Leopold Treibels Frau werden , und wenn der Alte das Zeitliche segnet , was doch , wie sie mir versicherte , höchstens noch zehn Jahre dauern könne und , wenn er in seinem Zossener Wahlkreise gewählt würde , keine fünfe mehr , so will sie die Villa beziehen , und wenn ich sie recht taxiere , so wird sie zu dem grauen Kakadu noch einen Pfauhahn anschaffen . « » Ach , Marcell , das sind Visionen . « » Vielleicht von ihr , wer will ' s sagen ? aber sicherlich nicht von mir . Denn all das waren ihre eigensten Worte . Du hättest sie hören sollen , Onkel , mit welcher Suffisance sie von kleinen Verhältnissen sprach und wie sie das dürftige Kleinleben ausmalte , für das sie nun mal nicht geschaffen sei ; sie sei nicht für Speck und Wruken und all dergleichen ... und du hättest nur hören sollen , wie sie das sagte , nicht bloß so drüber hin , nein , es klang geradezu was von Bitterkeit mit durch , und ich sah zu meinem Schmerz , wie veräußerlicht sie ist und wie die verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hält . « » Hm « , sagte Schmidt , » das gefällt mir nicht , namentlich das mit den Wruken . Das ist bloß ein dummes Vornehmtun und ist auch kulinarisch eine Torheit ; denn alle Gerichte , die Friedrich Wilhelm I. liebte , so zum Beispiel Weißkohl mit Hammelfleisch oder Schlei mit Dill - ja , lieber Marcell , was will dagegen aufkommen ? Und dagegen Front zu machen ist einfach Unverstand . Aber glaube mir , Corinna macht auch nicht Front dagegen , dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters Tochter , und wenn sie sich darin gefallen hat , dir von Modernität zu sprechen und dir vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke , dran alles chic und wieder chic ist , zu beschreiben und so zu tun , als ob es in der ganzen Welt nichts gäbe , was an Wert und Schönheit damit verglichen werden könnte , so ist das alles bloß Feuerwerk , Phantasietätigkeit , jeu d ' esprit , und wenn es ihr morgen paßt , dir einen Pfarramtskandidaten in der Jasminlaube zu beschreiben , der selig in Lottchens Armen ruht , so leistet sie das mit demselben Aplomb und mit derselben Virtuosität . Das ist , was ich das Schmidtsche nenne . Nein , Marcell , darüber darfst du dir keine grauen Haare wachsen lassen ; das ist alles nicht ernstlich gemeint ... « » Es ist ernstlich gemeint ... « » Und wenn es ernstlich gemeint ist - was ich vorläufig noch nicht glaube , denn Corinna ist eine sonderbare Person - , so nutzt ihr dieser Ernst nichts , gar nichts , und es wird doch nichts draus . Darauf verlaß dich , Marcell . Denn zum Heiraten gehören zwei . « » Gewiß , Onkel . Aber Leopold will womöglich noch mehr als Corinna ... « » Was gar keine Bedeutung hat . Denn laß dir sagen , und damit sprech ich ein großes Wort gelassen aus : die Kommerzienrätin will nicht . « » Bist du dessen so sicher ? « » Ganz sicher . « » Und hast auch Zeichen dafür ? « » Zeichen und Beweise , Marcell . Und zwar Zeichen und Beweise , die du in deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor dir siehst ... « » Das wäre . « » Ja , Freund , leibhaftig vor dir siehst . Denn ich habe das Glück gehabt , an mir selbst , und zwar als Objekt und Opfer , das Wesen meiner Freundin Jenny studieren zu können . Jenny Bürstenbinder , das ist ihr Vatersname , wie du vielleicht schon weißt , ist der Typus einer Bourgeoise . Sie war talentiert dafür , von Kindesbeinen an , und in jenen Zeiten , wo sie noch drüben in ihres Vaters Laden , wenn der Alte gerade nicht hinsah , von den Traubenrosinen naschte , da war sie schon geradeso wie heut und deklamierte den Taucher und den Gang nach dem Eisenhammer und auch allerlei kleine Lieder , und wenn es recht was Rührendes war , so war ihr Auge schon damals immer in Tränen , und als ich eines Tages mein berühmtes Gedicht gedichtet hatte , du weißt schon , das Unglücksding , das sie seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat , da warf sie sich mir an die Brust und sagte : Wilibald , Einziger , das kommt von Gott . Ich sagte halb verlegen etwas von meinem Gefühl und meiner Liebe , sie blieb aber dabei , es sei von Gott , und dabei schluchzte sie dermaßen , daß ich , so glücklich ich einerseits in meiner Eitelkeit war , doch auch wieder einen Schreck kriegte vor der Macht dieser Gefühle . Ja , Marcell , das war so unsere stille Verlobung , ganz still , aber doch immerhin eine Verlobung ; wenigstens nahm ich ' s dafür und strengte mich riesig an , um so rasch wie möglich mit meinem Studium am Ende zu sein und mein Examen zu machen . Und ging auch alles vortrefflich . Als ich nun aber kam , um die Verlobung perfekt zu machen , da hielt sie mich hin , war abwechselnd vertraulich und dann wieder fremd , und während sie nach wie vor das Lied sang , mein Lied , liebäugelte sie mit jedem , der ins Haus kam , bis endlich Treibel erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch ihrer Sentimentalitäten erlag . Denn der Treibel von damals war noch nicht der Treibel von heut , und am andern Tag kriegte ich die Verlobungskarten . Alles in allem eine sonderbare Geschichte , daran , das glaub ich sagen zu dürfen , andere Freundschaften gescheitert wären ; aber ich bin kein Übelnehmer und Spielverderber , und