er nun zu fragen . » Nicht eigentlich ... Ich bin überhaupt kein Anhänger eines bestimmten Systems - eben aus Philosophie ... Sie erinnern sich des Schiller ' schen Distichons ... Ich denke und forsche . Nur die Erkenntniß ist real ... « » Gewiß ! Aber um erkennen zu können , bedarf man , abgesehen von der psychischen Grunddisposition , einer gewissen inneren , durchgesiebten Fülle , die indentisch mit Stille und feiner , leise vibrirender , seelischer Gespanntheit ist ... Und der Besitz dieser Gespanntheit hängt doch vielfach von den äußeren Verhältnissen ab - von Verhältnissen , die man in der Erkenntniß als werthlose Illusionen verwerfen muß ... und die trotzdem die Bedingungen sind , sine quibus intelligi non possit , nicht wahr ? Das Reale ist vom Abstrakten abhängig , nicht das Abstrakte vom Realen ... « » Hm ... hm ... « Irmer fuhr sich mit den weißen , schmalen , knochigen Fingern seiner rechten Hand über die hohe , durchfurchte , krankhaft ausgebleichte Stirn . » Und schließlich wissen wir doch Nichts - « fügte er mit leiser , müder , umflorter Stimme hinzu . » Haben Sie ' s fertig gebracht , ganz zu verzichten , Herr Doctor ? « fragte Adam , weniger , um das Gespräch zu vertiefen , als um es weiterzuspinnen . Es war ihm plötzlich eine bezwingende Sehnsucht nach Hedwig in die Seele getreten . Er hätte heute zu gern noch einmal ihr trotzig-gleichgültiges Gesicht vor sich gehabt , zu gern noch einmal den Blick ihres schweren , dunklen Auges herausgefordert . Also durfte er die Unterhaltung um keinen Preis an der galoppirenden Schwindsucht crepiren lassen . » Ganz zu verzichten - das ist wohl aus psychologischen Gründen unmöglich ... Einige Nabelschnüre dürfen wohl nicht reißen ... « » Aber warum denn überhaupt verzichten , Herr Doctor ? Ich finde zeitweilig das Leben dämonisch schön ... dämonisch berauschend ... ich glaube fast : sogar auch in diesem Augenblicke ... Ja ! Gewiß ! Es kann Einem jede Sekunde eine Dachziegel auf den Kopf fallen ... und man läuft immer Gefahr , irgend einen Fuß oder irgend ein Genick zu brechen ... Aber warum soll man den der menschlichen Natur immanenten Leichtsinn - und nur er exportirt ja das Oel , welches die schaurig-groben Reibungen des Lebens verringert - tragisch nennen , wie so viele alte und junge Unglückstanten thun ? Leben wir doch drauf los ! Mag ' s doch kommen , wie ' s will ! Eine geradezu fanatische Lebenssehnsucht krampft sich manchmal in meinem Herzen zusammen . Es giebt ja namenlos viel Unglück und Elend auf der Welt ... ja ! ... ja ! . ich weiß es recht gut ... Was die Armuth leidet , die nackte und die versteckte , - es ist unsagbar ... Der Mensch liebt das Vergleichungsverfahren . Das ist sein Grundelend . Ich wohnte einmal bei einer Familie , wo die Frau Tag ein , Tag aus , vom frühen Morgen bis zum späten Abend , weiter Nichts zu thun hatte , als Magd und Mutter zu spielen ... Unsereiner kann die Enge , die Monotonie , die Schmucklosigkeit , das grenzenlos Mechanisch-Marionettenhafte einer solchen Existenz gar nicht fassen . Und dabei diese Bedürfnißlosigkeit ! . Es ist unglaublich , wie beschränkt der Anschauungskreis ist , in dem eine solche Kleinbürgerfamilie lebt ! Immer dieselben Pflichten , dieselben Arbeiten , dieselbe Beurtheilung des Lebens , dieselben Sorgen , dieselben Gedanken , dieselben Worte , dieselben Eindrücke , dieselben Gedanken- und Vorstellungsverbindungen ! ... Und täglich die gleichen Lebensbedingungen ! ... Ich machte mir öfter das , meinetwegen : das etwas wohlfeile Vergnügen , ganz meiner Natur gemäß , in meiner Art , in meinem Jargon mit der Frau zu verkehren : sie verstand mich einfach nicht . Die Kluft , welche individuelle Civilisation , eigene Geistescultur hier geschaffen , ist unüberbrückbar . Und doch kann ich nicht umhin , selbst von meinem Standpunkte aus , der vielleicht ein Kirchthurmstandpunkt ist gegenüber dem - halten Sie mir , bitte ! den Vergleich zu Gute , - also gegenüber dem Düngerhaufenstandpunkte jener Kleinweltsleute - vielleicht aber auch nicht ! giebt es denn etwa einen einzigen , wirklich competenten Maßstab ? - selbst also bei diesem Sehverhältniß muß ich etwas Heroisches in dem stillen Aufsichnehmen , in dem beinahe kritiklosen Ertragen aller jener erbärmlichen Lebensumstände sehen . Eine solche Frau aus dem Volke bleibt mit ihren kleinen und ihr doch so wichtigen Sorgen um Wirthschaft und Kinder fast immer hinter den Coulissen , kommt äußerst selten auf die Bühne des Lebens . Sie sorgt sich und quält sich den ganzen lieben Tag ab und opfert schließlich auch den größten Theil der Nacht ihren Kindern ... jammert wohl auch öfter ' mal und stöhnt auf - und arbeitet , trägt , erträgt morgen doch wieder so geduldig , wie sie gestern gearbeitet , getragen und ertragen hat ... Aber ich bin ganz von dem abgekommen , was ich eigentlich sagen wollte . Jenes Vergleichungsverfahren , das ich vorhin das Grundunglück der Menschheit nannte , begiebt sich übrigens auch bei den Märtyrern der Beschränktheit nicht ganz seines Einflusses ... Aber hier , wo Alles noch einigermaßen niet- und nagelfest , wenn auch ungeheuer eng und klein ist ; wo die Reifen nicht vom Fasse springen , höchstens einmal aufknarren - hier ist zum Gebrauch der Comparation verhältnißmäßig wenig Zeit übrig ... und wo sie unwillkürlich geübt wird - und das geschieht allerdings ziemlich oft - macht sie bei der Lage der Dinge höchstens eine böse Stunde , kaum einen bösen Tag ... Die entfesselte Noth , die grollende , aussichtslose Armuth bietet der Phantasie einen viel fruchtbareren , viel günstiger präparirten Mutterboden . Doch ich bin immer noch nicht bei dem angelangt , auf das anfangs hinauswollte . Also ... ja ! ... warum durchaus - warum partout , wie man im Deutschen sagt , verzichten , Herr Doctor ? Ich möchte das Leben noch einmal