gegenwärtigen Zustandes . Nachdenken hieß an den Stützen der heutigen Ordnung rütteln . Und zu dieser Ordnung gehörte man selbst . Darum tat man leicht und wohlgemut . Man lachte sogar über die Möglichkeit , in diesen Dingen etwas zu ändern . Alles , was bestand , war gut in den Augen derer , die aus diesem Stand der Dinge Vorteil zogen . Zur Ergänzung der heutigen Gesellschaftsordnung mit ihrer wild und üppig wuchernden Industrie , mit ihrer Sklaverei der Massen gehörten ganz notwendig diese schönen Hospitäler mit den prachtvollen Operationssälen , mit den sinnreichen Operationstischen aus Glas und Eisen , mit den eleganten Glasschränken voll blitzender Instrumente zum Abschneiden der zerschmetterten Arme und Beine , mit den vervollkommneten Tobzellen für die Tobsüchtigen , mit den Röntgenstrahlenapparaten zur Behandlung der Tuberkulosen , mit den elektrischen Lampen mit den feierlichen oder groben , immer aber wissenschaftlichen Ärzten in weißen , reinlichen Metzgerkitteln und Gummischürzen , mit den hübschen Pflegerinnen in gestärkten Häubchen , lieb und sauber , hilfbereit und hoffnungslos . Alles dies mußte sein . Die Humanität erforderte dies . Die Humanität erforderte , daß die Glastische zum Abschneiden der zerschmetterten oder verfaulten Arme und Beine von Glas und Eisen seien , daß die Ärzte große Gehälter bekämen , und daß die guten , hoffnungslosen Pflegerinnen gestärkte Häubchen trügen , aber keinem fiel es ein , daß die Humanität eigentlich erforderte , daß man Mittel ausdächte , wie alle diese so außerordentlich human aussehenden , grausig-appetitlich sich darstellenden Personen und Dinge überflüssig zu machen seien . Tag und Nacht tobte der Kampf , Tag und Nacht sanken die Toten , die Verwundeten nieder . Und mit aufmerksamen Augen standen die Ärzte an der Peripherie des bluttriefenden Schlachtfeldes und trugen die Verwundeten beiseite , um sie zu verbinden , zu flicken , auf die Füße zu stellen , damit sie aufs neue in den Kampf eintreten und umfallen könnten . Aber den Kampf zu bekämpfen , die gesundheitsschädlichen Betriebe abzuschaffen , die Ausbeutung unmöglich zu machen , Mangel und Not hinwegzuräumen - daran dachte niemand . Und geschah es doch einmal , dann waren diese Versuche so lächerlich winzig gegenüber dem allgemeinen Frevel , so erfolglos und zersplittert , daß sie einzig dem bösen Gewissen der Besitzenden entsprungen schienen , die nach einem Leben des Genusses die Brosamen von ihrer Tafel in alle Winde streuten . Nein , das geht nicht ! das kann nicht so weiter gehen ! überlegte Josefine , als sie vor dem zerstückten Körper der armen Tuberkulösen stand , die heute zum zehntenmal operiert wurde . Sie kannte die Geschichte dieser Tagelöhnersfrau aus deren eigenem Munde , eine schaurig beredsame Geschichte gegenüber der trockenen Anamnese im ärztlichen Journal . Aber wenn man das Journal zu lesen verstand , dann war es fast noch schauriger in seiner Trockenheit . Es lautete ins Deutsche übersetzt ungefähr so : 1880 , 5. Januar , linker Fuß , große Zehe amputiert . 1880,12 . März , linker Mittelfußknochen reserziert . 1880 , 20. Juli , linker Fuß total amputiert bis zum Knöchel . 1882 , 2. Mai , linke Hand vierter Finger amputiert . 1882 , 10. Dezember , linke Hand Mittelfinger amputiert , Handgelenk reserziert . 1883 , 27. März , linke Hand bis zur Handwurzel amputiert . 1884 , 6. Januar , linker Arm Ellbogengelenk reserziert . 1886 , 18. Juni , linker Arm bis zur Schulter amputiert . 1886 , 12. November , rechter Oberschenkel operiert . Und die Frau , als sie aus der Narkose erwachte , sah mit ihren klugen traurigen Augen Josefine mit einem herzzerreißenden Blick an : » Sechs ruhige Jahre im Grab hätt ich haben können . Wie lange wollt ihr noch so fortmachen mit mir ? So viel gelitten , als die Hand noch da war - immer hat er mir die Finger gebogen , damit sie nicht steif werden - ich mußte so schreien - sie schwollen hoch auf jedesmal . Dann , als der Fuß ab war und ich mit dem schweren Schuh gehen sollte , dreimal durch den Saal , vor all den Studenten ! Ich konnt ' s nicht , bat um einen Stock . Nein , sagt er , Sie sollen ' s ohne Stock lernen , stellen Sie sich gefälligst nicht so an ! Er sagte gefälligst und lachte . Er war