mein engeres Vaterland , und wenn nicht gleichzeitig zu viele Petenten da sind , so wird man mir ein Stipendium gewähren - das ist doch klar wie der Tag ! Nicht wahr ? Wann werd ' ich schreiben ? 10. Oktober . Der Brief ist fort ! Mir ist so leicht und froh . So hoffnungsvoll . Etwas erstaunt werden sie vielleicht sein , weil Papa fast für wohlhabend gilt , aber ich habe ihnen ja alles gründlich auseinander gesetzt . Ich habe gesagt : » Die Heimat , das ist meine einzige Hoffnung . « Sie müssen es ja einsehen . Ich kann wieder essen . Ich habe ohne schwere Träume geschlafen , heute Nacht . Noch atme ich beklemmt , aber das wird vorübergehen . Es wird ja nun alles gut werden ! Von der Heimatsbehörde Geld zu bekommen , anzunehmen , das ist doch nichts Ehrenrühriges . Im Gegenteil ! Es wird mich erheben , mich beglücken , solch ein Vertrauenszeichen zu empfangen ! Und ich will mich dessen würdig zeigen , ich werde mein Leben dem Recht und der Gerechtigkeit weihen . Auch die Geringste kann ja etwas thun . Ein schurkischer Advokat , der das Recht beugt , verunglimpft es in so vielen Augen , warum sollte nicht das gute Wollen zehnmal mehr Kraft haben ? Es wird gut werden ! Und eines Tages werde ich vor Papa und Mama hintreten und ihnen sagen : » Verzeiht mir ! ich habe erreicht , was ich erstrebt , - seid mir nicht böse , daß es mit Hülfe anderer Mächte geschah . « Und ich fühl ' s , sie werden mir verzeihen ! Das ist doch schön im alten Bluntschli : » Der Staatswille ist etwas Höheres als der bloße Durchschnittswille aller zum Volke gehörenden Individuen « . Ja , gewiß . Der ganze Fortschritt der Menschheit beruht auf dieser Hoffnung , daß beim Zusammengehen Vieler die fördernden aufsteigenden Kräfte triumphieren über die hemmenden atavistischen oder dekadenten Erscheinungen in den Einzelnen . Hätte sonst je die Sklaverei , die Leibeigenschaft abgeschafft werden können ? Gewiß , dieser höheren Einsicht darf man getrost vertrauen ! Sie wird ja nicht durch Kleinlichkeiten , durch Einzelerwägungen getrübt ; sie muß ja sehen , daß außer den Männern auch Frauen den Staat ausmachen , daß sie sogar die größere Zahl aller Individuen bilden , daß sie , zur Menschlichkeit erwacht , mächtig um ihre Menschenrechte ringen , und aus der Tiefe , in der man sie jahrtausendelang künstlich gehalten , nach höherer Kultur und höheren Pflichten schreien ! Wir Deutschen haben doch einen Kulturstaat ; welche Kulturaufgabe kann ihm näher liegen , als die Unterstützung der Frau in ihrem berechtigten Freiheitskampf ? Ich bin ganz ruhig jetzt ! Der Einzelne kann seine Zeit mißverstehen , kann die tiefen reißenden Strömungen mißkennen , kann sich ihnen entgegenzustemmen versuchen in blinder Ueberschätzung seiner Macht . Aber der Gesamtwille , der höher ist und weiter , er wird die Zeichen zu deuten wissen , und was nützlich , fördersam , menschlich , gerecht ist , das wird er nicht bekämpfen , sondern unterstützen ! Ich habe solch ein volles , gläubiges Zutrauen ! - 18. Oktober . Und doch in Angst und Zagen auf und zu Bett . Fast versteh ' ich nicht warum , die Vernunft redet mir zu , vernünftig , wie sie ' s gewohnt ist , daß ich hoffen und vertrauen soll . Aber - - 30. Oktober . Ich zwinge mich zum Arbeiten , es ist aber schwierig . Die Gedanken schweifen ab , mehr denn je . Immer denk ' ich an die Antwort . Wie wird sie ausfallen ? Und das ist unrecht ! seit den letzten Tagen fang ' ich schon an , auf sie zu warten . Mit Spannung lauf ' ich nach Hause , frage die Wirtin - - Sie sieht mich so besonders an , sie hat viel Mitgefühl . Ich muß fortziehn , irgend eine billigere Mansarde suchen . Mehr als zwölf , dreizehn Franken darf ich nicht ausgeben . Es geht ja schon auf die Neige , und die Aussicht auf neues - - Es war gewiß verrückt , daß ich dies Semester doch wieder belegt habe . Wer kann wissen , was mit mir geschieht ? Ich that es in der frohen Zeit , kurz nach Absendung des Briefes . Das kommt mir jetzt schon so lang her vor . Manchmal werd ' ich ganz unruhig , sage mir : worauf wartest du denn eigentlich ? Aber es muß doch einmal eine Antwort kommen , und es muß eine gute sein ! Ich war immer unverbesserlich im Hoffen , ich weiß schon . Maßlos , wie in allen Dingen ! ja ! Vielleicht ist es unrecht , daß ich immer noch zu dem Mittagstisch gehe . Nur - es ist so früh kalt geworden dieses Jahr , und ich werde den ganzen Tag nicht warm , ohne solch eine warme Mahlzeit . Und dann - dies Sklaventum der Gewohnheit ! Es hält einen fest . Uebrigens glaube ich , daß die lange Sorge auch träge macht . Stumpfsinnig . Ich kann sitzen und vor mich hinstarren , stundenlang , und nichts denken , als die ewige Frage : was werden sie antworten ? Eigentlich empörend , kostbare Lebensstunden so zu vergeuden ! Nur in den Kollegien , da vergeß ich alles . Ich höre auch hier und da etwas Physiologie ; wenn es kalt ist , in einer Zwischenstunde , braucht man dann nicht nach Haus . Es ist auch wundervoll interessant , ich verstehe freilich nicht alles . 12. November . Ich habe mit der Wirtin gesprochen , - - sie hat mir etwas Schreckliches gesagt ! Sie hat gesagt : » Nein , das thäten wir nicht , - die Gemeinde in Anspruch nehmen ! Da heißt ' s hinterdrein , man sei almosengenössig . « Sie meinte es nicht böse , sie sagte nur ihre