vom Flur her und meldete : » Der Herr Graf ! « Taiß folgte augenblicklich , Fanny streckte dem hohen , bärtigen Mann beide Hände entgegen . » Haben Sie einen Platz für mich an Ihrem Abendtisch , teure Frau , und eine Stätte für mein Haupt zur Nacht ? « » Beides . Fritz , « rief sie dem Diener nach , » das Zimmer für den Herrn Grafen ! « Der Graf , eine stolze Erscheinung , gut gewachsen und tadellos gekleidet , mit jener Eleganz , die der letzten Mode zu folgen weiß und doch das Geckenhafte vermeidet , hatte ein sonnenverbranntes Gesicht , dessen untere Hälfte sich in einem kurz gehaltenen dunklen Vollbart verbarg , über den die flatternden Enden des viel hellern Schnurrbarts hingen . Aus den nicht schönen , aber angenehmen Zügen traten eine wohlproportionirte Nase und ein helles , adlerscharfes Augenpaar hervor . Dies streifte jetzt Joachim , den Fanny alsbald vorstellte . » Ich bin auf einer Rundtour . Weshalb ? - später . Für jetzt bin ich nur froh , daß Sie daheim sind und nicht alle Fremdenstuben voll haben ! « rief Graf Taiß . » Sie wissen , ich lebe immer still für mich weg . Nur im September ist es lebendig hier . « » Meine Frau und meine Schwester senden tausend Grüße - sie werden sich wie alljährlich im September einfinden , « sagte der Graf . » Leonore hatte die größte Lust , mich heute zu begleiten , aber das mochte ich nicht wagen , Sie gleich mit der Gattin zu überfallen . « » Sie hätten es nur thun sollen . Frau von Herebrecht ist auch hier . Bitte , lieber Joachim , benachrichtigen Sie Adrienne . Herr Graf wird sich in seinem Zimmer vom Staub der Landstraße befreien wollen - Pastors werden auch inzwischen kommen - also : Rendezvous auf der Terrasse ! « Taiß küßte Fanny die Hand und ging hinaus . Joachim sah dem eleganten Mann mit dem langen rehfarbigen Paletot nach . » Ist das der bekannte Konservative ? « fragte Joachim . » Ja . Aber , bitte , sagen Sie Adrienne Bescheid . « Zwei Stunden später saß die ganze Gesellschaft um den Theetisch auf der Terrasse . Der Samowar stand vor Severina , die den Thee einschenkte . Joachim saß neben ihr und sah es als sein Recht und seine Pflicht an , ihr zu helfen , wie er sich denn überhaupt immer unwillkürlich zu ihr gesellte , kraft der Zusammengehörigkeit der Jugend . Die Pastorin strickte mit rasender Geschwindigkeit . Adrienne lag in den Schaukelstuhl zurückgelehnt und hatte die zarten Hände im Schoß gefaltet . Fanny nähte an einem Flanelljäckchen . Die Herren rauchten Cigarretten , mit Ausnahme des Pastors , der nur Erlaubnis tagsüber zu zwei Pfeifen hatte . Magnus sah von Zeit zu Zeit flüchtig über Adrienne hin , schien aber sonst ganz beschäftigt , respektvoll dem Gespräch zuzuhören , das Graf Taiß und Lanzenau leiteten . Es hatte sich sehr lange und lebhaft mit den neuen Kolonien beschäftigt , wozu Arnolds Reise die natürlichste Veranlassung gegeben . Adrienne konnte den Binnenlandsbewohnern manche kleinen Dinge aus dem Leben der Marineoffiziere erzählen , die neu und interessant waren . Aber seit Graf Taiß erzählt hatte und durch eine Notiz aus der Kreuzzeitung zu belegen wußte , daß das Kommando der Offiziere und Besatzung der » Maria « schon klimatischer Verhältnisse wegen nach einem Jahr abgelöst werden würde , seitdem war sie in Schweigen versunken , ein Schweigen , das sowohl Fanny als Magnus auffiel . » Sie scheint nicht glücklich darüber , « dachten beide . Und Magnus sah sie darauf öfters an . Die Pastorin warf , je angeregter Taiß im Gespräch wurde , um so häufiger einen Seitenblick auf den Whisttisch , der am andern Ende der Terrasse aufgerichtet war . » Wissen Sie , « sagte Taiß , » daß unser bisheriger Vertreter im Reichstag , der alte von Behren , sein Mandat wegen Altersschwächlichkeit niederlegt und daß wir an eine Neuwahl denken müssen ? « Fanny sah ihn sehr mißtrauisch an . » Sind Sie deshalb gekommen ? « Taiß nickte . » O weh , « sagte sie , » mir wird bange ! « » Vor der Politik - das kennen wir , « meinte Lanzenau , » aber vielleicht ist Taiß nur gekommen , uns zu sagen , daß er selbst das seit fünfzehn Jahren von Behren innegehabte Mandat übernimmt . « » Keineswegs , « erklärte Taiß ; » ich werde meinem bisherigen Wählerkreis nicht untreu . Schmettow will für uns kandidiren , aber es ist ein sozialdemokratischer Gegenkandidat zu fürchten , der bekannte Schneider Mülding . « » Wie schade ! « seufzte Fanny ; » ehedem erbte es sich von Periode zu Periode als Selbstverständlichkeit fort , daß Behren gewählt wurde . Nun gibt es Wühlereien , die Leute bekommen mir Raupen im Kopf , der Wirt verdient . Unser Idyll ist zerstört . So kann der Frömmste nicht im Frieden leben , wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt . « » Alle dem können Sie für Driesa , Mittelbach und Ihre Vorwerke vorbeugen , teure Frau , wenn Sie meinem Plan zustimmen . Versammeln Sie morgen Ihre Bauern , halten Sie ihnen eine Rede und sagen Sie den Leuten , daß sie unsern Kandidaten wählen sollen . Bei der blinden Verehrung , welche man Ihnen zollt , werden uns die hundertunddrei Stimmen Ihres Reiches bedingungslos zufallen . « » Ich , « rief Fanny mit blitzenden Augen , » ich sollte mich mit Politik befassen ? Niemals ! Die Rede , welche ich den Leuten halten würde , möchte ein Unikum sein und Ihnen für immer Stoff zum Lachen geben . « » Aber eine Frau muß doch Stellung nehmen zu den großen Fragen der Zeit ! « rief Taiß entgegen . » Die großen Fragen der Zeit , das sind für jede Partei