nahm ihm den Überrock ab . Vor dem Spiegel zupfte er die weiße Krawatte zurecht und überzeugte sich , daß die Gardeniablüte im Knopfloch seines Fracks gut befestigt war . Der Diener ging voran und führte den Gast durch zwei große , nur schwach erleuchtete Salons in einen dritten , kleinen , wo die Hausfrau saß - allein . Sylvia , in einfacher , heller Seidengaze-Toilette , kam Hugo ein paar Schritte entgegen und reichte ihm die Hand , die er ehrerbietig küßte . » Herzlich willkommen , Herr Bresser ! Wie Sie sich aber verändert haben ! - Vorteilhaft verändert , « fügte sie lächelnd hinzu . Sie sagte die Wahrheit . Hugo , der jetzt einen spitzgestutzten Bart und in der Mitte gescheiteltes Haar trug , hatte ein verändertes und vorteilhafteres Aussehen . - Auch in seinem Gesichtsausdruck , in der eleganten Sicherheit seines Auftretens war etwas Neues , etwas , das er den Erfolgen zu danken hatte , durch die er zu einem gefeierten Liebling der Berliner Gesellschaft geworden war und durch die er an Selbstbewußtsein gewonnen hatte . Sylvias äußere Erscheinung war unverändert . Auf den ersten Blick und nach den ersten getauschten Worten fand Hugo jenes gewisse Etwas in ihren Zügen wieder , das er daran geliebt hatte - ein eigener Zauber , der , wenn sie sprach und lächelte , um ihre , die kleinen perlenweißen Zähne aufdeckenden Lippen huschte . Die innere Bewegung dieses Wiedersehens verdeckten beide durch ein beinahe überhastetes Fragen und Antworten über die banalsten Gegenstände : » Wann sind Sie angekommen ? - Wie lange bleiben Sie ? - Wie gefällt es Ihnen in Berlin ? « Und seinerseits : » Wie geht es dem Grafen Delnitzky , wie der verehrten Baronin Tilling ? - Hatte die Frau Gräfin einen angenehmen Aufenthalt an der Riviera gehabt und hat sie wieder eine Reise vor ? « Dann lenkte Sylvia das Gespräch auf Hugos literarische Erfolge , und dadurch ward es auf ein weniger flaches Gebiet gebracht und auf einen persönlichen Ton gestimmt . » Sie sind nun ein anerkannter - man darf schon sagen ein berühmter Dichter geworden , Herr Bresser ! Das muß doch ein stolzes , angenehmes Gefühl sein ? « » Das Angenehmste beim Dichten liegt nicht in der Anerkennung , sondern in der Arbeit . Das Schaffen ist eine Befreiung ... eine Besitzergreifung von erträumten Schätzen . Alles , was einem das Leben und die Welt auch bringen mag an Enttäuschung , an Schmerz , an Zorn - das braucht einen nicht im Innern zu erdrücken und zu ersticken ... das packt man , gibt ihm eine Form und umkleidet es mit seiner ganzen ausgedrückten Leidenschaft - da steht es denn da , zuckend , lodernd , weinend - aber man ist es los . Und auch die Freuden , die Seligkeiten , die stolzen Siege , die einem das Leben nicht bietet - auch die reißt man aus dem Reich der Phantasie herunter und stellt sie vor sich hin , in den Prunk der Sprache gekleidet - und sie gehören einem - man ist ja ihr Schöpfer . « » Wie begeistert Sie von der Dichtkunst sprechen ! « » Ich nehme meinen Beruf ernst , Gräfin , ich gehe in ihm auf . Seit jeher , Sie wissen es ja , habe ich darauf gerechnet , mit der Feder zu wirken . Die Journalistik war das Feld , auf dem ich kämpfen wollte - « » Ja , ich erinnere mich - jene Zeitung , in der auch Rudolf eine Stütze seiner parlamentarischen Aktion finden sollte - « » Die ist ins Wasser gefallen - « » Wie Rudolfs parlamentarische Laufbahn , « schaltete Sylvia ein . » Ich weiß ... für mich war ' s gut . Vielleicht auch für ihn ? ... Ich wurde in ein anderes Gebiet der schriftstellerischen Arbeit gedrängt und habe darin die unerwartetsten Erfolge erzielt . « » Gesegnet sei also jenes gescheiterte Journal ! « » Nicht dieses Scheitern allein hat mich von der Journalistik zur Dichtkunst gebracht . Es war ein Erlebnis , das meine Seele aufgewühlt hatte - ein Sturm von Gefühlen , den ich nicht in Leitartikeln und Feuilletons hätte austoben lassen können . « » Sondern in Romanen und Dramen ? Ich muß zu meiner Schande gestehen , daß ich Ihre Werke noch nicht kenne - haben Sie denn dazu Ihre eigenen Erlebnisse als Stoff verwertet ? « » Nein . Nur die tobenden Gedanken und Gefühle die durch meine Erlebnisse erweckt wurden , habe ich in meine Versuche gelegt . Ich sage Versuche , wo Sie Werke sagen , Gräfin - denn obwohl ich ja als Anfänger Glück gehabt , so weiß ich doch am besten , daß mein bisher Geleistetes nur schwache Versuche sind ... Mein Werk , mein Kunstwerk - das werde ich erst schreiben . Nennen Sie das nicht unbescheiden , nicht Vermessenheit . Ich glaube , es kann gar keinen rechtschaffenen Künstler geben , der nicht in sich ein ganzes Chaos von brodelnden Stoffen und Kräften fühlte , das darnach strebt , eine Welt zu werden - « » Bitt ' um Verzeihung ... hab ' ich mich verspätet ? « Es war Delnitzky , der hereingetreten . » Grüß Sie Gott , Bresser - na , ich gratuliere - Sie sind ja ein Tausendsassa geworden ... das muß hübsche Tantiemen absetzen , Ihr Theaterstück , was ? Du , « wandte er sich zu seiner Frau , » ich soll Dir sagen : der Rudi kann heut nicht kommen - die Beatrix ist krank . « » Ach , die Arme , schon wieder ? Und meine Cousine hat auch abgesagt , so werden wir allein essen - « » Das wird ja recht gemütlich so , « sagte Delnitzky , » nur laß schnell anrichten - ich geh ' heut ' in die Oper und von Carmen hör ' ich gern den ersten Akt . « Während