bitte , bitte , bitte ! Du mußt , hörst du , du mußt ! In ausbrechender Verzweiflung stürzt sie ans Fenster und streckt die Arme zum Himmel . Da schrillt ein Klang herüber . Drüben , jenseits des Platzes , liegt das hohe , düstere Gefängnisgebäude , in dessen Hof die schwersten Verbrecher gerichtet werden . Die Betende kennt das Glöcklein . Es läutet nur , wenn Einer zum Sterben geführt wird . Ihre entsetzten Augen glauben den armen Sünder in den Hof hinausschwanken zu sehen . Es ist eine Frau . Elise schauert zusammen . Hat die auch eine Mutter gehabt , die zum Himmel für sie flehte ? Die um ihr Leben zu Gott schrie ? Allmächtiger ! ... vielleicht hat ihr stammelndes Gebet , das Leben ihres Kindes erhalten , erhalten , damit dieses aus ihm wurde ? Allmächtiger ! Sollte man - vielleicht nicht so heiß beten und bitten , den Herrn zwingen wollen , etwas zu thun , was - vielleicht - besser ungethan bliebe ? Sollte man unterlassen , etwas erkämpfen zu wollen , was dann ... das Rot des glutvollen Wunsches an sich trägt , aber - als Blutflecken ... vielleicht . - - Die gefalteten Hände der jungen Frau lösen sich , und sinken steif , starr herab . Ists vielleicht besser , nicht allzuheiß zu beten ? gar nicht um etwas zu bitten , sondern in Gelassenheit , in erstrittener Stille , in lächelnder Opferbereitheit , im Wissen , daß das Beste geschieht , das Kommende zu erwarten ? O Gott ! ich will nicht bitten ! ..... Das Weib bricht in die Kniee und neigt seine Stirn . Da regt sichs im Bettchen der Kleinen und ein Stimmchen flüstert : » Mama , Mama , ich bin so hungrig « ...... Er ging etliche Male in der Stube auf und nieder , schüttelte dann und wann den Kopf , trat wieder zu dem Bogen , las ihn , faltete ihn zusammen , steckte ihn ein , und ging fort . 11 » Ich war einmal in der Lage Ihnen einen Gefallen erweisen zu können , üben Sie jetzt Vergeltung « . Der große schwarzlockige Mann , der sich träg in einem Sessel schaukelte , lachte . » Aber gewiß , Tage . Sagen Sie nur Ihren Wunsch . Wenn ich kann , erfülle ich ihn gern « . Tage sah sich einen Augenblick in dem luxuriösen Herrenzimmer um , dann sagte er nachlässig . » Sie geben nächste Woche ein Fest . Laden Sie eine junge , hübsche , begabte Schriftstellerin , die mich interessiert , mit ein . Ich möchte das Mädchen gern unter die Menschen bringen « . » Sie Tausendsassa ! Und wenn die Baronin kommt ? « » Die kommt nicht , lieber Klingenberg . Seien Sie außer Sorge « . Der Mann mit den dunklen Locken nickte . » Va bene ; aber mit wem soll die Dame kommen ? Sie wissen , ich stehe über all diesen Formalitäten , aber meine Frau ist darin etwas peinlich « . » Dürfte Frau Wewerka sie herbringen ? « Klingenberg sprang auf . » Um Gotteswillen ! Er hat sich durch seine letzten Schwindeleien ganz unmöglich gemacht ; sie , na , da brauchen wir keine Worte zu verlieren « . Tage zuckte die Schultern . » Nun , dann kommt Fräulein Grün allein . Sie als fremde , hier zugereiste Dame darfs ja « . Klingenberg nickte . » Gewiß ; übrigens , es werden ja mehr Leute da sein ; sie wird nicht sitzen bleiben ; überdies , Sie kommen ja auch « . » Natürlich « sagte der Poet . Er stand auf und reichte dem Andern die Hand . » Also abgemacht und Dank « . » Soll ich sie persönlich einladen ? « » Nicht nötig « meinte Tage , » ich bringe sie einfach Sonnabend her « . » Gut « . Alfred Klingenbergs Salon war eine bekannte Versammlungsstätte aller Künstler . Hier gingen Maler , Bildhauer , Dichter und Kritiker aus und ein . Viele kamen nur des guten Essens wegen , Andere der Bekanntschaften wegen , die man da machte , wieder Andere , um Käufer oder Interessenten für ihre Kunstschöpfungen zu finden . Alfred Klingenberg und Frau , die beide selbst auf allen Kunstgebieten herumtasteten , wollten durch die Künstler , die sie um sich versammelten , wenigstens indirekt mit Frau Kunst verkehren . Er besorgte selbst die Delikatessen , die er seinen allezeit hungrigen und durstigen Gästen vorsetzte . Es war dem Ehepaar lange ein großer Schmerz gewesen , daß Professor Kneilenbregg , der » große Mann « , wie ihn Lohringer nannte , nicht zu der Schaar seiner Stammgäste zählte . Eines Tages , als wieder die Rede darauf kam , warf sich Tage , der als Liebling Kneilenbreggs galt und viele Vorteile von Klingenbergs zog , stolz in die Brust und versprach , mit ihm zu reden . Und in der nächsten Sonnabendgesellschaft brachte er den Gefeierten , Langersehnten mit . Das wars , worauf Tage vorhin anspielte . Mit einem Siegerlächeln um den wenig anmutigen Mund ging er von Klingenberg nach der Redaktion eines lyrischen Käseblattes , wo die Dichter ihre Photographien in Geldnoten eingewickelt hinsandten , um sich an der Spitze des Blattes klischiert zu sehen , warf Johannes Bogen auf den Tisch und sagte zu dem überaus zuvorkommenden Redakteur : » Du , Flick , hör mal . Laß das Zeug da abschreiben und brings , wenn möglich , in der übernächsten Nummer . Ich hab der Dichterin die Arbeit schwer bezahlt , will aber nichts von Dir dafür . Man muß auch ideal sein können . Apropos , den Reklameartikel über Eure Zeitung habe ich schon fast fertig . In einigen Tagen geht er ab . Adieu , also ! « » Sei unbesorgt « . Die beiden schüttelten einander die Hände . 12 Nachmittags erwartete Tage Johanne . »