, die er verließ , vergessen worden sei , ihr war er nie anders als bescheiden genaht . Sie konnte ihm nicht widersprechen , als er von neuem begann : » Sagen Sie mir , ob ein Gymnasiast sich gegen die stumm und heiß Vergötterte ungeschickter , blöder hätte benehmen können , als ich mich gegen Sie benahm ? ... Vorbei ! Mein freudenreiches Leben bleibt leer , ist nichts . Nun will ich ' s mit dem Ehrgeiz versuchen « , fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort , » dem Auskunftsmittel so manches Gescheiterten . Wenn Sie einmal hören , daß ich irgend etwas geworden bin , das zu sein der Mühe wert scheint , dann erinnern Sie sich dieser Stunde und wägen die Bedeutung ab , die äußerer Glanz des Daseins für mich haben kann . « Er hielt inne , er wartete , Maria schwieg . Schüchtern beinahe kam Tessin nach einer Weile auf seine erste Bitte zurück , sprach wieder von Alma : » Haben Sie Mitleid mit einer Unglücklichen , ein wenig Mitleid , Gräfin . Sie selbst wagt es nicht , Sie anzuflehen . Sie glaubt nicht einmal , an einem Orte mit Ihnen wohnen zu dürfen ; sie vergräbt und verzehrt sich auf dem Lande in Einsamkeit und Reue ... « » Sie tut recht « , unterbrach ihn Maria kalt und leise . » Mit welcher Stirn vermochte sie es früher , mit mir zu verkehren und - es ist unfaßbar - mit hundert Menschen , die alle in Kenntnis waren von ihrer unsühnbaren Schuld . « » Unsühnbar ? Ich meine , sie sühnt . « » Möge sie es versuchen . « Damit erhob sie sich , und er sprang auf : » Sie entlassen mich ? « » Leben Sie wohl . « » Ihre Hand ! ... Reichen Sie mir zum Abschied die Hand . Ein paar Duellanten reichen sich die Hand , wenn einer den anderen entwaffnet hat . Gräfin Maria , ich habe die grausamste Niederlage erfahren , ich habe alles verloren , Hoffnung , Mut , Kraft . Sie haben sogar den elenden Stolz gebrochen , der mich noch aufrecht hielt - aus Erbarmen , geben Sie mir die Hand ! « Seine Zähne knirschten , sein edles stolzes Gesicht war leichenblaß . Maria machte eine verneinende Bewegung mit dem Haupte . Nach einem letzten fragenden , beschwörenden Blick verneigte er sich und trat aus dem Zimmer . Maria blickte ihm nach . Da war ja ein vollständiger Sieg über sich selbst von ihr errungen worden ; denn wahrlich , das Erbarmen , um das er gebeten hatte , füllte ihre Brust zum Zerspringen , und süß und wonnig wäre es ihr gewesen , die Hand zu erfassen , die er beim Abschied nach ihr ausstreckte , und ihm zu sagen : Sie leiden nicht allein . Nehmen Sie diesen Trost mit sich . Aber sie hatte ihm die Hand nicht reichen dürfen . Er würde gefühlt haben , daß sie zitterte und eisig war , weil alles Blut zu dem aufrührerischen Herzen strömte , das ihm so toll entgegenschlug . Knapp vor der Abfahrt des Zuges trafen Hermann und Maria auf dem Bahnhofe ein , und wenige Minuten später dampfte die Lokomotive durch die Halle . » Ist das nicht Tessin ? « fragte Hermann , auf eine dunkle Gestalt deutend , die im Schatten eines Pfeilers stand und den fortrollenden Wagen nachblickte . Maria hatte ihn längst gesehen : » Ja , es ist Tessin . « » Mit dem Gesicht eines Selbstmörders « , versetzte Hermann . » Er ist mir unheimlich seit einiger Zeit . « Es war wieder eine laue , schöne Frühlingsnacht wie vor zwei Jahren , als sie ihre Hochzeitsreise nach Dornach angetreten hatten . Maria drückte sich in eine Ecke und schloß die Augen , und wieder , wenn sie sich öffneten , begegneten sie dem treuen , liebevollen Blick des Mannes , der über ihr wachte . Ihre Verstimmung war ihm sogleich aufgefallen . Er schrieb sie der überstürzten Abreise zu , die allen eben jetzt besonders reichlich gebotenen Vergnügungen der Stadt ein plötzliches Ende machte , fand sie sehr begreiflich und bedauerte , Marias Opfer egoistisch angenommen und zugegeben zu haben , daß sie ihn nach Dornachtal begleitete . » Wenn wir meine Mutter getrost verlassen können « , sagte er , » fahren wir im Mai nach Wien zurück zu den Rennen . « Maria widersprach : » Das wollen wir nicht tun , du hast kein Interesse daran , und ich , glaube mir , ich sehne mich nach der Ruhe in Dornach . Dorthin wollen wir , sobald die Mutter unserer nicht mehr bedarf . Nach Dornach , Lieber - dort wird alles gut werden . « Unwillkürlich , mehr zu sich selbst als zu ihm , waren die letzten Worte gesprochen , und nicht mit Zuversicht - mit peinvollem Zweifel . Hermann ergriff ihre Hände : » Was soll erst gut werden ? was ist nicht gut ? ... Sprich , sag es mir , du mein alles , mein Kind und meine Gottheit . Beglückerin ! was fehlt dir zum Glücke ? « Sie entzog ihm ihre Hände , um sie auf seine Schultern zu legen , und sah tief in seine friedlichen Augen hinein : » Mein Freund ... Mein Freund « , wiederholte sie und dachte daran , ihm alles zu gestehen , ihm zu sagen : Hilf - befreie mich - ich ringe in entsetzlichen Banden . Es frißt mir am Herzen , es ist ein sündiges Mitleid , eine verbrecherische Sehnsucht . Hilf , hilf , rette mich vor dem Wirrsal , in das ich geraten bin ! Sollte sie so zu ihm sprechen ? Eines Augenblicks Dauer , und sie staunte , wie der Einfall ihr hatte kommen können . War denn nicht jede Gefahr vorbei ? Was galt es noch zu bekämpfen ?