anscheinend mit Ekel und Überwindung . An seinem Hals war eine blutige Schramme . » Wo warst du ? « fragte Elkan Geyer mit richterlicher Würde und trat an den Tisch . Seine Stimme bebte . Agathon sah seinen Vater ausdruckslos an und fuhr fort zu kauen . Frau Jette hatte sich , den Kopf auf den Arm gestützt , weit über den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend an . » Woher hast du die Schramme ? « fragte Elkan Geyer weiter und stützte beide Fäuste auf den Tisch . Seine weichen , guten Augen begannen zu funkeln . Auch Enoch trat jetzt herzu , schob den Kopf Agathons mit der Hand so weit zurück , daß ihm das Gesicht aufwärts zugewandt war und blickte ihn finster an . Agathon schlug die Augen nieder . » Woher hast die Schramme ? « brach Frau Jette mit ihrer kreischenden Stimme aus . - » Vom Baum , « murmelte Agathon . Elkan Geyer verfärbte sich und sprach plötzlich zum Erstaunen der andern von den Erfolgen seiner Fahrt nach Altenberg . Agathon erhob sich und verließ das Zimmer . » Sag ' mir um Gotteswillen , was der Junge hat ! « klagte Frau Jette . Elkan stand am Fenster . Ihm war , als sähe er den Wasserspiegel in der Ferne oder spüre den feuchten Hauch der Flut . Sein Herz wurde eng . Er folgte Agathon , denn der Gedanke an ihn bedrückte seine Sinne . Er öffnete eine Tür des finstern Flurs und kam in eine kalte , kahle Kammer , wo auf einem hochbeinigen Holztisch eine Kerze stand . Agathon war über ein dickes Buch gekrümmt , die Finger in den Haaren verwühlt . Es war das Neue Testament . Kaum hatte Elkan das Buch angesehen , als er es mit einer wütenden Bewegung packte , es unter den Armen Agathons hervorzerrte , die einzelnen Blätter zerfetzte und den Band in eine Ecke warf . » Das tust du ! Das tust du mir ! « flüsterte er atemlos . Agathon schwieg , wandte die Augen nicht von denen seines Vaters und veränderte nicht seine kauernde Stellung . Elkan empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht vor ihm , setzte sich auf den Bettrand und fragte schüchtern : » Was hat er mit dir gemacht der Sürich ? « Agathons Augen funkelten . Er schüttelte den Kopf und sah begierig in den schmalen Spiegel an der Wand , als ob er jede Veränderung seines Gesichts studieren wolle . » Kannst du ' s nicht sagen ? Deinem Vater ? « » Nein . « » Ja , aber - ! « » Nein . Warum hast du denn das Buch zerrissen ? « » Weil es Sünde ist , es zu lesen , Sünde gegen den Gott Israels . Woher hast dus ? « » Sünde ? Was Millionen gläubig wissen , kann doch nicht für irgend einen Sünde sein . Du sagst , Israel ist Gottes Lieblingsvolk ? Er beschützt es vor allen andern ? « » Ja . « » Das ist Unsinn und Lüge . « » Agathon ! « » Ja ! Alle Völker hassen uns und ich glaube , Gott haßt uns ebenfalls . « » Was für Reden ! « » Wir haben Jesus gekreuzigt und - « » Wir - ! nicht wir Agathon . « » - aber wenn wir es nicht getan hätten , wäre er nicht Jesus Christus . Sie haben uns also Jesus Christus zu verdanken . « » Natürlich . « » Trotzdem fluchen sie uns , « fuhr Agathon fort , » und wir haben kein Vaterland . « » Warum nicht ? Hier ist unser Vaterland ! Deutschland ! Uns beschützt der Kaiser und das Gesetz . « » Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland , Vater . Und wo man beschützt werden muß , ist man nicht daheim . « » Du bist ein Klügler . Das Leben ist einfacher , als die Klugheit eines Knaben . « » Ich bin kein Knabe mehr , Vater . Wenn uns das Volk lieb hätte , wären wir nicht so wie wir sind . Wir sind Unebenbürtige in diesem Land und wir sind doch mehr als sie , stärker als sie ! « Wieder funkelten seine Augen und es lief ein Zittern durch seinen Körper ; er stand da , sein schmales Gesicht war verzerrt , seine Hände waren ineinander gekrampft , und er stieß einen Laut des Grauens aus . Elkan blickte verstört umher , aber er gewahrte nichts . Er packte Agathon bei den Armen , schüttelte ihn und begegnete seinem ausdruckslosen , starrenden Blick . Die Türe knarrte , und Frau Jette kam herein . Sie sagte , ein armer Gast sei gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft . Fast willenlos verließ Elkan das Zimmer . Als er wieder den Flur entlang schritt , überfiel ihn beklemmend das Gefühl seiner Not . Morgen würde ihn Sürich Sperling pfänden lassen , und selbst die kleine Krämerei , die den Bedarf für den Tag deckte , würde verloren gehen . Hätte er nur seiner Kinder Geld bei Löwengard bekommen können ! Er überlegte , wie er dies anstellen könne . Der Fremde stand im Zimmer und murmelte Gebete ; seine Augen flogen gierig über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht hatte einen übertriebeninbrünstigen Ausdruck . Als er fertig war , wurden seine Mienen finster und feindselig ; er beantwortete alle Fragen so kurz als möglich , schaute keinem ins Gesicht und als die Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam , wandte er sich ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen , um nicht durch den Anblick einer Christin verunreinigt zu werden . Sein Hut , den er während des Essens aufbehielt , war alt und zerlöchert . Alle gingen zur Ruhe , auch der Fremde , der in der oberen Kammer am Giebel eine Bettstätte bekam . Immer klang es