, gethan haben , Ihr Pflegesohn W. St. Die Schlußsätze des Briefes waren eigenste Hinzufügung Stilpes . Sonst war der Brief nicht eigentlich nach seinen Intentionen . Er hatte ihn zerknirschter und umfangreicher angelegt , mit einer großen Diatribe gegen das Geschlecht der Gymnasiallehrer als Mittelstück , aber das Mädchen wollte nichts davon wissen . Als aber der Brief geschrieben war , fingen beide an , vergnügter zu werden , als vielleicht die Leute glauben , die da nicht wissen , zwischen welch fernen Gegenden die Schaukel in der Seele mancher Menschen hin und her schwingt . Denn Himmel und Hölle , Reue und Wollust liegen zuweilen nicht weiter von einander entfernt , als die Lippen zweier Menschen , die sich küssen . Fünftes Kapitel Die Oberprima des Königlichen Gymnasiums einer kleinen sächsischen Industriestadt war ausnahmsweise Sonnabend Nachmittag in die Schule berufen worden , weil der Geheimrat Ammer , der als Königlicher Kommissarius die bevorstehende Abiturientenprüfung zu überwachen hatte , mit dem Wunsche hervorgetreten war , die Kandidaten schon zuvor persönlich kennen zu lernen . Er hatte sich mit ihnen in einer sehr freundlichen und schmeichelhaften Art unterhalten , nämlich gar nicht so , wie es die Art der Lehrer war , sondern in der gewinnenden Manier eines älteren Freundes etwa , der seinen Vorsprung an Jahren und Reife als nebensächlich behandelt und ein Verhältnis von Vertraulichkeit zu schaffen oder wenigstens vorzutäuschen sucht , soweit dies möglich ist . Er hatte sogar » Meine Herren ! « gesagt . Und statt der Vorprüfung , die man befürchtet hatte , war es wirklich blos eine Art Unterhaltung gewesen , bei der der Geheimrat jeden Anschein von Examinieren vermieden hatte . Die Oberprimaner verließen das Schulgebäude also mit stolz erhobenen Häuptern , auf denen hellrote Mützen meist sehr weit nach hinten gerückt saßen . Diese Mützen hatten die Form von umgedrehten kleinen niedrigen Näpfchen , nur drei der jungen Leute trugen solche von anderer Façon , nämlich breite , hinten etwas nach abwärts gedrückte Deckel . Diese drei Schlappdeckel , wie die anderen sie nach ihren Mützen nannten , gingen in sehr eifrigem Gespräche abgesondert . - Eigentlich wars etwas gewagt von Schaunard , ausgerechnet die beiden Gracchen als seine Lieblings-Römer zu nennen , nachdem der Hohe Rat ihn wegen Sozialismus und Atheismus schon mal hat schwenken wollen , sagte der Eine , ein untersetzter Bursch mit schläfrigen , aber nicht geistlosen Augen und einem bereits sehr dichten Schnurrbart . - Aber mein süßer Rodolphe ! Du geruhst immer noch , Dich um drei Gramm dümmer zu stellen , als wofür Du uns hältst . Du weißt so gut wie wir , daß Schaunard ein Psychologe von vielen Graden ist . Er hat diesen fürtrefflichen Geheimrat blos sehr gut erkannt . Denn siehe da : Schon ist er zu einer Privataudienz zurückbehalten worden ! Der das sagte , war ein dürrer brünetter Mensch mit einer sehr schönen Nase und wunderschönen braunen Augen , die leider hinter sehr starken Klemmergläsern saßen . Er ging etwas gebückt , aber nicht aus irgend einem körperlichen Grunde , sondern aus philosophischer Koketterie . Es wäre ihm ein Vergnügen gewesen , buckelig zu sein . - Marcel hat Recht . Schläue und abermals Schläue ! Heute hat Schaunard seinen Abitur gemacht , sag ich ! Das Backpflaumenmännchen hat sich in ihn verliebt und wird ihn trotz allen konrektoralen Gekrähes und Geheules durchschleppen . Wetten ? Der so sprach , war ein sehr jung und zart aussehender Jüngling , der sich aber ein bischen renommistisch geberdete und damit den knabenhaften Eindruck seiner Person zu verwischen suchte . Auffällig an ihm war seine Haarfrisur , die etwas an die napoleonische Zeit erinnerte , wo man es liebte , nach dem Vorbilde des Cäsaren die Haare ins Gesicht und über die Ohren zu streichen . Wer Mürgers Bohème-Buch kennt , wird , nachdem die Namen Rodolphe , Marcel und Schaunard gefallen sind , ohne weiteres wissen , daß sich dieser Jüngling des Spitznamens Colline erfreute . Diese Spitznamen waren übrigens in der Schule nicht allgemein gültig , sondern ein Reservatrecht des » Cénacles « oder der Vereinigung der vier Schlappdeckel unter sich , die , als zukünftige Dichter und Künstler , wie sie sich fühlten , sich das Cénacle in Mürgers Vie de Bohème zum Muster genommen hatten und sogar nach Möglichkeit die Ausdrucksweise ihrer Vorbilder nachahmten . Sie hielten sich , im Gefühle ihrer Zukunft , sehr exklusiv gegenüber den anderen Primanern , die eingestandenermaßen blos Pastoren , Lehrer , Ärzte , Juristen , Offiziere werden wollten , und wurden dafür wieder von diesen als überspannt und lächerlich abgethan . Ihre bürgerliche Nomenklatur war diese : Rodolphe : Bruno Wippert , Marcel : Max Stöffel , Colline : Ludwig Barmann , Schaunard : Willibald Stilpe . Stilpe war der Gründer des Cénacles und sein anerkanntes Haupt . Er war damals , nachdem er sich von Martha getrennt hatte , nicht gar weit gekommen . In Halle , das doch nicht auf der Route Leipzig-Athen liegt , hatte man ihn in einem Tingeltangel festgenommen , weil er in der Betrunkenheit unablässig laut und rhythmisch geschrieen hatte : ( a + b ) 2 = a2 + 2ab + b2 Auf die Polizei gebracht und nach dem Grunde dieser mathematischen Rezitation gefragt , hatte er auf die ihm drohende Nachprüfung in der Mathematik als einen höchst triftigen Grund hingewiesen und überdies gebeten , man möge ihm seine Logarithmentafel holen , die in der Untersekunda der Leipziger Thomasschule Cötus B auf seinem Platze liege , unten auf der letzten Bank rechts . Damit hatte er sich zur Genüge als der durchgebrannte Gymnasiast aus Leipzig legitimiert , dessen Signalelement auch auf der hallischen Polizei eingetroffen war . Was sich dann begeben hat , bleibe im Schatten der Vergessenheit , wie auch Stilpe selbst nie mehr daran dachte . Denn er liebte unangenehme Erinnerungen wenig und besaß ein ausgesprochenes Talent dafür , fatale Dinge zu vergessen . Es fehlte nicht viel , daß er