weinen - es war doch besser , wenn sie die Idylle fallen ließ und ihm ganz als Salondame erschien . So war Liesbeth in die Kinderstube zu Brüderchen zurückgeschickt worden . Bereits mehrmals im Laufe des Vormittags hatte sie im Gedächtnis die Scene mit Viktor heute morgen rekapituliert und eben war sie wieder dabei . Es wollte ihr doch jetzt dünken , als habe sie ein sehr gewagtes Spiel gespielt , indem sie um des Professors willen Fernau so gut wie preisgab . Es war nicht ihre Absicht gewesen . Sie hatte , als sie Albrecht zu dem Besuche aufforderte , Fernau zeigen wollen : Sie sehen , daß ich ganz unbefangen bin ; wäre ich es nicht , würde ich mich wohl hüten , Viktor in mein Spiel blicken zu lassen , sondern es ruhig für mich weiter spielen . Nun hatte ein Wort das andere gegeben und zuletzt war eine richtige Anklage daraus geworden gegen den einzigen ihrer Kurmacher , mit dem sich eine Flirtation verlohnte . Das Sprichwort von dem unreinen Wasser , das man nicht voreilig weggießen solle , fiel ihr ein . Über den blinden Eifer ! Um das eine zu thun , brauchte man doch das andere nicht zu lassen ! Oder den andern ! Und Viktor würde nun nichts eiliger haben , als » seinen besten Freund « zur Rede zu stellen ; und er , der hinter jedem Busch gestanden hatte , würde in ein höhnisches Gelächter ausbrechen : siehst Du denn nicht , Verehrtester , daß Dir Deine Frau ein X für ein U macht ! Sand in die Augen , lieber Sohn ! Den Sack schlägt man , und den Esel meint man ! Ich hätte Dich für klüger gehalten ! Und wozu das alles ? Wenn ich wenigstens wüßte , ob ich den Menschen liebte ! Aber davon ist doch gar keine Rede . Es ist doch nur - Auf dem Flur ertönte die Klingel . Klotilde zuckte zusammen , griff mit nervöser Hast nach dem Buch und lehnte sich scheinbar lässig in den Fauteuil zurück , während ihr das Herz gewaltsam klopfte . Es war ihr nichts Neues mehr : sie hatte es jetzt jedesmal durchzumachen , wenn sich die Thür öffnete , durch die er eintreten sollte . Das eben ergriffene Buch lag in ihrem Schoß ; sie hatte dem Eintretenden gütig entgegengelächelt und , ohne sich zu erheben , ihn mit einer Handbewegung aufgefordert , auf einem Faulteil vor ihr Platz zu nehmen . Nun erst streckte sie ihm , sich vorüberbeugend , die Hand hin und sagte mit einer Stimme , deren leises Zittern ihm hoffentlich entging : Wie lieb von Ihnen ! Ich denke , mein Mann wird jeden Augenblick nach Hause kommen . Und inzwischen habe ich Sie in Ihrer Lektüre gestört ! Sie wundern sich , daß unsereine auch mal ein Buch zur Hand nimmt . Wenn ich dergleichen blasphemische Gedanken je gehegt hätte - was nicht der Fall gewesen ist - diese letzten Abende , in denen ich an den Damen Ihres Kreises ebensoviele Repräsentantinnen der feinsten Bildung , des exquisitesten Kunstsinnes bewundern durfte , hätten mich eines Besseren belehrt . Sehr gütig ! Und doch kann ich den Verdacht nicht los werden , daß Sie in uns ohne Ausnahme besten Falls nur dressierte Puppen sehen . Welches Recht hätte ich zu einem so herben Urteil , der ich auf dem identischen Standpunkt der übrigen Herrschaften stehe : dem des Dilettanten . Was versteht man eigentlich unter einem Dilettanten ? Ich glaube : jemand , der lebhafte Freude an der Kunst hat , sich auch wohl in ihr übt und es bis zu einem gewissen Grade der Fertigkeit bringt , ohne doch Künstler zu sein . Und wie wird man Künstler ? Wenn man dazu geboren ist . Das ist sehr bequem . Nicht so ganz . Es gehört dazu , daß man von diesem seinem Geburtsrecht den rechten Gebrauch macht und den Nachweis seiner Legitimität führt . Wodurch ? Durch unablässigen , unerschöpflichen Fleiß , dessen der geborene Dilettant niemals fähig ist . Mein Gott , wie ist das schön ! Was , gnädige Frau ? Von einem klugen Manne sich so belehren zu lassen ! Es war ihr keine Phrase gewesen . Albrecht hatte das wohl herausgehört und sah es an dem Glanz ihrer großen Augen , der ihm bis ins tiefste Herz leuchtete . Noch nie war ihm die schöne Frau so schön erschienen ; noch nie glaubte er , sie so geliebt zu haben . Aber auch bei Klotilde wirkte der Zauber , den die Gegenwart des Mannes stets auf sie übte , mit voller Kraft . Wie ertappte Verbrecher hatten sie beide gleichzeitig die flammenden Augen niedergeschlagen . Klotilde hatte in ihrer Erregung das Buch von ihrem Schoß auf den Teppich gleiten lassen ; Albrecht hob es auf . Indem sie unwillkürlich dieselbe Bewegung ausführte , hatten sich die greifenden Hände für einen Moment flüchtig berührt . Es war so unverfänglich ! Keiner hatte die Absicht gehabt ! Dennoch waren beide tief errötet ; Klotilde strich über eine Falte ihres Kleides ; Albrecht blätterte verlegen in dem Buch . Verzeihen Sie die Indiskretion ! Es ist so die leidige Gewohnheit von uns Büchermenschen , nach dem Titel zu sehen ! Das hätten Sie nun wirklich nicht bei mir gesucht . Aufrichtig , gnädige Frau , nein ! Aber ich freue mich , es hier gefunden zu haben . Sie schwärmen für unsere neueste Litteratur ? Ich interessiere mich sehr für sie , wie für allen kühnen Experimente auf welchem Gebiete immer , von denen ich hoffen darf , die wenigstens die Möglichkeit gewähren , daß die Menschheit einen Schritt weiter kommt . Mein Mann findet diese Sachen entsetzlich . Ihr Herr Gemahl gehört zu der höchst ehrwürdigen Klasse von Staatsbürgern , denen es obliegt , das Bestehende zu konservieren und unsere fin-de-siècle -Menschen vor den Orgien einer kopf- und ziellosen Revolution zu bewahren . Klotilde lachte