auch bleich und schmächtig , aber kerngesund . Man mußte nur ihre Reisebriefe lesen - das Mädchen ertrug ja Strapazen und Anstrengungen wie ein Mann ! ... Diese Bravourstücke waren übrigens durchaus nicht nach dem Geschmack der alten Dame ; der Entwickelungsgang der Enkelin mißfiel ihr gründlich . Ein langjähriger Aufenthalt in einem vom Adel frequentierten , etwas orthodox angehauchten Pensionat , dann Vorstellung bei Hofe , und nach einigen Jahren der Auszeichnung und des Triumphes als Abschluß eine gute Partie - so mußte eigentlich die Jugendzeit der einzigen Tochter eines reichen Hauses verlaufen . Aber schon der Plan bezüglich des Institutes hatte ja an Margaretens Trotzkopf scheitern müssen , und das Mädchen war zum stillen Aerger der Großmama bis über das vierzehnte Lebensjahr in seiner » entsetzlichen Urwüchsigkeit « verblieben . Dann war allerdings ein plötzlicher Umschwung eingetreten . Die jüngere Schwester der Frau Amtsrätin war an einen Universitäts-Professor verheiratet , dessen Name einen weithin geltenden Klang hatte . Er war Historiker und Archäolog , und da ihm bedeutende Mittel zur Verfügung standen , so reiste er viel , um für seine wissenschaftlichen Werke aus den Quellen selbst zu schöpfen , und dabei war ihm seine Frau ein treuer Kamerad - Kinder hatten sie nicht . Nach langem Aufenthalt in Italien und Griechenland waren sie nun auch wieder einmal in die Heimat zurückgekehrt , und die Frau Amtsrätin hatte sich glücklich geschätzt , die Durchreisenden auf einige Tage beherbergen zu können , denn sie war sehr stolz auf den Ruhm ihres Schwagers . Am ersten Tage war der » unmanierliche Backfisch « , die Grete , für die zürnende Großmama nicht zu finden gewesen - wer mochte denn auch einem hochnotpeinlichen Verhör so geradewegs in die Hände laufen ? - Der famose gelehrte Großonkel in Berlin hatte dem Mädchen von jeher einen gelinden Schauder über die Haut gejagt . Das war so einer , der die unglücklichen Schulkinder einfing , sie zwischen seine Kniee klemmte und examinierte , bis sie vor Angst schwitzten . Gesehen hat sie ihn nie ; aber er war selbstverständlich lang und steif wie ein Stock , lachte nie und sah mit strengen stechenden Augen durch große , runde Brillengläser . Am zweiten Morgen aber hatte sie sich im Flursaal , einer offenen Salonthüre schräg gegenüber , hinter dem Büffett verkrochen - Professors frühstückten beim Papa . Und sie hatte große Augen gemacht ; denn der schöne alte Herr konnte lachen , wirklich so recht aus Herzensgrunde lachen . Er hatte einen herrlichen , weißen , bis auf die Brust herabwallenden Vollbart und dazu prächtige helle Augen ohne Brillengläser . Und wie ein Junger hatte er das Glas mit dem funkelnden Goldwein gehoben und einen schalkhaften Toast ausgebracht . Dann hatte er von den Schliemannschen Ausgrabungen auf dem Berge Hissarlik erzählt , und sehr verwunderlich war es dabei gewesen , daß seine Frau , die Großtante mit dem glatt gescheitelten , vollen Grauhaar über dem klugen Gesicht , auch drein gesprochen , und zwar ganz mit demselben Verständnis wie der große Gelehrte . Ja , eine weite wunderherrliche Welt voll alter , versunkener und nun wieder erstehender Geheimnisse hatte sich da aufgethan , und die lauschende junge Unwissende hinter dem Büffett hatte sich allmählich aus ihrer kauernden Stellung aufgerichtet ; dann war es gewesen , als schleiche ein leiser , nachtwandelnder Fuß über den Flursaal her , bis das langaufgeschossene Mädchen unsicheren Blickes , in fluchtbereiter Haltung , aber im atemlosen Hören die verschränkten Hände auf die Brust gepreßt , unter der Salonthüre erschienen war ... » Meine Grete - ein scheuer Vogel , wie Sie sehen ! « hatte der Papa mit der Hand nach ihr hingewinkt und damit den Zauber gebrochen . Im panischen Schrecken war der scheue Vogel von der Schwelle geflohen , hatte , verfolgt von einem vielstimmigen heiteren Gelächter , die Flursaalthüre klirrend hinter sich zugeschlagen und war die Treppe hinab mehr gestürzt als gelaufen . Allein Flucht und trotziger Widerstand hatten nichts mehr genützt , die wilde Hummel hatte sich rettungslos auf ein fremdes Gebiet verflogen ; Lernbegierde und Wissensdurst waren in der jungen Seele erwacht und hatten sie immer wieder zu Füßen der Erzähler geführt , und als nach acht Tagen der Wagen vor dem Lamprechtschen Hause gehalten hatte , um die Fortreisenden nach der Bahn zu bringen , da war auch die » unmanierliche Grete « in Schleierhut und Reisemantel aus der Hausthüre getreten , verweinten Gesichts zwar und den letzten Jammerlaut eines schweren Abschiedes auf den Lippen - aber man hatte sie mit nichten in den Wagen schleppen müssen , und sie hatte auch nicht geschrieen , daß die Leute auf dem Markte zusammenlaufen mußten , fest entschlossen und freiwillig war sie mitgegangen , um bei Onkel und Tante zu lernen und sie auf ihren Reisen zu begleiten . Darüber waren fünf Jahre hingegangen . Margarete war neunzehnjährig geworden und hatte das väterliche Haus nicht wieder gesehen . Ihre Verwandten , vorzüglich den Papa , hatte sie in der langen Zeit öfters , teils in Berlin , teils auf Reisen bei verabredeten Rendezvous gesehen , und in den letzten zwei Jahren waren die Besuche der Großmama in Berlin immer häufiger geworden ; sie wollte die Enkelin heimholen ; allein Onkel und Tante zitterten bei dem Gedanken an eine Trennung , und das junge Mädchen selbst verspürte nicht die geringste Lust , sich am heimischen Hofe vorstellen zu lassen , und so mußte die Frau Amtsrätin zu ihrem bittersten Verdruß immer wieder allein zurückreisen . Tante Sophie war , außer Herbert , die einzige der Familie gewesen , die sich ein Wiedersehen mit » der Gretel « hatte versagen müssen . Nein , das sollte ihr einmal niemand nachsagen können , daß sie um einer Freude , eines Herzensbedürfnisses willen den Haushalt je , auch nur für ein paar Tage , im Stiche gelassen hätte ! Es ging eben nicht und ließ sich vor dem Gewissen nicht verantworten , und da hatte das dumme , alte Herz